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Adorno/Kracauer: Der Riß der Welt geht auch durch mich (1/2)

22.12.2008


Friedels seltsame Freundschaft mit Teddie

Der Briefwechsel Adorno-Kracauer als ein doppelter Lebensroman gelesen. Teil eins
Von Wolfram Schütte




Der Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und seinem 14 Jahre älteren Frankfurter Mentor und Freund Siegfried Kracauer zählt zu den intimsten Zeugnissen aus dem Leben beider Frankfurter Kulturphilosophen. Die erhaltenen 269 Briefe & Postkarten reichen von 1923 bis zu Kracauers Tod 1966. Unser Mitarbeiter Wolfram Schütte, selbst Herausgeber der Monografie Adorno in Frankfurt (2003), hat den Versuch unternommen, die durch die Überlieferungslage provozierte Komposition der lebenslangen geistigen und persönlichen Beziehung nicht nur als historisches Dokument, sondern auch als einen doppelten „Lebensroman“ der beiden Protagonisten zu lesen. Zwei Charakterporträts, wechselseitig im Gegenlicht. Wir bringen diese Skizze einer Lektüre des außerordentlichen Buches in zwei Teilen.

 

"Mit einem Genie bleibt man nicht befreundet. Genies haben den Mut, nackt auf die Straße zu laufen. Dieser Mut paart sich mit einem bestimmten Charakter. Nur ihr Werk geht sie etwas an, nichts und niemand sonst.“ Antonin Liehm

„Wer in einer Liebesbeziehung mehr liebt als der andere, ist dessen Opfer.“ R.W. Fassbinder


I. Das Mündel will Vormund werden

Als alles vorbei war – „Friedel“ tot (1966) und „Teddie“ gestorben (1968) –, schrieb Friedels Frau, Lili Kracauer, in New York an Leo Löwenthal, den allen drei seit ihren gemeinsamen Frankfurter Tagen zu Beginn des Jahrhunderts vertrauten Freund, nach San Francisco am 1.12.1969: „Seltsam ist es, wie stark die Freundschaft zwischen Friedel und Teddie durch eine so lange Strecke stand hielt. Sie wurde nicht durch die doch großen und tiefen Gegensätze des Denkens und der daraus resultierenden Gedanken gestört, trotz intensivster Diskussionen über diese Gegensätze.“

Das ist ein großes, souveränes und doch auch noch im Erstaunen rätselndes Schlusswort für eine Freundschaft, deren prekäre Innenansicht, sofern sie brieflich erhalten ist, nun erstmals vollständig den Nachlesern auf den 771 Seiten des Briefwechsels von Theodor Wiesengrund-Adorno und Siegfried Kracauer unter dem Titel Der Riß der Welt geht auch durch mich vorliegt. Zahlreiche Illustrationen & Faksimiles beschwören die Aura der authentischen Zeugnisse.

Der Herausgeber Wolfgang Schopf hat die 269 Briefe und Postkarten, die zwischen beiden gewechselt wurden (& erhalten sind!), akribisch kommentiert und nicht selten sehr gewitzt entschlüsselt (& manchmal auch ironisch kommentiert), so dass für den wissbegierigen Leser keine Wünsche offen bleiben und alle Anspielungen und Verweise, die zwischen den einander vertrauten Briefpartnern ausgetauscht wurden, erkundet und zur Parallellektüre empfohlen sind.

Stefan Müller-Doohm hatte schon in seiner Adorno-Biografie (2003) in großen Zügen das eigenartige Verhältnis der beiden Frankfurter Kultur- & Gesellschaftsphilosophen dargestellt, so dass es bekannt ist. Zitieren durfte Müller-Doohm jedoch die Briefe nur auszugsweise, um nicht der jetzt erschienenen Gesamt-Edition vorzugreifen. Aber es sind ohnehin „zwei Paar Schuh’“ (wie man in Frankfurt sagt), ob man einen Briefwechsel referiert bekommt oder ob man sich nun anhand der authentischen Briefzeugnisse seinen eigenen Reim auf das zwischen den beiden Freunden & Kontrahenten 1918 entstandene und bis zu Kracauers Tod 1966 durchgehaltene Verhältnis machen muss (& sollte).

