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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 04:30

     

    Fernando Vallejo: Blaue Tage

    23.03.2009

    Im Land der versammelten Desaster

    Von den phantastischen Familien-Kriegen während seiner Kindheit in Medellín, das damals noch nicht Hochburg der Drogenbarone war, erzählt in seinem Buch Blaue Tage der misanthropischste lateinamerikanische Schriftsteller, der schon jahrzehntelang in Mexiko lebende Fernando Vallejo. Von Wolfram Schütte

     

    „Diese Gegend hat mich kaputt gemacht und ich bleibe solange, bis man ihr das anmerkt”, hat Herbert Achternbusch über seine Heimat gesagt, der er trotz seines filmischen Abschiedsgrußes „Servus Bayern“ bis heute verhaftet blieb. Daran musste ich denken, als ich in Blaue Tage von Fernando Vallejo – auch er ein Filmemacher und Schriftsteller – ein ganz ähnliches Bekenntnis las: „Ich bin mit Medellín groß geworden. Ich war ein weinerliches Kind und Medellín ein kleine Stadt: wir sind gemeinsam groß geworden, gemeinsam verdorben, das Leben hat uns ruiniert.” Der Kolumbianer aber hat seine Geburtstadt und sein Heimatland längst verlassen und lebt in Mexiko, weil er „zu Hause” wohl schon lange ein toter Mann wäre.

    Der Name der im Laufe der letzten Jahrzehnte zum Zentrum & Sitz der Drogenbarone gewordenen, heute zweitgrößten Metropole Kolumbiens („mit der größten Backsteinkathedrale der Welt”) ist mittlerweile ein Synonym für Kriminalität, Kokain, Korruption und Verelendung. Als der 1942 als Sohn eines konservativen Politikers geborene Fernando Vallejo im Kreis einer vielköpfigen & zeitweise wohlhabenden Großfamilie aufwuchs, war es noch tiefe Provinz. Wenn auch schon damals nicht gewaltlos & brutal, so brach 1948, nach der Ermordung des liberalen Präsidentschaftskandidaten J. E. Gaitan, die gnadenlose „Violencia” aus: ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg zwischen den unversöhnlichen Lagern der Konservativen und Liberalen, der über 100.000 Tote kostete und auch als Grundstrom jedem Leser von Hundert Jahre Einsamkeit vertraut ist.

    Die Parteigänger beider extremer Haltungen strichen ihre Fensterläden blau oder rot an, sodass sie gegenseitig als Adressaten für ihre wechselseitigen Mordaktionen sofort erkennbar waren. Denn als Konservativer oder Liberaler wird man in Kolumbien geboren & bleibt es bis zu seinem (gewaltsamen) Tod. Nur die naive Mutter Fernando Vallejos meinte, man könne die Partei wechseln; es sei aber schlimmer, bemerkt dazu der Erstgeborene ihrer vielen Kinder, als das Geschlecht zu wechseln.

    Heimisch weniger als unheimlich werden Land & Leute für den ohnehin aufbrausenden jungen Fernando gewesen sein, der beide verachten und hassen lernte. Mit den Worten „Bumm! Bumm! Bumm!” lässt Vallejo seine autobiografischen Erinnerungen anheben. Das dumpfe Geräusch entsteht, weil der Drei- oder Vierjährige mit seinem Kopf „auf den harten, kalten Fliesenboden des Innenhofes, auf die weite Erde, die Welt (hämmert)” – die „ein riesiger Resonanzboden für meine Wut” ist, weil ihm, in der Abwesenheit der einkaufenden Mutter, das „niederträchtige kleine Dienstmädchen, das sich ein paar Schritte entfernt vor Lachen krümmte, höhnisch kichernd” verkündet hatte: „Heute gibt´s keine Schokolade.“

    Leuchtende Finsternis der Erinnerung

    Wut, Sadismus, Ohnmacht, die sich zu einer Beschwörung verdichten, deren Lärmwelle die Erde hinter sich lässt und bis zum Mars ausdehnt, „wo die weisen Marsmenschen sie mit ihren Apparaten einfingen”: mit dieser grandiosen literarischen Evokation präludiert Fernando Vallejo ein ebenso finsteres wie leuchtendes Buch, das die große, im letzten Jahr verstorbene Übersetzerin Elke Wehr uns als ihre letzte Empfehlung postum hinterlassen hat.

