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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 06:07

     

    Vincenzo Consolo: Palermo. Der Schmerz

    12.01.2009

    Wider die Rohheit der Macht

    Im dritten Teil seiner anspruchsvollen Romantrilogie seziert der Ausnahmestilist Consolo den Niedergang politischer Werte im Italien der Nachkriegszeit, den staatlichen und antagonistischen Wahn nach 1968 und die Mafiamacht zwischen Palermo und Mailand. Von Roland Steiner

     

    In Mailand, wo Berlusconis Aufstieg zum Milliardär vor 40 Jahren mit der Errichtung einer Wohnsilostadt begann, drängt der Beton gewordene „Fanatismus des Geldes“ Consolos sizilianischen Protagonisten neuerlich zur Flucht. Gioacchino Martinez ist Schriftsteller, auch wenn er – von der Feigheit seiner Prosa entsetzt – nicht mehr schreibt. Tief empfundene Mitschuld am Tod seines an deutsche Nazischergen verratenen Vaters und die schwere Depression seiner Frau Lucia ließen ihn damals aus der Mafiahochburg Palermo nach Mailand fliehen. Jenen „Ort der Gespenster ohne Schatten“ wiederum musste sein des Linksterrorismus bezichtigter Sohn Mauro verlassen, um im Pariser Exil dem Prozess zu entgehen. In diesem geographischen und Generationen-Dreieck währt Martinez’ Lebensodyssee etwa fünf Jahrzehnte, deren Schlusspunkt mit dem Attentat auf den Mafiaankläger Paolo Borsellino anno 1992 zusammenfällt. Ohne das minutiöse Nachwort seiner kongenialen Übersetzerin Maria E. Brunner, das zu einer zweimaligen Buchlektüre geradezu herausfordert, umfasst der letzte Teil von Consolos sizilianischer Romantrilogie 120 Seiten – und stellt doch die literarisch dichteste Anklage Italiens der jüngeren Geschichte dar.

    Nach Das Lächeln des unbekannten Matrosen, dem historischen ersten Trilogieteil, und dem düsteren Bei Nacht, von Haus zu Haus rund um den Faschismus hebt der letzte Roman des 75-jährigen Autors am Ende des Zweiten Weltkrieges an. Ein von deutscher Soldateska verfolgter polnischer Deserteur taucht im Haus der Familie Martinez im sizilianischen Rassalèmi auf, in dem auch die kleine Lucia mit ihrer Mutter Unterschlupf gefunden hatte, und wird von Gioacchinos Vater im „Marabutgrab“ versteckt. Ein unvorsichtiger Satz jedoch verrät das tödliche Versteck. Gioacchino wächst dann als Waise im Haus seines o­nkels und der Hauswächterfamilie auf, heiratet die nun mutterlose Lucia und wird Vater. Auf Sizilien werden unterdessen heftige Kleinkriege um Grundstücke und Bauaufträge geführt, die Polizei steht unter dem Büttel korrupter Justiz. Nach einem mafiösen Anschlag auf Gioacchinos Haus sind die unbeschwerten Jahre für die junge Familie vorbei, Lucias Ängste belasten die Ehe. Schließlich verkauft er das Grundstück an einen Handlanger der Mafia, die an der Bauspekulation verdient und anonyme Wohnblocks entstehen lässt. Für Lucia folgt „der Sturz in den Abyssus der Ärzteschaft, in die Ignoranz, in die Unterdrückung, in das zynische Interesse der Leuchten der Wissenschaft, in Pflegeheime, in das Netzwerk der Schakale“. Consolo arbeitet oft mit hochpoetischen Aufzählungen, die er vor allem in den enigmatischen, nicht immer entwirrbaren Kapiteleinstiegen mit intertextuellen Verweisen spickt.

