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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 02:37

     

    Hermann Burger: Schilten

    09.03.2009


    Von Scherzen und Schmerzen

    Vor 20 Jahren starb Hermann Burger, seine Hinterlassenschaft ist ein Monument des Kleinen und harrt der Wiederentdeckung. Von Christoph Pollmann

     

    Kanton Aargau, nebliges Seitental. Dort wird ein Lehrer allmählich verrückt. Das ist kürzestgefasst der Stoff, aus dem der geniale Roman Schilten gewoben ist. Wäre da nicht das erzählerische Ornat: die (Über-)Lebensdetails und -umstände des Scholarchen Armin Schildknecht, die sich mal wie feine Stickereien ausnehmen, mal zu wulstigen Knoten verhärten. Diese Erzählornamente werden letztlich das gesamte Erzählgewebe durchwuchern und vollends Besitz davon ergreifen. Die anfängliche Schrulligkeit des Stils verwandelt sich beim Lesen allmählich in Pedanterie, dann in Irrsinn und mündet in Tragik. Nichts hat mehr Maß darin. Befüttert wird dieser Verfallsprozess, den wir begleiten, vom allzu atemnehmerischen Lebensalltag des Dorfschullehrers, der um seine Unterrichtsmethoden zu rechtfertigen, Briefe an die Inspektorenkonferenz schreibt. Diese Briefe sollen den klaren Geist des Armin Schildknecht belegen, seine denkerische Stringenz, doch letzten Endes geraten sie in ihrer Kleinkrämerei und in ihrer absurden Phantastik zu Belegen seiner Krankheit, seines rettungslosen Verfalls. Was als jokoser Wortwitz beginnt, wird zum Dokument des furiosen Wahnwitzes. Die eigentliche Tragik: Der Dialogsuchende verflucht sich selbst zum Monolog, er strampelt sich tiefer in den Sumpf, dem er entkommen mag, sein Hilferuf wird sein Untergangsgesang. Hieran lässt sich erkennen, welches Vertrauen Burger in die Macht der Sprache setzte. Keines.

    Die Kunstfertigkeit des Scheiterns

    Die Figuren von Hermann Burger machen das im Übrigen gerne, das Leben wird aus der Perspektive des Todes wahrgenommen. (Burger nannte sich selbst gerne einen „Totologen“.) Sie legen auf äußerst detailversonnene Weise ihre Lebensumstände dar. Gerichtet sind diese beichtgängerischen Darlegungen dann oft an eine höhere Instanz, wie z.B. die Inspektorenkonferenz in Schilten. 20 Jahre nach dem Selbstmord des Schweizer Autors wird sein bis heute berühmtestes Werk neu aufgelegt in einer Neuausgabe von Peter von Matt und mit einem sehr zu lobenden Nachwort von Thomas Strässle.

    Die scheinbare Provinzliteratur berührt die größten Themen, die Literatur zu bieten hat, und arbeitet sie in einer Weise aus, wie man sie selten zu lesen bekommt. Diese komplette Reduktion, ja Verdichtung auf den Monolog und die Betrachtung, ja Inspektion der dörflichen Umwelt mögen vielleicht wie ein Hindernis klingen, große Literatur zu erschaffen, aber ganz im Gegenteil sorgen Dichte und (Über-)Genauigkeit für das eigentliche Erlebnis.

