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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:57

    Daniel Kehlmann: Ruhm

    02.03.2009

    Artist in seiner Zirkuskuppel: turnend - Kehlmanns prosaischer "Ruhm" im Gegenlicht.

    Daniel Kehlmanns neuer Roman hat dem Autor mehr Vergnügen bereitet, als einem Leser, der von Julio Cortázar und Italo Calvino verwöhnt worden war und in dem artistischen Ruhm nur eine schöne Kunstfigur sehen kann. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Das gespannte Interesse sowohl der Buchkäufer wie der Kritiker an Daniel Kehlmanns „erstem Buch” nach seinem „Welterfolg” ist durchaus verständlich. Seine Vermessung der Welt ist um die Welt gegangen und auf Deutsch soll sie 1,3 Millionen Mal verkauft worden sein. Aber die schneeballartig akkumulierte Käuferresonanz beim Publikum hatte 2006 ff. die deutschsprachige Kritik verunsichert. Manche Kritiker, die das Buch bewundert hatten, glaubten sogar, sich revidieren zu müssen, weil Die Vermessung der Welt nun doch „so gut auch wieder nicht ist“. Als sei Kehlmanns vielfach berätselter Bestsellererfolg eine Schande, für die man sich als rezensierender Lobredner nun zu schämen habe.

    Der österreichische Autor, dem bewusst war, im langen Schatten seines Erfolgs nun von aller Welt neu vermessen zu werden, hat sich angestrengt, um alle durch einen literarischen Tour-de-force-Ritt zu überraschen – mit einem „Roman in neun Geschichten“, der witzigerweise Ruhm heißt. Die selbstbezügliche Ironie des Titels ist aber leider das einzig wirklich Witzige, wenn man seine schwergewichtig dröhnende, enervierend lange Parodie des sprachlichen Internet-Geschwurbels („Ein Beitrag zur Debatte”) nicht auch noch für witzig, statt bloß für albern hält.

    Es sieht aber für mich eher so aus, als habe Daniel Kehlmann über seine literarische Klöppelarbeit an Allusionen und „Links”, mit denen er ein Netzwerk von Bezügen zwischen seinen neun Geschichten zu einem „Short-Cut“-Potpourri knüpft, vergessen, dass sein persönlicher Spiel-Spaß an der Erfindung von Figuren, Konstellationen & Motiv-Verweisen nicht notwendigerweise von einem Nach-Leser geteilt werden muss.


    Die neun Geschichten haben, wie der Roman, der sich über sie entwickelt, ein gemeinsames Thema: die Entwirklichung der gelebten Welt durch die neuen Kommunikationsmedien Handy, Internet & TV einerseits; und andererseits die Fiktionalisierung des Erlebten durch Schriftsteller, denen ihre erfundenen Figuren das ihnen zugedachte Lebens- & Sterbenskonzept durchkreuzen („Rosalie geht sterben“), sodass sie sich am Ende sogar „In Gefahr“ (& höchster erzählerischer Not) aus dem Staub machen und in Luft auflösen.

    Der zur Buchvermarktung seines Bestellers und zum deutschen Prestige (auch für das „Goethe-Institut”) viel gereiste junge österreichische Bestsellerautor hat gewiss auch eigene Erfahrungen mit wechselnden Ortlosigkeiten, persönlichen Verlassenheiten & mit wiederkehrend dämlichen Fragen auf seiner Vorlesetour verarbeitet – wie auch als geistesgegenwärtiger Intellektueller, der er ist, den Talmiglanz des öffentlichen, weltumspannenden Ruhms und dessen Kollateralschäden bei Promis, Stalkern & Fans reflektiert. Gut & schön.

     

    Dreifach aufgefächertes Schriftsteller-Personal

    Es ist also ein durchaus zeitsymptomatisches, die virulenten Medien „hinterfragendes” Interesse, dessen essayistische Recherchen & Bedenken Daniel Kehlmann in sein erzählerisches Glasperlenspiel von neun parabelhaften und parabolischen Geschichten übersetzt. Wie sehr er sowohl über als auch von sich als Künstler dabei spricht – wie übrigens in allen seinen letzten Büchern über Intellektuelle im Fokus der Öffentlichkeit –, offenbart allein schon das dreifach aufgefächerte Schriftsteller-Personal seiner neun Erzählungen: der bekannte & bewunderte, hypersensible Kurzgeschichtenschreiber Leo Richter, aus dessen Feder eine und eine halbe der Ruhm-Geschichten stammen soll; die hilflos in Asien während einer PEN-Reise strandende und verschwunden bleibende (& dadurch „berühmte”) Krimiautorin Maria Rubinstein; und der überdeutlich dem weltweit erfolgreichen Lebenshilfe-Guru Paolo Coehlo nachempfundene Miguel Auristos Blanco, dessen Bücher in allen neun Geschichten gelesen werden, der aber als „Antwort an die Äbtissin” sich entleibt, weil die ehemalige Jugendfreundin mit ihren Theodizee-Fragen ihn dazu gebracht hat, sich des Humbugs seiner falschen literarischen Tröstungen für das Leiden in der Welt inne zu werden. Als Selbstmörder würde er seinen Ruhm sowohl widerrufen als auch krönen.

