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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:56

     

    Adorno/Kracauer: Der Riß der Welt geht auch durch mich (2/2)

    29.12.2008


    Friedels seltsame Freundschaft mit Teddie

    Der Briefwechsel Adorno-Kracauer als ein doppelter Lebensroman gelesen. Teil zwei
    Von Wolfram Schütte

     


    Der Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und seinem 14 Jahre älteren Frankfurter Mentor und Freund Siegfried Kracauer zählt zu den intimsten Zeugnissen aus dem Leben beider Frankfurter Kulturphilosophen. Die erhaltenen 269 Briefe & Postkarten reichen von 1923 bis zu Kracauers Tod 1966. Unser Mitarbeiter Wolfram Schütte, selbst Herausgeber der Monografie Adorno in Frankfurt (2003), hat den Versuch unternommen, die durch die Überlieferungslage provozierte Komposition der lebenslangen geistigen und persönlichen Beziehung nicht nur als historisches Dokument, sondern auch als einen doppelten „Lebensroman“ der beiden Protagonisten zu lesen. Zwei Charakterporträts, wechselseitig im Gegenlicht. Wir bringen diese Skizze einer Lektüre des außerordentlichen Buches in zwei Teilen.


    Zu Teil eins


    II. Der „Warenschriftsteller“ & der „wahre Schriftsteller“

    „Durchwursteln“ in jeder Hinsicht mussten sich aber Friedel und Lili Kracauer, nachdem die „Frankfurter Zeitung“ ihrem kurzzeitigen Frankreich-Korrespondenten schon 1933 gekündigt und er fortan keine feste Anstellung mehr hatte. Zwar bot ihm, auf Teddies Betreiben, das von Horkheimer erst nach Genf und später in die USA transferierte Frankfurter „Institut für Sozialforschung“, dessen Mitglied Adorno 1938 wurde & mit Gretel in die USA emigrierte, einen dotierten Forschungsauftrag zur „Faschistischen Propaganda“ an. Aber das reichte nicht zum Lebensunterhalt. Zugleich arbeitete Kracauer deshalb fieberhaft für einen französischen Verlag an seiner „Gesellschaftsbiographie“ über Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit.
    Adorno pendelt währenddessen zwischen Oxford, Paris, Frankfurt und Berlin, bis Gretel ihre ererbte Handschuhfabrik verkaufen konnte.

    Als Kracauer ihm 1937 nach Oxford, wo Adorno zeitweilig eine Dozentur hatte, den Offenbach schickt, beginnt der Beschenkte seinen Dankesbrief mit der Versicherung, dass das Buch ihm „eine große Freude gewesen“ sei. Was dem formellen Dank aber über viele Seiten dann folgt, entspricht eher der „Freude“ eines „Kannibalen, der sich liebevoll einen Säugling zurüstet“, wie Walter Benjamin einmal das polemische Handwerk in ein Sprachbild fasste. Es ist ein triumphalistischer Verriss von A bis Z, in dem Kracauer mangelnde Dialektik, musikalische Ignoranz, Kritiklosigkeit, politischer Konformismus, Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut, Altherrenhumor und eine „furchtbare Menschenverachtung“ vorgeworfen wird. Adorno unterzeichnet seine verletzende Abrechnung der Galeerenarbeit des mittelosen Freundes mit einer Schlussformel, die einer Drohung gleicht: „Immer Dein Teddie“.

    Kracauer bleibt kühl, aber unmissverständlich souverän gegenüber seinem gnadenlosen Freund: „Lieber Teddie, aus der Kenntnis Deiner Haltung heraus habe ich genau diese Kritik von Dir erwartet. Sie mag Dir vernichtend erscheinen; bestimmt ist sie töricht. (...) Ich nenne Deine Kritik töricht, weil sie auf Grund einer fixen, mir gewiss vertrauten Einstellung die materiellen Gehalte meines Buches teils verfälscht, teils übersieht. (...) Hast Du gründlich gelesen, so hat Dich offenbar eine noch gründlichere Befangenheit daran gehindert, das Gelesene zu erfassen. Ich kann mir eine solche Verblendung nur als Wirkung unkontrollierter Reaktionen erklären, die ihrerseits durch den Umstand hervorgerufen sein mögen, dass meine Darstellung (...) nicht von den Dir geläufigen Kategorien her erfolgt. (...) Dass Du aus meinem bewusst in der Immanenz der bürgerlichen Gesellschaft bleibenden Verfahren schließen zu können glaubst, ich sei mit der betreffenden Gesellschaft einverstanden, macht Deine Torheit nur völlig manifest und diskreditiert nachträglich noch einmal Deine Kritik. (...) In alter Herzlichkeit, quand meme, Dein Friedel“

