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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 14:47

     

    Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China

    19.01.2009


    Die Lüge, eine heuristische Methode

    Tilman Rammstedts Kaiser von China ist ein kleines Stück mit großem Herzen. Gelesen von Lars Claßen

     

    Er hat geschwitzt, gefiebert und gesiegt. Und das nicht nur bei den diesjährigen Bachmann-Tagen in Klagenfurt, sondern auch im anschließenden Wettkampf mit der eigenen Courage: Seitenweise verwarf Tilman Rammstedt seine Ideen, wie Der Kaiser von China ausklingen könnte. Von einer Schreibblockade war die Rede; Überproduktion lautet wohl der treffendere Begriff.

    Sein Qí hat er dann aber doch wiedergefunden und den Roman zu seiner Zufriedenheit vollendet. Und auf was die Welt hätte verzichten müssen, wäre dieses kleine Stück mit dem großen Herzen, dieses Sprühwerk an Lebensfreudefunken ein Fragment geblieben und als solches wohl unveröffentlicht, man mag nicht darüber nachdenken. Denn Rammstedt ist ein Autor, der über einen fabelhaften Wortwitz und einen Stil verfügt, dessen Rhythmus und bezaubernde Natürlichkeit eine Subversion befördern, die den beizeiten verkopften Intellektualismus der jungen Literatur unaufhaltsam untergräbt.

    Dabei sind es Lügen, die Rammstedt uns mit Freuden auftischt, nichts als Lügen, immer wieder, eine nach der anderen. Schon bevor die eigentliche Geschichte überhaupt beginnt, stimmt er mit dem unwahrscheinlichsten aller chinesischen Sprichwörter auf die Lügengeschichten ein, die folgen werden: „Es ist viel Raum in den Hautfalten des Buddha.“

    Keith Stapperpfennig ist ein lebensuntüchtiger junger Mann, dessen größter Kontrahent sein eigener Großvater ist. Denn dieser ist wenig fürsorglich, eher eine unerfreuliche Rarität, ein einarmiger Charmeur, dem auch einige von Keiths Freundinnen erliegen, naturgemäß sehr zu dessen großem Bedauern, ein launenhafter, scheinbar unsterblicher Besserwisser, Nörgler, Falschversteher. Einer, der mit der Tür ins Haus fällt, der die ganze Hand nimmt, reicht man ihm den kleinen Finger. Als seine Enkel ihn nach seinem liebsten Reiseziel befragen, um ihm mit einem Präsent eine Freude zu machen, gibt er China an, nein, nicht Prag oder Masuren könne ihn erfreuen, China müsse es sein, geschenkt sei geschenkt. Und da Keith seinerseits nun einmal nicht Keith wäre, zöge er in der geschwisterlichen Runde nicht das kürzeste Streichholz, ist es eben an ihm, dem Wunsch des Großvaters nachzukommen.

    Anstatt jedoch einen alten Mann in ein altes Land zu begleiten, prellt Keith rasch die Reisezeche und taucht unter, wenn auch nur unter seinen Schreibtisch, von dem aus er sein weiteres Handeln und den Ernst der Lage in Ruhe bedenken will. Ganze zwei Wochen lang, eben die Zeit, nach der er für seine Geschwister glaubhaft aus China zurück sein könnte. Dann, ein Anruf: Sein Großvater sei gestorben, er müsse den Leichnam identifizieren und sich daher umgehend auf den Weg machen – in den Westerwald. Als Keith die Zeilen der bis dato ungelesenen letzten Postkarte seines Großvaters überfliegt, steht dort geschrieben: „Du hättest mitkommen sollen.“

    Nun ist er weg, der Großvater, der Störenfried, und ist auf seiner Reise gerade einmal bis in den Westerwald gekommen. Was ihn nicht davon abhält, seinem Enkel selbst im Tode noch ein finales Kopfzerbrechen zu bescheren, denn: „Ich konnte nicht losfahren, bevor ich nicht wusste, wie ich meinen Großvater glaubhaft nach China bringen könnte, oder von China in den Westerwald, und ich ärgerte mich über seine Rücksichtslosigkeit, so unglaubwürdig zu sterben, ich ärgerte mich über seine Rücksichtslosigkeit, überhaupt zu sterben.“ Was hinter den Vorwürfen stimmhaf wird, ist ein Gefühl der Trauer um einen lieben Menschen. Diese nun motiviert Großvaters „Goldjungen“, in Briefen an die Geschwister einen würdevolleren Abschied für den Verstorbenen zu fabulieren: „Meine Lieben, gestern sind Großvater und ich nach 15 Stunden und 25 Minuten Flugdauer in Peking gelandet.“

    Signifikant der Superlative

    Im Land der Mitte findet Keith einen Signifikanten der Superlative. Zwischen dem teuersten Friseur, dem kleinsten Wolkenkratzer und dem niedlichsten Hund phantasiert er sich den Großvater, den großen Unbekannten, ganz ganz dicht heran und begründet mit seinen Lügen so eine ganz eigene Heuristik. Er (er)findet den Grund, weshalb es ausgerechnet China sein musste, die Art und Weise, wie der Großvater seinen Arm verlor und zeichnet dabei ein Bild von jenem, wie er selbst es wohl schon immer in sich trug.

    Dass Keiths Fabulierkunst eine ererbte ist, offenbart sich in den Geschichten des Großvaters, die in ihrer märchenhaften Naivität an Daniel Wallace’ Big Fish erinnern: Als Zauberer sei er mit dem meilenweit bekannten Varieté Tamtam durch die Lande gezogen, um die Menschen mit seinem legendären Schnürsenkeltrick in Staunen zu versetzen. Seinen Arm habe er auch in dieser Zeit verloren, nämlich als er versuchte, das Leben seiner großen Liebe, der unglaublichen Lian, zu retten. Die stärkste und schwerste Frau der Welt habe sich auf das Hochseil gewagt und beim Absturz seinen zur Rettung ausgestreckten Arm mit sich hinabgerissen. Besonders herzerwärmend ist dabei die Beschreibung der schweren Lian und ihrer Fähigkeit, über das Seil zu schweben: „‚Die meisten Menschen’, erklärte Großvater, ‚sind leider immer ein klein wenig zu schwach für ihr Gewicht.’ Und genau das halte uns alle am Boden. Nur Lian sei so stark gewesen, dass sie sich selbst in die Luft heben konnte.

    Als Keith schließlich sein sicheres Versteck, die Schreibtischhöhle, verlässt, um die Leiche zu identifizieren, erweist er seinem Großvater die letzte Ehre, abermals mit einer Lüge: „Das ist nicht mein Großvater“, sagt er. Denn glaubwürdiger als dieses stille Verschwinden erscheint ihm der Wunsch des Großvaters, in China zu bleiben, mit einer neuen Liebe von Stadt zu Stadt zu ziehen, wieder zu zaubern. So schreibt er es in seinen Briefen – so ist es gewesen.

    Lars Claßen


    Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China. Köln: DuMont 2008. 192 Seiten. 17,90 EUR.



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