    Vallejos Blaue Tage – womit sowohl auf seine politische Herkunft als auch auf die Bläue des Himmels angespielt wird, in die sich am Ende ein kleiner Freiluftballon erhebt – ist bereits 1985 erschienen (eine Anspielung auf den afrikanischen Biafra-Krieg erinnert daran); aber das bunte Kaleidoskop von sarkastisch-pointierten Aperçus, Anekdoten, Porträts, Szenen, Phantasmagorien aus der Familiengeschichte des Autors hat nichts von seiner brillanten Bösartigkeit und polemischen Übertreibungskunst verloren.

    Denn Fernando Vallejo, der Kolumbien für das „Land der versammelten Desaster” und seine Landsleute für Faulenzer, Diebe, Räuber, Betrüger und Mörder hält und einen der angesehensten Literaturpreise Lateinamerikas, den er 2003 für seinen Roman Der Abgrund erhalten hatte, den „Heimen für die aufgelesenen Hunde Medellíns” stiftete, ist nicht nur ein hochgebildeter Intellektueller, ausgepichter Stilist und Rhetoriker, sondern auch ein abgrundtiefer Misanthrop mit voltaireschem Witz.

    Familiäre Kriege & mütterliche Wut

    Wie der französische Aufklärer, der seinen Candide allen nur möglichen Bestialitäten und Idiotien der „besten aller möglichen Welten” höhnisch ausgesetzt hat, so lässt der Kolumbianer sein kindliches Ich in den Brunnen einer Vergangenheit hinab, deren Wände von Dummheit und Grausamkeit, Verrücktheit und Hexenwahn, Sadismus und Kriminalität widerhallen und das sensible, hochmusikalische, vergeblich nach mütterlicher Liebe sich sehnende Kind umstellen. Schon in der Familie mit der ewig gebärenden Mutter herrschte das nackte Chaos, weil die Mutter Lia als Erzieherin „sich nicht aufhielt mit Duldungen, mit Rücksichten. Sie warf, was in ihrer Reichweite war: mit Schuhen, Scheren, Bürsten, Hämmern” nach ihren Kindern. „Auf dem Gipfel der Ungeduld, auf dem Höhepunkt der Wut nannte sie uns Hurensöhne, ohne zu merken, dass der Bumerang zu ihr zurückkehrte.” Zu ihrer eigenen Beruhigung aber ging sie zum Klavier und spielte „Karneval von Venedig”.

    Obwohl seine Familie nach außen hin immer geschlossen auftrat, herrschten intern zehn oder fünfzehnjährige Kriege, die Vallejo im Titel eines Adamov-Theaterstücks wiedergegeben sieht: „Alle gegen alle”. Der konservative Autor sieht den Grund darin, dass es die Mutter versäumte, das „von der Natur vorgegebene System von Hierarchien zu etablieren, das Ordnung und Frieden hätte gewährleisten können”: das Recht des Erstgeborenen & Ältesten, den Befehl über alle später Gekommenen zu haben. Die mütterliche „Demokratie” habe zu Autoritätsverlust und Anarchie in der vielköpfigen Familie geführt, weil (wie der Autor in einer finsteren reaktionären Volte behauptet, die an seinen reaktionären Landsmann Gómez Dávila erinnert), „es keine Demokratie geben kann, wo die einen früher kommen und die anderen später”. Und um noch eines im Großen & Ganzen drauf zu setzen: „Wann hat man erlebt, dass in den Vereinigten Staaten diejenigen, die auf der Mayflower kamen, dieselben sind, die die Toiletten putzen?“

    Wenn es auch oft hirnrissig ist, monströs überzeichnet, grotesk verzerrt, so ist es doch allemal wahnwitzig, was Fernando Vallejo – dieser kolumbianische Thomas Bernhard – über seine „Kindheit in Medellín” hier zu einem Band von oft vergifteten Medaillons versammelt hat. Denn seine Lust an der Übertreibung ins Kakophonische & Paradoxe beschwört & vernichtet ästhetisch das Hässliche, den Schrecken und die Schande durch sarkastischen Witz und drastischen Humor. Es sind glänzende Gegengifte, dem Unerträglichen (des Lebens und der Erinnerung) künstlerisch Paroli zu bieten und dadurch aus ihm einen Erlebnisgewinn zu ziehen, der einem als Leser beim Gang durch die dichte Bilderwelt der Blauen Tage zufällt.

    Wolfram Schütte


    Fernando Vallejo: Blaue Tage. Eine Kindheit in Medellín. (Los días azules, 1985). Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp Verlag 2008. 223 Seiten. 22.80 Euro.



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