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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:56

     

    Enno Stahl: Diese Seelen

    23.02.2009


    Schablonen der Wirklichkeit

    Enno Stahl möchte die Wirklichkeit deuten, indem er sie verdichtet. Leider gelingt es ihm nicht, sein klug ausgedachtes Handlungskonstrukt mit Leben zu füllen, muss Carsten Schwedes feststellen.

     

    „Nur Narr, nur Dichter“ – schon für Nietzsche haftete der Literatur etwas Defizitäres an. Vielfach wurde in der Folge dieses spezifische Ungenügen in der Fiktionalität schriftstellerischer Erzeugnisse verortet, ihrem vermeintlichen Mangel gegenüber der erlebten und erfahrenen Realität, ein Zweifel auch an der Legitimität der Fabrikation von Schaumwelten. Dieses Unbehagen am Fiktiven drückte sich auch in Enno Stahls poetologischem Essay Risikogesellschaft aus, in dem der Autor für eine „sozial-realistische“ Lyrik eintrat, die freilich Wirklichkeit nicht einfach abpausen, sondern sie verdichtend deuten solle.

    Nun hat Stahl mit Diese Seelen einen Roman vorgelegt, der sich diesen Forderungen stellt, in dem „Geschichten aus der neoliberalen Wirklichkeit“ (Pressetext) miteinander verknüpft werden. Verknüpfung verschiedener Geschichten? Das erinnert an das letzte Buch von Daniel Kehlmann, der sich ebenfalls dieses Konstruktionsschemas bedient. Der Vergleich beider Werke offenbart ebenso charakteristische Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Stahl wie Kehlmann lassen in ihren Büchern die Lebensläufe ihrer Personen bis zur Vorhersehbarkeit einander kreuzen. In Diese Seelen sind es der aus der Karrierelaufbahn geworfene Soziologe Robert, der in seiner Realitätsverkennung schließlich Mika attackiert, eine sich an ihren Beruf und ihre Familie klammernde Arbeitsvermittlerin. Ihr Bruder Jürgen träumt von einem Leben als Fußball- oder Fernsehstar, findet jedoch seine Erfüllung als Einzelhandelskaufmann. Zu der Zeit, als er noch seinen Träumen nachhing, hatte er einen o­ne-Night-Stand mit der Moderatorin Tess, die ihre Beziehungen und Gefühle zu anderen Menschen immer mehr in den Schatten ihrer Karriere drängt.

    Die Realität des Reißbretts

    Mit Wirklichkeit hat dieser Roman nicht mehr viel zu tun, denn alle Figuren wirken nicht beseelt, sondern wie schlaff an den Fäden des Handlungskonstrukts hängende Marionetten. Statt individueller Charaktere treten bei Stahl nur auf dem Reißbrett entworfene Prototypen der jeweiligen Lebensentwürfe auf. Es ist ein Schreiben, das artifizielle Abstraktionen der Wirklichkeit abbildet, nicht diese selbst aufspürt und in seiner Schablonenhaftigkeit der Realität hinterherläuft. Stahls Pappfiguren sind nicht wie bei Kehlmann, dessen letztes Werk unter ähnlich flachen Charakteren leidet, dem Fragmentarischen geschuldet, sondern der Einengung der Personen auf ein Prinzip (der abgehobene Wissenschaftler, die karrieregeile Journalistin usw.), wodurch sie wie auf Schienen durch ihr Leben geführt werden. Es sind die Schienen, die ihnen durch Stahls vereinfachende Deutung der gegenwärtigen Gesellschaft vorgegeben werden, ihre – kodifizierten oder verinnerlichten – Regelungen für Arbeit und Arbeitslosigkeit, für öffentliches und privates Leben. Der Roman wirkt nicht wirklichkeitsdurchtränkt, sondern den Kategorisierungen des Autors unterworfen. Dazu passt, dass die Charaktere selbst in ihrer Oberflächlichkeit eigenartig zeitlos wirken, als hätten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf das Wesen der Menschen keinerlei Auswirkungen.

    Nicht nur die Charaktere wirken wenig gegenwärtig, auch der Schreibstil steht eher in der Tradition eines Realismus aus dem 19. Jahrhundert, so ungebrochen ist die Darstellung der Lebenswelt der Figuren, so hermetisch versiegelt ihre fiktionale Sphäre. Keine Ironie bricht die Guckkastenbühne auf, kein Spiel mit Realität und Fiktion erlaubt sich der Autor. Hierin ist der größte Unterschied zu Kehlmanns ansonsten gar nicht so andersartigem Buch zu erkennen, in dem der Illusionsraum der Figuren immer wieder durchbrochen wird, wobei Kehlmann überflüssigerweise meint, die Machart seines Buches noch explizit erklären zu müssen. Wenigstens diese Gängelung durch den Autor bleibt einem bei Enno Stahl erspart, der es aber leider nicht schafft, sein klug ausgedachtes Handlungskonstrukt mit Leben zu füllen.

    Carsten Schwedes


    Enno Stahl: Diese Seelen. Roman. Verbrecher Verlag 2008. Gebunden. 272 Seiten. 22,90 Euro. ISBN 978-3-940426-12-3.


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