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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 21:59

    Kjell Westö: Wo wir einst gingen

    24.01.2009

    Verdichtete finnische Geschichte

    Mitten hinein in die finnische Geschichte wirft Kjell Westö seine Leser. Das verwirrt manchmal, aber genau so mag es ihnen gegangen sein, den Figuren in seinem neuen Roman Wo wir einst gingen: Vor der Kulisse von Helsingfors zu Beginn des 20. Jahrhunderts verknüpft Westö die Schicksale einer Anzahl Menschen miteinander, und mit ihnen erzählt er vom finnischen Bürgerkrieg, den wilden 20er Jahren, dem Jazz und der Fotografie. Judith Hammer ist fasziniert.

     

    In sieben Abschnitten führt der Autor den Leser durch die Geschichte einer Handvoll Menschen in Helsingfors – das ist der schwedische Name Helsinkis. Der Roman beginnt 1905 und reicht mit seinem Epilog bis ins Jahr 1944. Mal widmet Kjell Westö sich ausführlich den politischen Entwicklungen und lässt die Darsteller am Rande auftreten; mal schildert er intensiv das gesellschaftliche Leben oder die Beziehungen zwischen den Hauptpersonen. Da ist der junge Eccu Widing, den die Suche nach dem perfekten Foto antreibt, seitdem er seinem Vater das dreifüßige Stativ in den schneebedeckten Stadtpark trug. In den 20er Jahren scheint vieles möglich, was vorher undenkbar war, und so wagt auch Eccu sich an die erotische Kunst heran. Er fotografiert die Damen der feinen Gesellschaft, auch Lucie Lilliehjelm, seine große unerfüllte Liebe. Sie schwebt von einem Arm zum nächsten und von Helsingfors nach Paris und zurück, die neueste Mode und die Sehnsucht nach der Heimat im Gepäck. Ihr Bruder Cedric brennt für die Politik und schreckt auf der Seite der Faschisten vor keiner Grausamkeit zurück. Der Arbeiter Allu, vielleicht der beste Fußballer der Stadt, findet weder im Sport noch in der Liebe zu Lucie einen Weg, die Unterschiede zwischen den Klassen zu überwinden und dabei seinen Stolz zu behalten.

    Westös Figuren sind lebendig und echt, man glaubt ihnen, wie sie leben und lieben, wofür sie sich begeistern. Mit leichter Hand setzt der Autor sie in der Handlung ab, auf den ersten Blick wirken sie vielleicht verloren, und trotzdem sind sie es, die ihre Geschichte selbst schreiben. Wie der Lehrer und Schriftsteller Ivar Grandell, dem der Roman einige seiner schönsten Passagen verdankt: „Wenn ich mich bücke, kann meine Hand die Wärme in den Pflastersteinen der Straßen spüren, auf denen du einst gingst.“

    Eine wichtige Rolle spielt die Stadt Helsingfors selbst. Kjell Westö zeigt seinen Lesern seine Stadt; er nennt ihnen die Namen der Straßen und Plätze, ob es um ein Rendezvous, ein Tennismatch oder die Ausgangssperre geht. In diesem Roman kann man sich vorstellen, wie es war, als sich die Fotografie entwickelte oder der Jazz in Finnland Einzug hielt. Sorgfältig recherchiert wirken die historischen Einzelheiten, auch wenn der Autor in seiner Danksagung darauf besteht, dass der Inhalt des Romans rein fiktiv ist.

    Zwischen den Sprachen, zwischen den Welten


    Kjell Westö, Jahrgang 1961, ist heute einer der bekanntesten Autoren Finnlands, zu dessen schwedischsprachiger Minderheit er gehört. Wo wir einst gingen ist Westös vierter Roman, seine literarische Karriere begann er mit Gedichten. Poetisch ist dieser Roman, aber auch manchmal atemlos, man wünscht sich Pausen oder eine leichtere Struktur. Der Autor setzt entweder viel voraus oder traut seinen Lesern zu, dass sie sich irgendwie zurechtfinden werden im Durcheinander des Krieges und der Menschen, die selbst nicht genau wissen, auf welcher Seite sie stehen. Mit etwas Geduld nimmt man den Faden auf, der die ganze Zeit da war. Der Leser, der sich auf den ersten – zehn oder hundertfünfzig – Seiten fragt, wer denn jetzt wer sei und ob er doch etwas verpasst habe, sei beruhigt: Am Ende versteht man es doch, und wird belohnt. Mit Poesie, ganz unvermittelt: „Den Zufall, den Schmutz, das Teuflische und die Falschheit, das alles gibt es in der Welt. Aber sie rechtfertigen keine Resignation, nicht meine und auch nicht deine. Der Leere der Welt ins Auge zu sehen wagen und trotzdem weiterstreben. Den Menschen zu sehen wagen, wie er ist, und ihn dennoch zu lieben.“ So schreibt Ivar in einem Brief an seinen Freund Eccu. Er will ihn aufrichten, wieder einmal; am Ende wird es ihm nicht gelingen, aber dazwischen beinahe. Darum geht es immer wieder in diesem Roman, ums Aufrichten, aufrecht Gehen und Stehen, trotz geplatzter Träume und Schuldgefühle, und um die Freundschaft.

    Wo wir einst gingen
    ist kein Buch zum schnellen Abschalten vor dem Einschlafen. Die Atmosphäre ist melancholisch, die Hauptdarsteller scheinen auch in glücklichen Momenten verhalten und zögernd. Selbst Dialoge klingen bei Kjell Westö manchmal nach indirekter Rede. Am Ende erwartet man es kaum noch, und dann kommt es doch, das Ende des Bogens, den der Autor gespannt hat: „Und überall brennt Licht in den Fenstern, und in einem der unzähligen sagt vielleicht jemand in diesem Moment zu jemand anderem: Wie kostspielig ist es doch, sich Jahr für Jahr weiter zu mühen in dieser Welt, und gleichzeitig ist es das einzige Glück.“

    Judith Hammer




    Kjell Westö: Wo wir einst gingen
    (Där vi en gång gått, 2006). Roman. Aus dem Finnlandschwedischen von Paul Berf. München: btb 2008. 651 Seiten. 19,95 Euro.

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