Denn schwankend, bedenklich, bis zum Zerreißen gespannt war die lebenslange, immer wieder brieflich versicherte Freundschaft Friedels mit Teddie et vice versa von Anfang an & bis zuletzt, weil sich nicht nur ihre Lebenswege, sondern auch ihre geistigen Entwicklungen trennten, seit der 14 Jahre ältere Kracauer, aus einer kleinbürgerlichen assimilierten jüdischen Familie stammend, Ende 1918 den fünfzehnjährigen Gymnasiasten Teddie kennengelernt hatte, der aus einer großbürgerlichen Weinhändler-Familie stammte und als früh erkanntes Wunderkind weniger im Schatten des jüdischen Vaters Oscar Wiesengrund, als unter den beflügelnden Fittichen seiner italienischen Mutter, der Sängerin Maria Adorno, und ihrer Schwester Agathe aufwuchs, die seine musikalischen und intellektuellen Anlagen förderten. Das tat erst recht der in unsicheren ökonomischen und beruflichen Verhältnissen lebende „Friedel“, der mit dem bewundernswerten, hübschen Teddie samstags regelmäßig Kant, Hegel, Nietzsche und Kierkegaard las und sich wohl buchstäblich in den Jungen verliebte und mit ihm gemeinsame Ausflüge in die Umgebung Frankfurts unternahm.

Die Ausgangslage: 14 Jahre Differenz

Das Frankfurter Idyll von Mentor und Schüler – zu deren Bekanntenkreis auch Walter Benjamin, Max Horkheimer, Leo Löwenthal und Ernst Bloch gehörte – ging aber unwiderruflich zu Ende, als Teddie nach seiner Promotion 1925/26 nach Wien wechselte, um bei Alban Berg Komposition zu studieren. Aber erst nach seinem Scheitern als Komponist erkannte Adorno seine wahre Berufung. Es war die des literarisch anspruchsvollen kultur- und musikkritischen Essayisten und Sozialphilosophen. Seine Habilitation 1931 in Frankfurt wies auf eine akademische Karriere hin, die 1933 zunichte wurde, die er aber, als produktivster Autor im Rahmen des „Instituts für Sozialforschung“, erst so recht öffentlich entfaltete, nachdem er 1949 aus der amerikanischen Emigration auf einen Lehrstuhl der Frankfurter Universität zurückgekehrt war. Binnen weniger Jahre wurde TWA zum bekanntesten und einflussreichsten (& stil- resp. denkprägenden) Linksintellektuellen der Bundesrepublik.

Kracauer war 1922 Feuilleton-Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ geworden, für die er 1930–33 in Berlin war. In der FZ publizierte er nicht nur die Freunde Benjamin, Bloch und gelegentlich Adorno, sondern erschrieb sich dort auch als Kultur- und Filmkritiker, der sich den Massenmedien widmete, selbst einen bekannten Namen. Der anstrengenden Redaktionsarbeit gewann er zugleich seine aufsehenerregende soziologische Studie über „Die Angestellten“ ab, wie seinen und unter Pseudonym publizierten autobiografischen Roman Ginster. Kracauer war Ende der 20er Jahre auf der Höhe seiner Bekanntheit und Reputation, bevor er – nach dem Reichstagsbrand nach Paris geflohen, von der FZ entlassen – zusammen mit seiner Frau in das lange Dunkel des ökonomisch und existenziell hoch gefährdenden Exils eintrat und im allerletzten Augenblick 1941 dem sicheren Tod nach New York entkam, wo er erst ab 1952 einigermaßen sorgenfrei bis zu seinem Tod leben konnte. 1956 konnte er zum ersten Mal wieder Europa besuchen und nach Deutschland kommen, wo er Teddie gerührt in Frankfurt besuchte, mit dem er sich dann noch einmal 1960 in der Schweiz traf, wo es zu der oft von Friedel brieflich erwünschten „Großen Aussprache“ gekommen ist. Friedels englisch geschriebenes Gedächtnis-Protokoll wurde in dem Briefwechsel nun erstveröffentlicht; es hält den philosophischen Grunddissens zwischen beiden Freunden fest, der alle ihre Konflikte bestimmte.