    Ein Schulhaus direkt neben dem Friedhof, Bestattungen in der Turnhalle, der Zweiklang von Pausenklingel und Totenglocke, ein Hausmeister als Totengräber – das ist das Setting, das Burger zu dem Roman veranlasst hat. Die klamme Erziehung zum Tod, die ständige Präsenz der Todesangst, der man Tag für Tag etwas entgegenstellen muss, um sie sich vom Leib zu halten. Doch dieses Entgegenstemmen treibt den Dorflehrer nur tiefer in den Friedhofsgrund. Der Tod wird zu seinem zentralen Unterrichtsthema. Und genau diese Selbsttherapie führt in den Wahn, der zunächst witzkostümiert daherkommt. Doch das Ganze ist noch viel subtiler, denn die Grenzverwischung zwischen Gewahntem und authentisch Erlebtem ist eine doppelte. So wie Armin Schildknecht letzten Endes nicht mehr wird unterscheiden können zwischen Realien, Irrealien und Surrealien, so sehr wird es am Ende auch der Leser kaum mehr können. Denn Schilten ist Schiltwald – der Autor kannte es von Kindheit an. Selbst die Dorflehrerleiden hatte er eigenleibig erfahren dürfen. Und so labyrinthet uns Hermann Burger unmittelbar hinein in diese Zwischen- oder Doppelwelt der Fiktion. Der Inspektor, an den der Brief gerichtet ist und zu dem wir ganz allmählich werden, kann am Ende nur noch psychiatrische Hilfe anbieten. Das ist die kurze Antwort auf einen über 400 Seiten anschwellenden Hilfeschrei.

    Mit der Erzählung „Die Wasserfallfinsternis von Badgastein“ gewann Burger 1985 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Privat lief es weniger erfolgreich. Auf Wunsch seiner Frau Annemarie Carrel wurde 1988 die Ehe, aus der zwei Kinder hervorgegangen waren, geschieden. Am 28. Februar 1989, nur wenige Tage nach dem Tod Thomas Bernhards, seinem „Prosalehrer“, schied Hermann Burger in seiner Wohnung im Pächterhaus von Schloss Brunegg im Kanton Aargau nur 46-jährig durch zehn Tabletten Vesparax aus dem Leben.

    „Drei hohe Cs bestimmten mein Leben“

    „Das Cimiterische, das Cigarristische und das Circensische.“ Was es mit dem Cimetrischen und Circensischen auf sich hat, ist nun vielleicht klar geworden, doch was meint das Cigarristische? „Dieses allmähliche Sicheinnebeln, dieses Gestaltwerden in den Schwaden ist für mich das Urbild schöpferischer Tätigkeit“, so Hermann Burger. Der blaue Rauch war sein künstlerisches Fluidum, er nannte sich selbst sogar gerne einen Cigarier. Dazu war er ein passionierter Sportwagenfahrer und der Satz „Ferrari humanum est“ belegt vielleicht recht gut, dass er irgendwo zwischen Geltungsbedürfnis und Selbstzweifeln seelisch zu verorten ist. Jedes seiner Bücher ist dabei sosehr Expedition wie Therapie. Amtsdeutsch, Enzyklopädiedeutsch, Barockdeutsch – seine Sprachgewalt ist ungeheuer. „Da muss ich immer aufpassen, (...) dass der Leser zwischen diesen Sätzen noch atmen kann“, sagte Burger selbst einmal.

    Sein Leben war eine Krankheit zum Tod. Dem Dreijährigen wies die Großmutters die Heimat, als sie auf den Friedhof zeigte und zu ihm sagte: „Do usse bisch deheime, Bueb!“ Mit 30 begann die Depression, der Tod mit offenen Augen, wie Burger die Krankheit selbst nannte. Und um ihn, den Schnitter, auf Abstand zu halten, ihm eins auszuwischen, entstand das so kunstreiche wie ungehemmte Spiel mit der Sprache, ihre andauernde Anreicherung und Aufladung mit Fremd- und Fachwörtern, mit Neologismen und Manierismen. In Perioden zudem, die kein Ende absehen lassen, die immer wieder abschweifen, sich selbst unterbrechen, zurückfließen, überborden – darin ist Burgers Kampf gegen den Tod so schmerz- wie scherzhaft zu erkennen.

    Christoph Pollmann


    Hermann Burger: Schilten. Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz Nagel & Kimche 2009. 416 Seiten. 24,90 Euro. ISBN 978-3-312-00426-3.



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