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    TITEL kulturmagazin
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    Kenzaburo Oe: Sayonara, meine Bücher

    12.01.2009


    Ich denke, aber wer bin ich?

    Über die Figur des descartschen Denkers in der Gestalt von Herrn Cogito in der Lyrik Zbigniew Herberts und als Kogito Chôkô bei Kenzaburo Oe. Von Carsten Schwedes

     

    „Nicht viel wird bleiben Richard wirklich nicht viel / von der dichtung dieses wahnsinnsjahrhunderts sicherlich Rilke und Eliot.“ Folgerichtig prägt die Lektüre von Eliots Lyrik das Leben des alternden Schriftstellers Kogito Chôkô, der Hauptfigur in Kenzaburo Oes neuem Roman Sayonara, meine Bücher. Dieses Alter Ego des japanischen Autors, bereits aus seinem letzten Roman bekannt, zeigt erstaunliche Parallelen zur Figur des Herrn Cogito, die in zahlreichen Gedichten des polnischen Lyrikers Zbigniew Herbert auftritt, etwa in dem oben zitierten An Ryszard Krynicki – Ein Brief. So bietet es sich an, Herrn Cogito die Stichworte liefern zu lassen für Kogito Chôkô.

    Das Kropotkin-Spiel

    „Herrn Cogitos / lieblingsspiel / ist das Kropotkin-Spiel.“ Ja, auch Kogito spielt gerne mit anarchistischen – er würde wohl eher sagen liberalistischen – Gedanken. Willfährig lässt er sich für den Plan seines alten Freunds Shigeru einspannen, der gemeinsam mit einigen jungen Leuten einen Anschlag auf ein Hochhaus in Tokio plant. Die politischen Ziele der Gruppe bleiben im Roman nebulös; lediglich der Umsturzversuch von Mishima, der mit dessen Selbstmord endet, wird von diesem heterogenen Kreis häufiger diskutiert. Kogito selbst spricht von einem „sonderbaren jungen Mann“, der sich in ihm zu regen beginnt, sobald er an Shigerus terroristischem Projekt partizipieren kann. Und auch „Herr Cogito / freut sich wie ein kind / wieder gewann Kropotkin“.

    Doch stimmt Kogito diesem Projekt nicht rückhaltlos zu, wodurch er in eine etwas zwiespältige Position gerät. Beispielsweise stellen ihn die anderen Mitglieder des Verschwörerzirkels unter Hausarrest, da sie befürchten, er, der als liberaler Humanist gilt, könnte sie verraten. „Herr Cogito möchte / freiheit vermitteln ... dem herzen vertrauen / der reinen regung der sympathie // nur möchte er nicht verantworten / was in dem monatsblatt „Freedom“ / die bärtigen mit der kleinen / phantasie schreiben werden.“ Kogito ist eben ein Denker, der in seinem Gerotion-Haus sitzt wie der descartsche Zweifler vor seinem Kaminfeuer, nicht dazu bereit, selbst handelnd in den Lauf der Ereignisse einzugreifen. Da offensichtliche Ähnlichkeiten zwischen Kogitos und Oes Leben in diesem Roman erkennbar sind, lässt er sich als ein Gedankenexperiment mit den fragwürdigen Seiten der eigenen Weltanschauung lesen, das in den zahlreichen Gesprächen der Figuren miteinander durchgespielt wird.

    Abschied vom Roman

    Ausgangspunkt dieser Diskussionen sind häufig literarische Werke, wobei signifikanterweise Mishima nur als politischer Akteur auftritt, aber nie zitiert wird. Neben Eliots Gerontion und den Four Quartets, die vor allem Anstöße zu Gedanken über das Altern und die damit einhergehenden seelischen Befindlichkeiten bieten, sind es Celines Reise ans Ende der Nacht und Dostojewskijs Böse Geister, die immer wieder angesprochen werden: Celines Werk als Vorbild für einen von Kogito zu schreibenden „Robinson-Roman“, in dem er seine Erlebnisse zu Shigeru schildern möchte, Dostojewskijs Roman als Auseinandersetzung zwischen liberalen und anarchistischen Positionen, wobei Kogito sich mit dem alten Stepan identifiziert. „Ich empfinde Sympathie für Stepan, der sagt: „... und ich bin vielleicht der erste, an ihrer Spitze, wir werden uns, wahnsinnig und besessen, von den Felsen ins Meer stürzen und alle ertrinken, und das geschieht uns recht, weil wir nur dazu taugen.“ Auf den Einwand eines jüngeren Mitglieds der Gruppe, dass Kogito wohl kaum an ihrer Spitze stehen werde, folgt erst im letzten Kapitel des Buches die Antwort mit einem Eliot- Zitat: „Wir müssen still sein und dennoch vorangehen.“

    Als bei der Sprengung von Kogitos „Gerontion-Haus“ ein Mitglied ums Leben kommt und die Gruppe sich auflöst, führt dies auch zum Bruch in Kogitos schriftstellerischer Existenz. Er verabschiedet sich von seinen Büchern ebenso wie von denen anderer Autoren, um aus Zeitungen die Vorzeichen gesellschaftlicher Entwicklungen herauszulesen und zu beschreiben. Dieses Projekt dient jedoch nicht der Interpretation der Welt durch den Autor, sondern dokumentiert gebrochene Menschen wie Kogito selbst, denen einzig die Hoffnung bleibt, künftige Generationen könnten aus ihren Aufzeichnungen lernen. In dieser Abwendung vom Roman, von der ästhetischen Ausgestaltung, die sich in Sayonara, meine Bücher in einem spröden, distanzierten Stil niederschlägt, schließt sich auch der Kreis zu Zbigniew Herbert. In seinem bereits oben zitierten Gedicht stellt er allerdings die Abwendung vom Ideal der Schönheit teilweise in Frage: „lohnt es sich die heilige sprache zum lallen zu mindern?“

    Carsten Schwedes


    Kenzaburo Oe: Sayonara, meine Bücher. Übersetzt von Nora Bierich. S. Fischer Verlag 2008. Gebunden. 361 Seiten. 22,90 Euro.


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