                         *

„Mein lieber Teddie, mein lieber Freund!
Heute Mittag kam ich an, ganz zerrissen, verhüllt. Nun will ich gleich schreiben. Ich fühlte in diesen beiden Tagen wieder eine solche quälende Liebe zu Dir, dass es mir jetzt so vorkommt, als könne ich allein gar nicht bestehen. Das Dasein ist mir schal, so abgetrennt von Dir, ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Sagen muss ich Dir noch, dass Dein Bericht von Deinem Verhältnis zu Gretel mich doch tief schmerzte. Nicht dass Du es hattest, nur, dass Du so lange neben mir hergingst, ohne dass ich es wusste. Natürlich, dies soll kein Vorwurf sein, da Diskretion ja auch etwas gilt, aber die Tatsache, dass es so war ist doch schwer zu ertragen.
Mein Zustand ist entsetzlich. Ich fürchte so sehr für die Vergänglichkeit dessen, was mir das Teuerste ist, was mir der Sinn oder die Erfüllung meines Daseins ist. Glaubst Du an die ewige Dauer unserer Freundschaft? (...) Ich zittere um den Bestand, Du bist 19, ich 34, Du biegst ab, Du musst quer durch die Welt, mit 19 kann man nicht für sich garantieren, auch Du nicht. Kurzum, es geht entzwei und ich lieg’ da.“

Mit diesen Eingangszeilen eines verzweifelten Liebesbriefs, den der 34-jährige Siegfried Kracauer auf Redaktionspapier der „Frankfurter Zeitung“ dem 19-jährigen Philosophie-Studenten Theodor Wiesengrund-Adorno am 5. April 1923 schrieb und den sogleich zu vernichten er den Geliebten vergeblich bat, beginnt die erhaltene Korrespondenz von Friedel & Teddie, die aufs Intimste zwei Selbstporträts der beiden ungleichen Partner entstehen lässt, wechselseitig in Zuneigung und Abweisung, Annäherung und Entfernung gespiegelt – und ihre Nachleser zu einer Anteil- & Parteinahme provozieren könnte, die einer literarischen Lektüre mehr als einer bloß biografiehistorischen entspricht.

Die Ouvertüre einer Romankomposition

Denn die Überlieferungslage will es nun, dass Kracauers Liebesbrief vom 5. April 1923 wie eine durchkomponierte Ouvertüre fast schon alle Themen & Motive zitiert, die im Fortschreiten & -schreiben der beiden erzählerisch ausgefaltet werden: in einem psychologischen Lebensroman-in-Briefen, der den Titel „Friedels seltsame Freundschaft mit Teddie“ tragen könnte.

Zuerst die Ambivalenz und Gefährdung ihrer emotionalen, „empirischen“ und geistigen Beziehung. Dann Kracauers Selbsthass, mit dem er sich als „die Karikatur eines Menschen“ und einen „aufgerissenen Schlund“ empfindet, und an Teddie bewundert, dass er „vernünftiger“, in „sich beruhend“ sei und „mehr Halt“ besitze. Auch steckt der leidenschaftliche Brief voller Zitate, Winke und Anspielungen, wie sie unter einander literarisch Vertrauten zur geheimen Kommunikation üblich sind, die der gewitzte Herausgeber Wolfgang Schopf nun Adalbert Stifter, Stefan George, Heinrich Heine und Gustav Mahler zuschreiben kann: – Autoren, die in Adornos späterem musikalischen und schriftstellerischem ¼uvre wiederkehren. Und schließlich taucht hier schon „Gretel“ auf – Gretel Karplus, Adornos langjährige Freundin, die er erst 1937 in der Emigration heiraten wird.