    Das übrige Personal von Daniel Kehlmanns Ruhm ist der lieblos verheiratete technische Angestellte Ebling, der Computer repariert und auf seinem Mobiltelefon durch einen Vergabefehler plötzlich Anrufe von Geliebten des weltbekannten Schauspielers Ralf Tanner erhält, worauf Ebling mit der unverhofften Verwechslungsmöglichkeit zu spielen & seine Gattin wieder zu begatten beginnt („Stimmen“). Ralf Tanner wiederum – in der Geschichte „Der Ausweg” – wird durch das mobile Dazwischengefunke des Fremden „sich selbst unwirklich“, und weil er seiner öffentlichen Präsenz überdrüssig ist, ergreift er die Chance, als „Ralf-Tanner-Imitator” sich aus seinem Leben davon zu stehlen, nachdem ein anderer Imitator sich an seine Stelle und in sein gemachtes Nest gesetzt hat. Schließlich werden wir noch mit dem „Leiter einer großen Telekommunikationsfirma” bekannt gemacht, der unverantwortlicherweise für den Schlamassel verantwortlich ist, in den Ebling und Tanner verwickelt werden und der daran scheitert, dass ihn sein Doppelleben als Geliebter & Ehemann logistisch überfordert („Wie ich log und starb“). Und obwohl Kehlmann seine neun kürzeren oder längeren Gedankenspiele aus der mobilen Telekommunikationswelt & aus der Wunderkammer der schriftstellerischen Allmächtigkeit mit dem ceterum censeo seiner kulturkritischen Merksätze gepflastert hat, lässt er auch noch zweimal einen rotbemützten Dämon hilfreich auftreten, der dann über das Heideggersche „Gestell”, in dessen jüngsten Erscheinungen der Autor seine Figuren zappeln lässt, sein salbungsvolles Credo verkündet: „Sie fragen, warum so vieles nicht geht, lieber Herr? Weil ein Mensch vieles sein will. Im wörtlichen Sinn. Er will viel sein. Vielfältig. Möchte mehrere Leben. Aber nur oberflächlich, nicht im Tiefsten. Das letzte Drängen, lieber Freund, zielt darauf, eins zu sein. Mit sich, mit allem.

     

    Von allen realen Widersprüchen aseptisch befreit

    Vieles & vielfältig will auch Daniel Kehlmann in der von ihm aufgesuchten Löwengrube der selbstreflexiven & -referentiellen literarischen Moderne als Autor sein. Seine Drei- oder Vielfaltigkeit reicht vom Bauprinzip seines Romans und der erzählerischen Logistik literarischer Produktion bis zur persönlichen Postproduction durch die vorauseilende Explikation eines autorisierten Lesemodells: also von A bis (FA)Z.

    So sehr man Kehlmanns artistisches Jonglieren als handwerkliche Meisterschaft eines bewundernswert kenntnisreichen poeta doctus hochschätzen kann, ja: muss, so enttäuschend ist aber die sprachliche Dürftigkeit, Spannungs- & Glanzlosigkeit seiner Prosa und die Trivialität seiner demonstrativ arrangierten Parabeln. Sie „funktionieren” nur, weil der Autor sie von allen realen Widersprüchen aseptisch befreit hat. Dem Roman fehlt leider Charme, Farbe, Eros & stilistische Pointiertheit – was einem vor allem dann schmerzhaft auffällt, wenn man ihn gegen die Romane & Erzählungen von Autoren hält, mit denen der Autor auf eng vergleichbarem Feld der postmodernen phantastischen Literatur spielt: ich meine Julio Cortázar und Italo Calvino.

    Allerdings hat Kehlmann das Glück, dass weder die deutsche Kritik noch das Publikum eine substantielle Erinnerung an die komplexen Oeuvres beider Autoren hat, also das literarische Gefälle z. B. von Rayuela und 62/Modellbaukasten oder Wenn ein Reisender in einer Winternacht ... zum Ruhm abschätzen kann – im Gegensatz zu dem österreichischen Autor, der sich in ihre literarische Tradition stellt und dem man, bei aller Freude und Stolz über die ihm gelungene Spielanordnung, ein selbstkritisches Urteil im Vergleich zu seinen meisterlichen Kollegen zutrauen darf.
                             
    Der Zufall will es, dass jetzt bei Wagenbach sieben „Episoden aus dem Alltag der Italiener” von Gianni Celati erschienen sind. Der 1937 geborene italienische Schriftsteller lässt unter dem Titel Was für ein Leben! seine Leser gewissermaßen sehenden Auges an der literarischen Zurichtung seiner erinnernden Ausgrabung teilnehmen, mit der er seine Kindheit in den 50er-Jahren erzählerisch heraufruft. Und zwar durch sieben, um einzelne Charaktere und Situationen gelagerte Episoden, in denen Celatis provinzielle Helden & Heldinnen in wechselnden Konstellationen und Lebensphasen erscheinen und alle miteinander ebenso durchgängig „verspiegelt” werden, wie das Kehlmann durch seine Motivverkettungen getan hat. Dem lässig-spielerischen Fabulierer Celati gelingt dabei so etwas wie ein komödiantischer Flickerlteppich der Erinnerung und der Imagination, wogegen Daniel Kehlmanns Roman leider „nur eine schöne Kunstfigur” bleibt. Immerhin: an konstruktiver Kunstfertigkeit dürfte es kein Gleichaltriger unter den deutschen Schriftstellern dem dreiunddreißigjährigen literarischen Vabanque-Spieler gleichtun können.

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