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Lukas Bärfuss: Hundert Tage

12.01.2009


Zwischen schwarz und weiß

Hundert Tage ist ein politischer Roman im besten Sinne des Wortes. Hochpolitisch allemal, aber eben auch als Roman, fernab jeder Botschaft, bestens funktionierend. Von Anselm Brakhage

 

Ein gewagtes Unterfangen, ein solch hochbrisantes Thema wie den Völkermord in Ruanda in eine fiktive Handlung einzubetten, dazu noch verwoben mit einer Liebesgeschichte zwischen einem Europäer und einer Afrikanerin. Das hätte gewaltig daneben gehen können, zumindest wenn man dem Autor das ernsthafte Anliegen unterstellt, dieses dunkle Kapitel jüngerer afrikanischer Geschichte und die Rolle der Weltgemeinschaft dabei differenziert beleuchten und ernsthaft aufarbeiten zu wollen.

Aber der Schweizer Lukas Bärfuss meistert diese Aufgabe höchst gekonnt, schafft es, die Aufmerksamkeit des Lesers von Beginn an zu binden, selbst wenn man sich bis dahin noch nicht eingehender mit dem Thema befasst hat und auch ursprünglich nicht unbedingt von glühendem Aufklärungseifer angetrieben wurde. Gerade die persönliche Perspektive, die Bärfuss wählt – die rückblickenden Erzählungen des Schweizer Entwicklungshelfers Daniel Hohl – ermöglicht es dem Leser erst, sich in die Situation vor Ort einfühlen zu können, in die zunächst latente, später offen zutage tretende Ambivalenz persönlichen Engagements einerseits und Verstrickung und Mitverantwortung an schreiendem Unrecht andererseits.

Bärfuss’ Hauptverdienst besteht darin, jegliche Selbstgerechtigkeit und oberflächliche Verurteilung zu vermeiden, jegliche Schwarz-Weiß-Zeichnungen zu unterlassen und dennoch durch Eindeutigkeit und Direktheit in der Darstellung der Geschehnisse wachzurütteln. Ein Wachrütteln, das eben keineswegs nur das Gestern betrifft, sondern grundsätzlich sensibilisiert für die enge Verflechtung von westlicher Wohlstandswelt und afrikanischen Realitäten.

Erst gegen Ende gibt Bärfuss seinen über weite Strecken sehr nüchternen Erzählstil etwas auf, lässt zunehmend eine fiebrige Verzweiflung einziehen, die der Unmittelbarkeit der ihn umgebenden, nun unverhohlen und massenhaft ausgeübten Gräuel Rechnung trägt.

Fernab jeder Aussage, jeden politischen Anliegens, beweist Bärfuss, der zuvor ‚nur’ als hochgeschätzter Dramatiker in Erscheinung getreten ist, mit seinem schmalen aber gewichtigen Roman Hundert Tage seine Könnerschaft auch als großartiger Erzähler. Seine knappe verdichtete, dennoch äußerst flüssige Prosa – man lässt sich einfach gerne darauf ein, die Lektüre macht einen neugierig, hellwach, jenseits der traurigen Wirklichkeit, die beschrieben wird.
Es wird hoffentlich nicht Bärfuss’ letzter Ausflug ins Prosafach gewesen sein.

Anselm Brakhage


Lukas Bärfuss: Hundert Tage. Roman. Wallstein Verlag 2008. 197 Seiten. 19,90 Euro.



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