Kracauers erste Ahnung eines unausweichlichen Verlustes präludiert aber zugleich das Ende einer homoerotischen Nähe, die von seiner Seite wesentlich enger gemeint und erwünscht war, als von dem experimentierfreudigen Adorno, der sich fern der Heimat „ins richtige Leben“ an der Seite eines „richtigen Menschen“ begibt: seines Kompositionslehrers Alban Berg. Von ihm berichtet er: „Immerhin hatte ich die Freude, dass Berg meine Sachen sofort verstand, die Begabung und das Können anerkannte und (...) eine ungemein ernste und intensive Entwicklung konstatierte. (...) Ich habe also endlich für meine Musik Resonanz und Kritik.“
Das konnte dem jungen Frankfurter Komponisten in spe der unmusikalische Kracauer nicht bieten; erst recht nicht die Bekanntschaft mit den Großen der Wiener Schule, mit denen der bezaubernde junge Mann bald ganz selbstverständlich verkehrt – vor allem aber, sich in einen Reigen von amourösen Abenteuern im Schnitzlerschen Wien stürzt, von deren Auf- & Abs er dem frustrierten „Friedel“ in verklausulierten Briefen berichtet. Wenn Teddie überhaupt schreibt und nicht öfters länger schweigt. Die Trennung mit ihren hochgestochenen Heimlichkeiten & Verschwiegenheiten, unausbleiblichen Missverständnissen, verfehlten Briefen und gegenseitigen verbalen Verletzungen treibt einer Krise zu, die Teddie, um die ihm teure Freundschaft zu retten, zu gewagten Behauptungen verführt, die jedoch bis in sein Alter gelten werden, z.B.: „dass meine Art zu lieben Frauen in Realität nicht trifft. (...) Ich glaube auch von mir selbst nun, dass die Spiritualität mich derart durchdringt, dass ich (...) in Relationen, wie sie zu Frauen bestehen, nicht aufgehe. (...) Ja heute scheint es mir fast, als sei die erotische Bewegtheit meiner letzten Jahre mehr aus der Angst gekommen, alle Natur zu verlieren, als aus Natur selbst.“

Er ist sogar bereit, sich von Gretel zu trennen; aber Kracauer, der mit seiner „Natur“ mehr zu kämpfen hat, als der in Wien erotisch mit sich experimentierende Teddie, wehrt dessen Drängen zu einer „Versöhnungsreise“ ab: „Bei uns empfinde ich eine kürzere Trennung als Gelegenheit zur Selbstbesinnung (...). Jedenfalls erfahre ich jetzt immer, wenn ich an Dich denke (...), die Unzerstörbarkeit unserer Beziehung; ich erfahre sie sehr rein und bin darum gewillter als je, die Widerstände der Empirie zu überwinden, die für mich größer sind, als Du vielleicht auch nur ahnst. Ob es gelingt, ca dépend; los werden wir uns vermutlich leider nicht.“

Das sind sie dann auch nicht. Das „leider“ meint & präludiert das Leiden, das die schmerzvolle Freundschaft Friedel schaffen wird. Auf Adornos inständiges Drängen machen sie noch einmal eine Italienreise, deren gemeinsame Erinnerung Teddie, als er im Oktober 1966 zum ersten Mal wieder in Neapel ist, mit einer Ansichtskarte an den bereits todkranken Friedel in New York beschwört: So wird aus einer biografischen Koinzidenz eine epische Verknüpfung im Korrespondenzsystem des Brief-Romans.

Aber der „empirische“ Teil ihrer Liebes-Beziehung ist 1926 beendet. Im gleichen Jahr lernt Kracauer seine künftige Frau Lili Ehrenreich kennen und hat sich, wie Thomas Mann das nannte, von nun an „eine Verfassung“ gegeben, die 1930 ehelich besiegelt wird. Teddie aber wird bald darauf mit Gretel im Urlaub, wie einst mit Friedel am Samstag, Kant lesen – und ihm von seiner gelehrigen Schülerin berichten.