    Krankheit und Kampf

    Während Lucias depressiver Krankheitsschübe lebt Mauro bei der Hauswächterfamilie, dann im Internat und verlässt dieses, um in Mailand Philosophie zu studieren. Seine Eltern ziehen in einen der neu entstandenen Mailänder Wohnblöcke, das sizilianische Haus verfällt. Mauro beendet das Studium, arbeitet als Lehrer und gibt Verfolgten Asyl, ehe die Köpfe seiner linksradikalen Politgruppierung den bewaffneten Kampf beschließen. In Consolos achronologisch pendelnder Erzählbewegung taucht öfters ein Mann auf, der Gioacchino zu verfolgen scheint und ihn an die Verhaftung seines Sohnes erinnert. Mauro hatte sich vom Kampf seiner Genossen losgesagt, als „alles kippte, absurd wurde, kriminell“. Sein Vater gibt ihm Geld, damit er „die Gewalttätigkeit der Macht“ entfliehen kann und vergleicht dessen Flucht mit jener von seiner eigenen Mitschuld und dem „stillschweigenden Gewährenlassen“. Doch zuhause warten bereits Soldaten, der „gutgläubige Rebell“ wurde verhaftet. Fortan wird Gioacchino ob jener beklemmenden Umstände der „bleiernen Jahre“ – im Unterschied zu Calvino, Moravia und Sciascia – im Schreiben blockiert sein. Seine Zeitgenossen erwähnt Consolo voller Anerkennung, während ihm Homers Odyssee als spiegelnder Ausgangspunkt dient. Aus der Botanik und Sprachen wie dem Arabischen und Griechischen entlehnt er Ausdrücke, bettet sie dabei verändernd in den lokalhistorischen Reichtum und spannt ein dichtes Netz an literarischen Verweisen. So etwa gehört einer von Mauros Anführern dem Kreis um Feltrinelli an, über den Nanni Balestrini 1989 seinen Roman Der Verleger verfasste, während der inhaftierte Mauro den Vater um Sciascias Die Affäre Moro bittet. Der Sohn wird später freigelassen und taucht in Frankreich unter, wohin während der 1970er Jahre die meisten inkriminierten Linksradikalen Italiens flohen. Gioacchino besucht ihn nun in Paris das letzte Mal, ehe er – den Vater-Sohn-Konflikt nicht bereinigen könnend – nach Sizilien zurücksiedelt.

    Mut und Mafia

    Mit dem Zug verlässt Gioacchino das Mailand der Warenarenen und fährt durch Norditalien, aus dem „die grimmige Soldateska der Kleinlichkeit und der Dummheit“, die „schäbige Horde“ der Lega Nord entsprang. Der alt gewordene Dichter steuert müde seinen letzten Lebenshafen Palermo an, wo ihn die Hauchwächterfamilie zur alten Bleibe nahe dem Monte Pellegrino führt. Sie gibt ihm Halt und Mut zum Wiederbeginn, die „perfide Realität, weite Ödnis der Täuschung“ hat ihn wieder, doch das Schreiben gelingt nicht mehr. Gegenüber seiner Wohnung im nunmehrigen Mietshaus wohnt die Mutter des stellvertretenden Staatsanwalts und Untersuchungsrichters, der gegen die Mafia ermittelt – unschwer als Paolo Borsellino erkennbar. In der familieneigenen Apotheke lernen sie einander kennen und schätzen. Als unter dem Zement des Wohnblocks ein verwester Mann entdeckt wird, bekommt Gioacchino Alpträume und zieht kurzfristig ins Hotel; in seine Wohnung zurückgekehrt, findet er ein Abhörgerät mit Antenne. Gioacchino schreibt Mauro einen langen Brief über dessen „Mord“ an der Nachkriegsgeneration und über seinen eigenen Verrat in Rassalèmi, den in einen literarischen „Vatermord“ umzuwandeln misslang. Sein Schreiben an dem auch gegen die Mafia gerichteten Anklagebrief wird durch ein warnendes Telefonat unterbrochen. Vor dem Haus parkt Borsellino, der an der Tür seiner Mutter klingelt, als es zur tödlichen Explosion kommt.

    Der sizilianische Autor Consolo führt eine luzide Anklage gegen rechts- wie linkspolitische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Missstände in Italien und eine pessimistische Klage gegen den moralischen Werteverfall. Die soziale Entfremdung spiegelt er in jener zwischen Ehepartnern sowie Vätern und Söhnen, die Seelen seiner zumeist Außenseiter sind im Leid gefangen. Consolos einzigartiger Stil wird von einer bilderreich-expressionistischen Sprache gespeist, die zahlreichen literarischen Verweise quer durch die Jahrhunderte fordern den Leser – und entbieten den Reichtum der Poesie wider die Rohheit der Macht.

    Roland Steiner


    Vincenzo Consolo: Palermo. Der Schmerz. Roman. Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner. Folio Verlag: Wien/Bozen 2008. 144 Seiten. 19,50 Euro.


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