    Teddie schreitet zur Totaloperation an Friedels Text

    Der am längeren Hebel des „Instituts“ sitzende „liebe Teddie“ macht in dessen Zeitschrift – ohne dass es dafür eine zwingende Notwendigkeit gegeben hätte – seine Kritik an Kracauers Offenbach publik, anstatt es bei der brieflichen Kontroverse zu belassen. Und als Kracauers umfangreiche Studie zur „Faschistischen Propaganda“ 1938 aus „zeitschriftentaktischen Erwägungen“, wie Adorno dem in Paris immer noch festsitzenden Freund schreibt, radikal gekürzt werden soll, um in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ erschienen zu können, macht sich Adorno an die von ihm zurecht so genannte „Operation“.

    Es wird eine „Totaloperation“, in deren Ergebnis und Publikation der empörte Kracauer nicht einwilligen kann: „Mit dem größten Erstaunen habe ich festgestellt, dass Du nicht etwa skrupulös darauf bedacht bist, in Deiner Fassung meinen Originaltext zu erhalten, sondern im Gegenteil, meinen Text durch eine Menge eigener Zutaten verdrängst. Innerhalb der schon um Vierfünftel gekürzten Fassung sprichst immer wieder Du selber (...) Kaum ein Satz von mir, der genau reproduziert wäre; die meisten sind bis zur Unkenntlichkeit zerrupft, ausgeweidet, verändert. Ich muss Dir gestehen, das mir eine Bearbeitung, die so jedem legitimen Usus zuwiderläuft, in meiner ganzen literarischen Laufbahn nicht zu Gesicht gekommen ist; geschweige denn, dass ich persönlich in meiner Praxis einem fremden Text je derart mitgespielt hätte.“

    Adorno fühlt sich von Kracauer nicht gerecht beurteilt: „Ich habe nicht willkürlich mit Deinem Text geschaltet, sondern versucht, ihn im Sinne der dezidierten theoretischen Haltung, die hinter der Zeitschrift steht, umzuformulieren.“ Das trifft insofern zu, als Adorno gegenüber Horkheimer in einem „Gutachten“ über Kracauers Arbeit dekretiert hatte (und der natürlich davon nichts wusste), „dass Kracauer weder seine theoretischen Haltung nach verbindlich zu uns gehört, noch seiner Arbeitsmethode nach als wissenschaftlicher Schriftsteller überhaupt rangiert. (...) Kracauer hat offenbar in dieser Arbeit mit einer großen und gewaltsamen Anstrengung, die ich ihm hoch anrechne, versucht, sich aus der Sphäre der Warenschriftstellerei herauszuarbeiten, der das Offenbachbuch angehört.“

    Zwar gelingt es im allerletzten Augenblick, Friedel und Lili 1941 die Flucht vor dem sicheren Tod nach New York zu ermöglichen, aber es waren Leo Löwenthal und seine Frau, die den Kracauers die dafür notwendigen Hilfen gaben – nicht Teddie, der noch im gleichen Jahr zu Horkheimer nach Los Angeles zieht. Kracauer hält sich fortan durch immer wieder zu erneuernde Stipendien und Aufträge von Fall zu Fall mühsam über Wasser, verfasst seine große Untersuchung Von Caligari zu Hitler auf Englisch, während Teddie mit Hanns Eisler ein Buch über „Filmmusik“ & mit Horkheimer die Dialektik der Aufklärung schreibt, die Horkheimer gewidmeten Minima Moralia aber allein verfasst.

    Nach der transkontinentalen Trennung, die Teddie mit Haus & Wagen in Los Angeles und im Kreis der prominenten deutschen Emigranten rund um Thomas Mann auf der „Sunny side of the street“ verbringt und die beiden Kracauers in bescheidenen Verhältnissen in New York leben, bleiben die ehemaligen Frankfurter Freunde nur in spärlichem Brief-Kontakt.