Dem jungen Genie wird (vergeblich) der Kopf gewaschen

Während Kracauer durch seine vielfältigen Arbeiten in der FZ eine unübersehbare kulturkritische Präsenz und Prominenz in der literarischen Öffentlichkeit zuwuchs, musste er dem als Komponist in Wien gescheiterten Teddie, der nun die Kunst in Bausch und Bogen verwirft, brieflich den radikalisierten Kopf waschen und zurechtrücken: „Du schreibst (...), Du seist traurig und leer aus Wien fortgegangen; es komme auf das richtige Leben an. (...) Dabei ist Dir de facto doch weder die Kunst noch der Künstler verächtlich und dass das ›richtige Leben‹ die künstlerische Leistung ausschließe, glaubst Du selber nicht. (...) Aus Gründen der Revolution würde ich also an Deiner Stelle der Kunst als solcher keine Absage erteilen, und der Zerfall der Werke ist nur die eine Seite ihres Geschicks. Es hat (...) noch eine gute Weile, bis der Kehrichtmann kommt. (...) Fast meine ich, Du nähmest hier (wie ja auch auf erotischem Gebiet) einen doppelseitigen Standpunkt ein, um nur ja überall zu stehen.“

Blitzhaft wird in dieser spitzen Kracauerschen Bemerkung aus dem Jahre 1927 das ganze spätere Konfliktfeld erleuchtet, auf dem sie sich von da an offen oder verdeckt brieflich bekämpfen werden. Dabei ist es höchst erstaunlich, dass der scheue, enttäuschte Liebhaber das „erotische Gebiet“ noch einmal erwähnt und es sogar mit Adornos geistiger Haltung parallelisiert und diese unmissverständlich als egozentrisch kritisiert. Zugleich weist Kracauer aber schon zwei Jahrzehnte vor dem vielzitierten Merksatz aus den Minima Moralia, wonach es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, die „adornitische“ Entgegensetzung von Kunst & Leben als falsch zurück. Aber dass sowohl der „Zerfall der Werke“ – ein Topos des Hegelianers Adorno – nicht alles an ihnen sei, als auch die Revolution auf sich warten lasse, wird Kracauer seither den Vorwurf Teddies eintragen, nicht radikal genug zu sein und zu denken. Vor allem nachdem Adorno sich als orthodoxer Marxist eng mit Max Horkheimer und dem Frankfurter „Institut für Sozialforschung“ liiert hat und sein „Ecrasez l´Infame“ der Bourgeoisie gilt, wird er mit seinem Zauberfetisch, der Allzweckwaffe „Dialektik“, gegen Kracauers angeblich versöhnlerischen Opportunismus auftrumpfen.

Kracauer nicht nur, sondern auch Benjamin und Bloch – seine zwei anderen Freunde & engen Bekannten – sind schon weithin „bunte Hunde“ im intellektuellen Leben der Weimarer Republik, während Teddie noch als Musikkritiker nur am Rande einen Namen hat. Das soll sich ändern: mit seinem Start in eine akademische Karriere, die er mit seiner Frankfurter Habilitation über Kierkegaards „Konstruktion des Ästhetischen“ betreibt und deren Programm eines philosophischen Essayismus – der vor allem „im Medium der Sprache etwas zustande bringt“, das literarischen Ansprüchen „standhält“ – der brillante „Privatdozent“ mit seiner vielbeachteten Antrittsvorlesung 1931 skizziert.

Während Teddie noch, in feudaler Hotel-Klausur im Frankfurt nahen Kronberg (wo auch Horkheimer wohnte) an dem philosophisch-literarischen Paukenschlag schreibt, dessen Druckfassung er Kracauer widmen wird, unterzeichnet das 27-jährige Junggenie erstmals einen Brief an den 41-jährigen Kracauer mit „Dein alter Teddie“; und das Resümee, in dem er seine Lektüre-Eindrücke von Kracauers Angestellten zusammenfasst, ist denn auch von einer verletzenden, altklugen, schulmeisterlichen Gönnerhaftigkeit: „Die Angestellten habe ich mittlerweile gelesen mit großer Freude, es ist sehr substanziell und dabei von einer sehr guten realen Haltung, auch schriftstellerisch durchwegs sehr respektabel und in der Gruppierung zumal der Zitate erstaunlich. (...) Zu fragen wäre (...), ob zwischen der Form der prima vista Improvisation, der apriorischen Erfahrung von den Dingen, und dem dokumentarisch fundierten Verfahren immer die rechte Beziehung gefunden (sei).“

