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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 19:26

    Jean-Philippe Toussaint: Fernsehen

    10.11.2008

    Sehen Sie etwa kein fern?

    Alle Welt redet darüber, alle Welt tut es, mehr oder weniger engagiert: fernsehen. Jean-Philippe Toussaints Roman La Télévision von 1997 wurde bereits 2001 ins Deutsche übersetzt, liegt jetzt aber in frischer Aufmachung vor und nimmt sich auf sehr unterhaltsame Weise des ewigen Themas an. Von SENTA WAGNER

     

    Einer hat mal im Zusammenhang mit der deutschen Erstveröffentlichung von Fernsehen (Suhrkamp-Taschenbuch 2001) geschrieben, dass der Roman wahrscheinlich einfach zu komisch sei für eine gebundene Ausgabe. Das ist witzig, im Nachhinein, denn Fernsehen gibt es jetzt tatsächlich als Hardcover-Ausgabe, und neben der macht sich das Suhrkamp-Büchlein recht schmächtig aus. Verpackung hin oder her, die schräg-komische Geschichte ist die gleiche, der Übersetzer auch, der nur hier und da an ein paar Vokabeln gefeilt hat. Der Roman erzählt nun von dem beispiellosen Fernsehboykott eines aus Paris stammenden Professors für Kunstgeschichte, eines „Ich eben“ – und den einhergehenden Ablenkungsmanövern.

    Es ist Sommer, und wir sind in Berlin. Der Ende dreißigjährige Erzähler ist einer, der unumwunden zugibt, Liebe machen, schwimmen gehen und fernsehen (vor allem Sport) seien seine Lieblingsbeschäftigungen. In die Stadt hat es ihn samt Familie allerdings als Stipendiat verschlagen. Für eine Studie über den Maler Tizian und Karl V., also Kunst und politische Macht, hat sich unser Mann eine Auszeit genommen und will sich diesen heißen Sommer lang ausschließlich darum kümmern. Der Rest ist in die Ferien gefahren.

    Die Rahmenbedingungen der (geistigen) Isolation sind geschaffen, aber so recht kommt das Unternehmen nicht in Gang, erste Anzeichen einer Schreibblockade sind erkennbar. Der intellektuelle Anspruch gleitet ab in ein heiter-ironisches Drumherumreden um die Niederschrift, locker verknüpft mit kritischen Überlegungen zu dem Massenmedium an sich und kunstsachverständigen Anekdoten.
    Abends hängt der Erzähler vor der Glotze ab und zappt wie verrückt, bis zu dem wilden Moment, als er beschließt, das Gerät im Wohnzimmer – „ein klassischer Fernseher, schwarz und quadratisch“ – einfach auszuschalten und nicht mehr fernzusehen, „ein für allemal“.

     

    Vergnüglicher Müßiggang

    Bestürzt nimmt der Erzähler die Bitte um einen Dienst am Nachbarn auf, Blumengießen bei Ehepaar Drescher. Damit bricht unvermittelt das (West-)Berliner Leben in sein Refugium ein, wenngleich der Dienst mehrere Wochen lang in Vergessenheit gerät. Es stellt sich heraus, dass es in der Hauptstadt noch allerhand Sachen zu tun gibt, so dass das systematische Arbeiten bis auf Weiteres zurückgestellt wird. Schwerer wiegt jedoch das sich einstellende Gefühl eines Mangels ohne die Fernguckerei, „das erste Anzeichen von Entbehrung“. Daraufhin flüchtet sich Toussaints Held in einen abenteuerlichen Müßiggang, den kein zeitgenössischer Schriftsteller je so schön und beseelt vom Detail beschreiben hat wie der Belgier: lagern und nackt baden am Halensee, Fenster putzen, im Café sitzen und auf deutsche Art frühstücken, essen, immer wieder essen, die Vertretung der Vertretung eines Psychoanalytikers übernehmen, telefonieren, sich was überlegen, ins Schwimmbad gehen, einen Rundflug über Berlin machen, ins Museum gehen, erotisierende Momente genießen.

    Selbstverständlich und höherer Zweck der ganzen Bummelei ist das Arbeiten an der Studie, und zwar im Kopf. Im Gegensatz zu ihm verwandten Geistesmenschen leidet der Erzähler aber nicht etwa unter seiner Schreibhemmung, sondern ist stets vergnügt, höchstens verwundert. Einzig dass er seiner Verantwortung beim Blumengießen nicht ordentlich nachgekommen ist, lässt ein Gefühl des Unwohlseins aufkommen.
    Der Berliner Alltag wird auf seine allerkomischsten, banalsten und trostlosen Seiten hin ausgequetscht – mit sprachlichem Können und stilistisch brillant. Toussaints Liebe zu runden Klammern, als Träger von meist halbwichtigen Zusätzen, ist nebenbei eine Konstante in seinem Werk.

    Wer nach der Lektüre immer noch kein Zweitgerät besitzt, sollte das Buch nochmals lesen. Auch wenn er selbst dann nicht erfährt, was eigentlich aus der Studie geworden ist…



     

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