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Uwe Timm: Halbschatten

24.11.2008


Stimmengewirr

Uwe Timms neuer Roman Halbschatten präsentiert den symbolischen Friedhof der deutschen Geschichte. Leider geht Timms Erzählen zu oft im Gewirr der toten Stimmen unter. Von Sebastian Karnatz

 

Es soll eine Handvoll gebildeter, mit Lust und Hingabe lesender Menschen geben, die jedes Jahr wieder verzweifelt den Namen Uwe Timm ausrufen, wenn es um die Vergabe des renommiertesten deutschen Literaturpreises, des Büchner-Preises, geht. In der Tat hat kaum ein zeitgenössischer Autor ein so reichhaltiges und thematisch variables ¼uvre vorzuweisen wie der 1940-geborene Uwe Timm. Von Kinderbüchern – jawohl, das Rennschwein Rudi Rüssel ist Timms Schöpfung – über anspruchsvoll montiertes dokumentarisches Erzählen bis hin zu großen Romanen wie Rot hat Timm so ziemlich alles zu bieten, was man sich als Leser nur wünschen mag. Doch wahrscheinlich scheitert er, so mutmaßte Ulrich Greiner in der ZEIT schon vor knapp fünf Jahren, bei der Preisvergabe stets an seinem größten Vorzug gegenüber so manch anderen Gegenwartsautoren – seine Bücher sind zumeist zurückhaltend im Stil, mit vornehmer Sachlichkeit geschrieben und höchst unterhaltsam. Das existenzielle Ringen um Worte, der Kampf um sprachliche Deutungshoheit, der mit dem zeitweiligen Verlust der Lesbarkeit einhergeht, ist Timms Sache nicht. Er ist im Grunde genommen ein Romancier alter Schule, der sein Handwerk unter den Bedingungen der modernen Literatur gelernt hat.

Geschichte und Geschichten

Umso mehr überrascht es den geneigten Leser, dass Halbschatten als hektische, voller Brüche montierte Textur daherkommt, die mit einer handelsüblichen Geschichte, einer Story, erst einmal wenig zu tun hat. Halbschatten ist ein vielstimmiger Chor, ein stets die Erzählperspektiven wechselndes Gemisch aus historischen Texten, unterschiedlichsten Schicksalsgeschichten und einer zarten Love-Story.

Ein namenloser Autor wandelt mit einem Stadtführer, den er konsequent mythisierend den Grauen nennt, über den Berliner Invalidenfriedhof und hört dabei die Stimmen der Toten. Der Graue fungiert als Mittler zwischen der Welt der Lebenden und der Toten, seine Präsenz bringt den grauenhaften Chor zum Erklingen, macht Geschichte und Geschichten hörbar. Doch Uwe Timms neuestes Werk steht und fällt mit der zentralen Liebesgeschichte der jungen Fliegerin Marga von Etzdorf, die 1933 in Syrien unter mysteriösen Umständen Selbstmord beging.

Timm spürt einer jungen Frau nach, deren Fatum es war, als Bruchpilotin dem Vergessen anheim zu fallen. Keine ihrer großen Touren konnte sie regulär beenden, nach ihrer letzten schmachvollen Bruchlandung beschloss sie ihrem Leben ein Ende zu setzen. Trieb sie die Schmach in den Tod? Mosaikartig entfaltet sich vor den Augen des Lesers die Geschichte ihres Lebens, die nicht zuletzt aus einer tragischen, unerfüllten Liebe besteht. Marga teilt in Japan ein Zimmer mit dem Piloten und Lebemann Christian von Dahlem. Sie öffnet ihm ihr Herz, zu mehr allerdings wird es nicht mehr kommen. So bleibt die Sehnsucht nach Liebe das wichtigste Motiv dieser zentralen Episode, das brennende Verlangen nach Nähe.

Die Wirren der Diskursliteratur


Doch überraschenderweise lässt einen gerade diese Geschichte, der Dreh- und Angelpunkt des Romans, merkwürdig kalt. Der große Erzähler Uwe Timm verstrickt sich in den Texturen seiner Schöpfung, in der monströsen Geschichtlichkeit alles Lebenden. Nur die Stimme des Heeresunterhalters Miller, eines notorischen Quertreibers und Schwerenöters, vermag etwas aus dem gleichförmigen Einerlei der Toten auszubrechen. Miller, der unwissend die Geliebte Heydrichs schwängert, greift immer wieder kommentierend in Margas Lebenserzählung ein.
Im Gewirr der Stimmen hat Uwe Timm seine eigene kurzzeitig verloren. Halbschatten besitzt zwar einen ureigenen Sound, aber nur wenig erinnert hier an den subtilen Erzählton früherer Timm-Romane. Zu sehr verstrickt sich der Roman in die Wirren der Diskursliteratur: Mord und Totschlag durchziehen die deutsche Geschichte. Kein Individuum kann aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Jeder ist untrennbar mit dieser Geschichte und ihrem monströsen Epizentrum, dem Nationalsozialismus, verbunden. Dies ist fast etwas zu einfach, um einen Roman zu tragen; zu plakativ, um mehr sein zu können als ein intelligent komponiertes Gemisch aus Fiktion und dokumentarischem Erzählen.

Hörbare Stimmen


Einem – zum Teil in der Tat scheußliche Ergebnisse bringenden – Trend folgend, erscheint Halbschatten zugleich als klassischer Roman und als Hörbuch. Der Schauspieler Matthias Brandt spricht in einer wunderbaren Mischung aus Lakonie und melancholischer Düsternis die diffizile Rollenprosa. Der Roman entfaltet hier seine durchaus vorhandenen Stärken, die Stimmen der Toten werden wirklich lebendig, die Abgründe der deutschen Geschichte greifbar. Maria Schrader hingegen gibt die Marga von Etzdorf mit einem gehörigen Schuss rollenspezifischer Naivität und betont maßlos übertreibend das poetische Element dieses im Grunde erstaunlich nüchternen Textes.

Trotz allem bietet Halbschatten eine recht gelungene Hörbuch-Fassung des Romans, die weder auffallend spektakulär noch sonderlich schludrig geworden ist – also einen durchweg soliden Eindruck einlässt. Gleiches muss man wohl auch an sich über Uwe Timms neuen Roman sagen, der den Leser etwas umrätselt zurücklässt.

Sebastian Karnatz



Uwe Timm. Halbschatten . Roman. Kiepenheuer & Witsch 2008. 272 Seiten. 18,95 Euro.

Uwe Timm. Halbschatten
. Gelesen von Matthias Brandt und Maria Schrader. Random House Audio 2008. 6 CDs. Laufzeit ca. 460 Minuten. 24,95 Euro.


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