    Das Graubündner „Gipfelgespräch“

    Erst mit Adornos Rückkehr nach Frankfurt am Main 1949 kommt der Briefwechsel wieder in Gang; und auf Kracauers erster Europareise 1956 sehen sie sich in Frankfurt gerührt wieder. Während aber der gesundheitlich angeschlagene Friedel skrupulös und langsam an seiner „Filmtheorie“ und seinem Fragment gebliebenen „Geschichtsbuch“ laboriert, wird er buchstäblich überschwemmt von den kontinuierlich mit herzlichen Widmungen versehenen Zeugnissen der immensen schriftstellerischen Produktion, die Teddie, wie er immer wieder schreibt, in den 50er und 60er Jahren „unter Dach und Fach gebracht“ hat. Der „liebe Friedel“, dem sein „alter Teddie“ Bücher & Aufsätze en masse über den Atlantik schickt, kommt gar nicht nach mit der erwünschten Lektüre, während Teddie, das wenige, das ihm von Friedel unter die Augen kommt, gar nicht erst liest, geschweige denn kommentiert.

    Einmal aber treffen sie sich 1960 in einem Hotel in Graubünden zu der vielfach von Kracauer ersehnten „großen Aussprache“ über ihre grundsätzlichen geistigen Differenzen. Kracauer hat dieses intime geistige Gipfelgespräch in einem mehrseitigen englisch geschriebenen Gedächtnis-Protokoll aus seiner Sicht dokumentiert. Es enthält in nuce den Kern aller ihrer brieflich ausgetragenen Konflikte. Kracauer, der u.a. wiederholt Adornos Tabuisierung der o­ntologie, als einem realen Ausgangs- oder Endpunkt der Immanenzdialektik, kritisiert und ihm sogar das verstörende Geständnis entlockt, schon Aristoteles sei von der „bürgerlichen Tauschgesellschaft“ kontaminiert gewesen, die Adornos rotes Tuch ist, beschließt seinen „Talk with Teddie“ (in meiner Übersetzung) mit folgenden Zeilen: „Alles, was existiert, existiert nur, um in dem dialektischen Prozess verschlungen zu werden, den Teddie weiter & weitertreibt wegen seines Mangels an Substanz, an Weitblick. Für ihn ist die Dialektik ein Mittel, um seine Überlegenheit über alle vorstellbare Meinungen, Gesichtspunkte, Entwicklungen, Ereignisse aufrechtzuerhalten, in dem er sie auflöst, verurteilt oder wieder errettet – wie es ihm passt. So etabliert er sich als Meister und Kontrolleur einer Welt, die er niemals in sich aufgenommen hat. Denn hätte er auch nur Ausschnitte von ihr absorbiert, würde seine Dialektik irgendwo zu einem Stillstand kommen. So wie es nun mal (bei ihm) ist, reflektiert (sein Denken), soziologisch gesprochen, eine Welt ohne Glaubensätze oder Bindungen.“

    Mag in Kracauers negativem Resümee von Adornos totalisierter Dialektik auch die leidvolle persönliche Erfahrung von deren Opfer eingegangen sein, so kritisiert doch Friedels realitätsgesättigte, konkrete Lebenserfahrung und seine gesellschaftspolitische Intention, qua Utopie oder Vision in den Lauf der Welt einzugreifen, die reale gesellschaftliche Erfahrungsarmut Teddies und dessen selbstläuferischen dialektischen Furor. In einem Brief aus dem gleichen Jahr an Löwenthal bringt Kracauer seine Kritik politisch auf den Punkt, wenn er schreibt: „Ich kenne kein anderes Beispiel von scheinbar eingreifender Kritik, die so wenig Greifkraft hat. Es bleibt am Ende alles beim Alten, und im Grunde fühlt er sich recht wohl dabei. (Verschließe dies in Deinem Herzen: es wäre auch zu spät jetzt, Teddie ändern zu wollen).“ Aber auch schon Benjamin, erinnert er sich während der Niederschrift seines Resümees, habe von Teddie behauptet: Er greift nach allem, was er hört und gesagt bekommt, verdaut es mit allen seinen Konsequenzen – und übernimmt es dann.

    Aber Friedels Erfahrungen mit der unersättlichen Verschlingungsfähigkeit Teddies waren mit dieser (folgenlosen) Aussprache nicht zu Ende. Adorno hatte schon 1955 durch eine zweibändige Werkausgabe bei Suhrkamp für die triumphale geistige Rückkehr des von beiden bewunderten Walter Benjamin nach Deutschland gesorgt – Benjamin, den „der liebe Teddie“ ähnlich rigide wie Friedel brieflich diszipliniert und auf die geistespolitische Linie des „Instituts für Sozialforschung“, als dessen bissiger Rottweiler er in den späten 30er Jahren fungierte, gebracht hatte.

