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    Alban Lefranc: Angriffe. Fassbinder, Vesper, Nico

    01.12.2008

    Drei Angriffe

    Rainer Werner Fassbinder vertritt nicht allein den deutschen Nachkriegsfilm (Godard), ist nicht nur Bürgerfresser, ein klarsichtiger Hasser all dessen, was die bundesdeutsche Gesellschaft der 60er- und 70er-Jahre repräsentiert, er führt auch die Trilogie an, die Alban Lefranc unter dem Titel Angriffe – Fassbinder, Vesper, Nico nun im Verlag Blumenbar auf Deutsch vorgelegt hat. Von SIBYLLE LUITHLEN

     

    Lefranc (geboren 1975), der auch Übersetzer und Herausgeber der deutsch-französischen Literaturzeitschrift „La mer gelée“ ist, nähert sich sprachgewaltig, aus immer neuen Perspektiven, mit immer anderen Stimmen und sprachlichen Registern drei deutschen Biographien, deren Aufstieg und Fall zeitlich in die 60er- bis 80er-Jahre gehören und deren Werk und Leben er – vor allem bei Fassbinder und Vesper – direkt oder indirekt zur Geschichte der RAF und dem sich daraus entwickelnden staatlichen Klima in Beziehung setzt. Lefranc nähert sich seinen Objekten auf verschiedenen Wegen, kreist sie ein, in dem er Themen und Stile nebeneinander montiert, wild in Erzählperspektiven und Zeiten springt, und wer sich nicht auf den ersten Seiten entmutigen lässt, dem wird das, was am Anfang vielleicht wie ein Flickenteppich aussieht, zu einem dichten, schillernden Gewebe mit enormer Tiefe. Gemeinsam ist den drei Kurzromanen auch das Erzählen auf einen Tod zu, der für alle drei Protagonisten gewalttätig ist und den Lefranc als einen konsequenten Schlusspunkt ihres Lebens inszeniert.

    Angriffe auf dem Weg im Schnee am Abend – so der volle Titel des ersten Romans, der bereits 2005 auf Französisch erschienen ist – schafft die Innensicht eines maßlosen und getriebenen Geistes, dem die unaufgearbeitete Nazizeit, die im Wirtschaftswunder erstickende Bundesrepublik, die ganz alltägliche Gewalt kreative Nahrung sind. Fassbinder reichen als Feind die gewöhnlichen Leute, die menschlichen Luftzüge, die Erdulder einer hohlen Existenz; sie will er wachrütteln, infizieren mit seiner Wut, auf das die Krise überall ausbreche, die sogenannte Normalität endlich zerfalle.
    Er schlägt auf diesen allgegenwärtigen Feind mit seinen permanent nach draußen drängenden Filmen ein, ohne Rücksicht. Drogen, Liebhaber, Schauspieler, amerikanische Produzenten, Nahrung, Alkohol, Wohnungen, Geld, alles muss der Filmmaschine RWF einverleibt werden, damit er bis zu seinem 38. Lebensjahr seine 43 Filme, die 15 Stunden Berlin Alexanderplatz drehen und seine Theaterstücke schreiben kann.

    Der Tod erreicht einen verwahrlosten, übergewichtigen und mit Drogen vollgepumpten Fassbinder kurz nach seinem 37. Geburtstag. Aber Fassbinder lässt sich bei Lefranc auch von seinem eigenen Tod nicht beeindrucken und verschwindet mit den Worten: „... Sein Lachen aber, auch wenn sie es mit vereinten Kräften angingen, wenn sie seinen Mund mit Erde zuschaufelten, wenn sie den Sarg mit Retrospektiven über ihm zunagelten, glaubten sie wirklich, sie könnten sein Lachen abstellen? Man würde ihn völlig aus dem Gedächtnis verlieren. Er würde in den unbegrenzten Raum hinter den Gitterstäben zurückkehren.“

    Rücksichtslos gelebt und gestorben

    Münder und Waffen ist der Titel des zweiten Romans, 2006 auf Französisch erschienen, in dem Lefranc den Schreiber und späteren Ensslin-Gefährten Bernward Vesper darum kämpfen lässt, aus dem Schatten des gleichermaßen bewunderten wie gehassten Nazi-Vaters zu treten, jemand gegen diesen Vater und diese Herkunft zu sein, jemand mit einer eigenen Sprache. In Gudrun Ensslin, die er als Student an der Tübinger Universität kennenlernt, findet er den ersten Menschen, mit dem er wirklich reden kann, der ihn versteht, Ensslin wird seine Welt und die Mutter seines Sohnes.

    Doch nach einer kurzen Glanzzeit als einer der Köpfe der linksradikalen Tübinger Studentenszene verlässt ihn Ensslin für Andreas Baader, und damit holt Vesper der Schatten wieder ein, in dem er ein Nichts ist, eine Randerscheinung, ein wie auf seinen späteren Selbstmord vorausdeutend immer mehr Verschwindender. „Kein Kaleidoskop, nichts vom letzten großen Aufleuchten, von dem die Bücher erzählen. Nur dieses Selbstmitleid, diese Betretenheit“, bleiben Vesper, als er in einem Hotelzimmer an einer Überdosis Schlaftabletten stirbt.

    Nico, die dritte und am wenigsten Greifbare der drei Figuren, wird uns in Sie waren nicht dabei erzählt, einer deutschen Urveröffentlichung dieses Jahres. Der federleichte Aufstieg der Christa Päffgen aus dem Nachkriegsdeutschland in die Glitzerwelt der internationalen Modeszene, die durch einen Auftritt in Fellinis La dolce vita und später, als sie zu Warhols engstem Kreis gehört und Platten mit Velvet-Underground einspielt, zum Star wird. Lefrancs Annäherungsversuche bleiben vergeblich, wir kommen ihr nicht nahe, sie bleibt eine schöne Oberfläche, die mit zunehmendem Alter an Glanz verliert und schließlich, nach jahrelanger Heroinsucht, ganz zerstört wird. Als 50-Jährige kommt sie bei einem Fahrradunfall auf Ibiza ums Leben.

    Auf 322 Seiten eröffnet Lefranc einen Blick in drei innere Räume, auf drei radikale Lebensentwürfe, in denen rücksichtslos gelebt und gestorben wird, und auf die Gesellschaft, aus der sie hervorgegangen sind. Wir sind ein bisschen verstört, für einen Moment, die Realität erscheint uns blass. Dafür haben wir zu danken.

     

     

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