In seiner Antwort zeigt sich Kracauer „sehr gespannt auf die Kierkegaard-Arbeit“,
und fügt einen Stoßseufzer hinzu, den viele spätere Adorno-Leser wiederholt haben: „Wenn das alles nur nicht wieder so schwer geschrieben ist.“ Aber dann geht er auf das ceterum censeo seines ehemaligen Mündels ein, das von nun an sein Vormund sein will und ihm mangelnde philosophische Systematik und fehlende Durcharbeit der gesellschaftlichen Dialektik vorhalten wird.

Mit Marx & Lenin und einem Maschinengewehr kleinster Intuitionen

Deshalb fährt Kracauer in seiner brieflichen Antwort – um seiner geistigen Selbstbehauptung willen – schweres Geschütz mit Adornos damaligen „Hausheiligen“ auf. Er „halte die Arbeit methodologisch insofern für sehr wichtig, als sie eine neue Art der Aussage konstituiert (..), die nicht etwa zwischen allgemeiner Theorie und spezieller Praxis jongliert, sondern eine eigen strukturierte Betrachtung darstellt. Wenn Du willst, ist sie ein Beispiel für materiale Dialektik. Analoge Fälle sind die Situationsanalysen von Marx und Lenin, die sich aber noch mehr auf den Marxismus verlassen, als wir es heute können, und (...) nur daher den Anschein größerer Strenge erwecken. Dort ist die Dialektik noch der letzte Ausläufer der Totalitätsphilosophie, während ich sie von dieser Rückversicherung ablösen möchte und sie für ein Maschinengewehr von kleinsten Intuitionen halte. Dass ich dabei das Abstrakte, Verbindende bis zu einem gewissen theoretisch nicht ausmachbaren Grade gelten lasse, weißt Du ja.“

Um wie viel früher & weitsichtiger Kracauer mit seinem „Maschinengewehr von kleinsten Intuitionen“ die politische Situation in Deutschland zu treffen vermochte, als der ahnungslose, vermeintlich politisch radikalere, aber taktisch opportunistische Adorno, der noch nach der Nazi-Machtergreifung auf eine Redakteursstelle in einer Berliner Zeitung spekulierte, offenbart nicht nur dessen Aufforderung am 15. April 1933, der nach dem Reichstagsbrand nach Paris geflüchtete Friedel solle „nach Deutschland zurückkommen. Es herrscht völlige Ruhe und Ordnung; ich glaube die Verhältnisse werden sich konsolidieren.“

Dabei hatte ihm Friedel bereits 1930, während eines Ferienaufenthalts in Frankreich, seine prophetische Einschätzung der deutschen Zukunft übermittelt, die 1933 unübersehbar begonnen hatte: „Die Lage in Deutschland ist mehr als ernst (...) Es waltet ein Verhängnis über diesem Land und ich weiß genau, dass es nicht nur der Kapitalismus ist. Dass dieser so bestialisch werden kann, hat keineswegs ökonomische Gründe allein. (Wie sollte ich sie formulieren können? Ich bemerke nur immer wieder in Frankreich, an dem es doch gewiss viel zu kritisieren gibt, was alles bei uns zerstört ist: der primitive Anstand, die ganze gute Natur und mit ihr jedes Vertrauen der Menschen ineinander). Da aber bei uns eine Revolution nicht, wie in Russland vielleicht, ein unverbrauchtes ›Volk‹ ankurbeln würde, glaube ich auch nicht an die Heilkräfte des Umsturzes. Ich erkenne nur ein allgemeines Schlamassel und beinahe wäre mir am liebsten, es könnte noch so weitergewurstelt werden.“

Wolfram Schütte

Den zweiten Teil dieser Skizze einer Lektüre lesen Sie hier.


Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer: Der Riß der Welt geht auch durch mich - Briefwechsel 1923-1966. Hrsg. v. Wolfgang Schopf. Suhrkamp Verlag: Frankfurt/M. 2008. 771 Seiten. 32,00 Euro.

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