    Adorno, der in Benjamin den Stilisten und Schriftsteller bewunderte, dem er selbst nacheiferte, hatte aber auch zugleich versucht, durch seine begleitende Interpretation die Benjamin-Rezeption zu steuern: im Lichte seiner eigenen philosophischen Illumination. Er wird bei dem von ihm vermittelten Wiedereintritt Kracauers in das Nachkriegsdeutschland ebenfalls als dialektischer Türsteher zur Stelle sein, der dem Frankfurter Freund den Platz anweist, den er nach Teddies kritischer Prüfung im Pantheon Adornos einnehmen darf.

    Friedel hatte dem gerade nach Frankfurt in Amt und Ehren zurückgekehrten Teddie in einem Brief von 1950 vom glücklichen „Wühlen in der Vergangenheit“ berichtet, als er in zwei Kisten sowohl viele Manuskripte Teddies fand, als auch eine Kopie seines zweiten Romans („Georg“), „dessen Manuskript Thomas Mann seinerzeit in Holland untergebracht hatte“ und viele „meiner besten Straßenaufsätze, die ihre alte Frische bewahrt haben und ein Titel wie ›Straßen im alten Europa‹ wäre vielleicht eine Lockung.“ Der Brief wirkt wie ein Wink mit dem Zaunpfahl.

    Endspiel oder Die letzte Briefschlacht

    Aber erst 12 Jahre später hat sich Adorno für die Neupublikation von Kracauers FZ-Essays bei Unseld eingesetzt und Friedel gegenüber darauf bestanden, dass dieser seine englische Theorie des Films selbst ins Deutsche übersetzt, „weil ich nicht von dem Glauben ablassen kann, dass man im Ernst und mit ganzer Verantwortlichkeit nur in der Sprache sich auszudrücken vermag, in der, wie sehr auch immer verschüttet, alle Assoziationen der Kindheit bereit liegen“.

    Kracauer, der diese Arbeit auch scheut, weil sie ihm dringend erforderliche Zeit für seine anderen Tätigkeiten wegnimmt (& ihm das Englische mittlerweile geläufig ist wie das Deutsche), sträubt sich (vergeblich) mit dem Argument, Adornos Glaube gelte gewiss für bestimmte Genres der Literatur, „aber bestimmt nicht für Werke (...) der eigensten Gedanken, der Theorie.(...) Mein Stilideal ist, dass Sprache in der Sache verschwindet wie der chinesische Maler im Bild.“ Und dem Freund Leo Löwenthal vertraut er, „unter uns gesagt“ an, er wolle damit nicht sagen, „dass Teddies ›eigenste‹ Prosa übersetzbar ist oder sich gut macht, wenn sie übersetzt wird. In fact, why shouldn’t it have been possible to Freud to express himself in English?“

    Der Streit zwischen dem „Warenschriftsteller“ und dem „wahren Schriftsteller“ war aber nur ein Vorspiel zu dem zweiteiligen Endspiel, das drei Jahre später folgen sollte.
    Als der überglückliche Kracauer, der mit dem von Adorno vorgeschlagenen Titel Ornament der Masse erstmals wieder eine repräsentative Auswahl seiner ihm liebsten und wichtigsten Essays versammelt sieht, das broschierte Buch „Theodor W. Adorno“ widmet, dankt ihm Teddie „von ganzem Herzen“ für die „einfach(e) und menschenwürdig(e) Widmung“ – was auch immer damit gesagt sein sollte.

    Sogleich aber verhindert der Geehrte, indem er Unseld vorschiebt, der’s Friedel mitteilt, dass nun aufgrund der Widmung für TWA Kracauers 1932 für die FZ zwar geschriebene und Adorno bekannte, aber bislang ungedruckte „Kierkegaard“-Rezension endlich erscheinen kann: „Welch ein Triumph über die Zeit und die Zeitung!“ hatte Friedel gejubelt, der nun kaltblütig um das früheste öffentliche Zeugnis & Zeichen ihrer (kritischen) Freundschaft gebracht wird. (Denn der „Kierkegaard“ war ihm ja gewidmet!)

    Als „der liebe Teddie“ dann 1964 – zu Kracauers 75. Geburtstag, den Friedel mit panischer Angst zu verschweigen bat –, dem fast Vergessenen ein einstündiges Porträt im Hessischen Rundfunk widmete, war der alte Freund gerührt und begeistert. Er wollte sogar versuchen, den HR-Beitrag in New York zu hören. Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, ihm eine Abschrift des Textes zu schicken, was Teddie aber wohlweislich unterließ.

