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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 09:02

     

    José Eduardo Agualusa: Das Lachen des Geckos

    01.12.2008

    Poetisches Spiel mit der Vergangenheit

    Agualusas Figuren, seine Einfälle, seine Beschreibungen und Situationsschilderungen gehen auf subtile, tiefgründige Weise eine organische Verbindung ein und erzeugen eine Klarheit von leuchtender Kraft. Von Anselm Brakhage

     

    Der Gecko – ein Schuppenkriechtier, seit ca. 50 Millionen Jahren auf der Erde existent, in mehr als 700 Arten auftretend; das nur zur Information oder auch auffrischenden Erinnerung. Tut aber auch nicht wirklich etwas zur Sache. Unser titelstiftender Gecko hat – abgesehen wohl von seinem Äußeren und seinen bevorzugten Aufenthaltsorten (im Schatten!) – wenig gemein mit seinen Artverwandten. Unser Gecko gehörte in seinem früheren Leben der menschlichen Spezies an und fungiert als Ich-Erzähler in José Eduardo Agualusas wundervollem Roman Das Lachen des Geckos.

    Nun ja, eine hübsche Idee vielleicht, möchte man meinen, diese ungewöhnliche Erzählperspektive, aber nicht doch ein wenig abwegig, aus der Luft gegriffen, eher dem Repertoire des Fantasy-Genres zuzuschreiben? Mitnichten, der Einband verspricht anderes, und das Buch hält das Versprechen auch.

    Im Zentrum der Geschichte steht Felix Ventura, in dessen Gemäuer der Gecko zu Hause ist und ihn als Beobachter und Zuhörer begleitet und dessen Visitenkarte seine Geschäftstätigkeit so umschreibt: „Felix Ventura. Schenken Sie Ihren Kindern eine bessere Vergangenheit.“ Ventura erfindet Biografien, strickt sie um, färbt sie ein, verdreht und ergänzt sie, bis der Kunde zufrieden darauf (zurück-)blicken kann. In der angolanischen Hauptstadt Luanda ansässig, mangelt es ihm an Kunden nicht, die ihre nicht immer unbefleckte oder auch nur vermeintlich nicht vorzeigbare Vergangenheit etwas aufpolieren möchten. Nach der 1975 erlangten Unabhängigkeit und den darauf folgenden Bürgerkriegswirren ist manchem aufstrebenden Vertreter der neuen Oberschicht vieles seiner Herkunft und seines Werdegangs heute eher hinderlich, was vielleicht gestern noch en vogue oder zumindest belanglos war. Dieser biografischen Flecken nimmt sich Ventura an, mit Eifer, Fantasie und Erfolg.

    Als eines Tages jedoch ein geheimnisvoller Fremder auftaucht und Ventura drängt, den bis dahin üblichen Aktionssrahmen zu verlassen, indem er ihm eine komplett neue Identität mit gefälschten Papieren etc. beschaffen soll, gerät Ventura mehr und mehr in ein gefährliches Spiel.

    Poesie und Politik

    Bei allem Ideen- und Sprachreichtum hat dieser Roman auch eine entschiedene politische Ebene, die Agualusas eigene Biografie widerspiegelt: Agualusa, 1960 in Angola geboren, später als Student in Lissabon, lebt heute als Schriftsteller und Journalist in Angola, Portugal und Brasilien. Koloniales Erbe am Beispiel Angolas, Einflussnahme der Großmächte, Kampf der Ideologien, Diktatur und Demokratisierung in Europa (Portugals Nelkenrevolution), Erlangung der Unabhängigkeit und zermürbender Bürgerkrieg in Angola – all dies bietet den Hintergrund für die tatsächlichen und erfundenen Vergangenheiten von Venturas Kunden.
    Agualusa ist dabei ein höchst geistreicher und fantasievoller Umgang mit diesen Themen gelungen, indem er sie eher andeutet als sie explizit auszubreiten. Exemplarisch mag hierfür die Idee des gleich mehrfach gedoubelten Präsidenten stehen – Sinnbild für Flüchtigkeit und Beliebigkeit von Macht.

    Agualusas Stil vibriert von Fabulierlust, wenngleich mit diesem Begriff vielleicht irreführende Assoziationen geweckt werden im Sinne ausschweifender Satzgebäude. Agualusa aber ist alles andere als ausschweifend; er ist ein Meister verdichtender, fast lyrischer Prosa. Seine knappen Sätze perlen dahin mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit und einer Unmittelbarkeit von betörender Anmut. Seine Figuren, seine Einfälle, seine Beschreibungen und Situationsschilderungen gehen auf subtile, tiefgründige Weise eine organische Verbindung ein und erzeugen eine Klarheit von leuchtender Kraft.

    Der A1-Verlag ist immer wieder für tolle Entdeckungen gut. So hatte man beispielsweise auch mit dem Spanier Ray Loriga einen echten Volltreffer gelandet (siehe Rezensionen über Triféro und Der Mann, der Manhattan erfand)

    Für 2009 hat der Verlag bereits eine weitere Übersetzung eines Romans von Agualusa angekündigt: As Mulheres de Meu Pai (dt. Die Frauen meines Vaters). Freuen wir uns drauf!

    Anselm Brakhage


    José Eduardo Agualusa: Das Lachen des Geckos. (O vendedor de passados, 2004). Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. A1-Verlag 2008. Gebunden. 181 Seiten. 17,80 Euro.


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