    Naphta & Settembrini ohne Zauberberg

    Nachdem Friedel, erst ein dreiviertel Jahr später, dann den schon von Adorno zum Druck gegebenen Text vor Augen bekommen hatte, erkannte er darin nicht nur zahlreiche „faktische Unrichtigkeiten“, sondern auch Adornos eigenwillige Porträtierung. Sofort schreibt er an den fernen Freund: „Du wirst nicht erwartet haben, dass ich Deiner Interpretation in allen Stücken zustimme. Im Großen und Ganzen, je mehr sie die lange Periode betrifft, in der wir uns ferner gerückt waren – die Periode also, die schon vor der Emigration begann –, umso mehr affiziert mich Deine Auffassung meiner Haltung und, teilweise, meiner Produkte als eine Konstruktion, die tatsächlich aus der Ferne kommt und eher von Deinen eigenen Denkprämissen herrührt als dass sie der gegebenen Materie gerecht würde. Auch hieraus glaube ich schließen zu sollen, dass zumindest ein Teil Deines Kommentars auf die alten ursprünglichen Bejahungen und Ablehnungen zurückzuführen ist.“

    Womit er recht hatte. Aber obwohl Adornos spätes Danaergeschenk zum ultimativen der zahlreichen Streitfälle in der Korrespondenz der beiden und zu einem heftigen brieflichen Schlagabtausch führte, der auf beiden Seiten bis ins Kleinlichste sich erstreckte, hat auch diese gegenseitige Verletzung nicht zum Ende einer persönlichen Freundschaft und geistigen Kontroverse geführt, über deren Bestand trotz alledem sich noch Lili Kracauer in ihrem eingangs zitierten Brief an Leo Löwenthal wundert.

    Denn ihre geistigen Wege hatten sich früh getrennt – als Adorno, dem „das Ganze das Unwahre“ war, in Kracauer einen Gegenpart erkannte, dem Adornos Totalisierung seiner „Negativen Dialektik“ im Grunde zu „undialektisch“ war, weil sie – gegen ihren eigenen Anspruch & esprit de corps – im „Unwahren“ der Moderne & ihrer Massenmedien (wie dem Film & der Unterhaltungsindustrie) nicht fähig und willens war, die Spuren des „Wahren“ wahrzunehmen, um deren Scheidekunst sich Kracauer bemühte – wie auch Ernst Bloch, den Teddie zu dessen 80. Geburtstag 1965 etwas milder behandelte.

    Das vor allem von Adorno gnadenlos scharf, aber auch unfair geführte geistige Duell der beiden Frankfurter Intellektuellen, dessen Paukboden ihr Briefwechsel war, liest sich jedoch für einen Nachgeborenen wie ein existenzialistischer Briefroman, in dem sich Naphta und Settembrini bekriegen und dessen ironische Parodie Thomas Mann in seinem „Zauberberg“ vorweg geschrieben hat.

    Was dieser brieflichen Kriegsführung des „Begrenzten Konflikts“ an humanisierender Ironie fehlte, wurde durch eine lebenslange Freundschaft, die höher als alle Vernunft war, wettgemacht. Es war aber Friedel, der bis zuletzt seinen Teddie liebte, bewunderte und stolz auf ihn war – wenn er auch immer häufiger über ihn den Kopf schütteln musste. Und Teddie, der geistig vaterlos aufgewachsen und zu sich selbst gekommen war, hat in dem 14 Jahre älteren Friedel, der ihn philosophisch „erweckt“ hatte, bis zuletzt seinen geistigen Vater erkannt, dem er mit jeder seiner Arbeiten beweisen wollte, wie sehr er sich seiner Förderung würdig erwiesen habe, aber auch: dass man – nach einem Aphorismus von Nietzsche – es seinem Lehrer schlecht vergälte, wenn man immer nur sein Schüler bleiben würde.

    Wahrscheinlich war es solche väterliche Liebe zum genialen Sohn, die Kracauer die unversiegliche Kraft gab, die Freundschaft, trotz ihrer zahllosen Demütigungen für ihn, bis zum Ende durchzuhalten.
    Ob Adorno das je begriffen hat, darf man bezweifeln.

    Wolfram Schütte


    Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer: Der Riß der Welt geht auch durch mich - Briefwechsel 1923-1966. Hrsg. v. Wolfgang Schopf. Suhrkamp Verlag: Frankfurt/M. 2008. 771 Seiten. 32,00 Euro.

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