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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 11:07

     

    Mieze Medusa: Freischnorcheln

    27.10.2008

    Ein Glanz sein

    Existenzängste zwischen Ich-AG und Kunden-Akquise, zwischen Logo-Entwürfen und Longdrinks, zwischen Segelmagazinen und Sonnenbaden. Die österreichische Hip-Hop-Queen und Slammerin Mieze Medusa entwirft in ihrem literarischen Erstlingswerk Freischnorcheln das tragikomische Leben einer modernen Freelancerin. Von Ingeborg Jaiser

     

    Nora Klein würde am liebsten kündigen – wenn sie nicht selbst ihr eigener Chef wäre. Als freischaffende Grafikerin hält sie sich nur mühsam über Wasser, versucht jedoch mit Humor und Standfestigkeit, die Contenance zu wahren. Ihr einziges Kapital: ein altersschwacher Palm, ein gesperrtes Handy und eine Internet-Flatrate. Ein ewig rutschendes Jeanskleid von Diesel und ein graues Abi-Kostüm von C&A. Eine 2 ½ Zimmerwohnung in Wien und ein funktionstüchtiges Fahrrad. Ein paar Ideen und eine freche Schnauze. Doch reicht dies aus, um eine Frau zu ernähren?

    Ein bisschen erinnert die Freelancerin Nora an Irmgard Keuns Kunstseidenes Mädchen: schnoddrig, selbstbewusst, verzweifelt, insgeheim stolz – und immer tapfer strampelnd. „Ich möchte ein Glanz sein“, könnte auch Nora im Übermut ausrufen, eh der Katzenjammer sie ergreift.

    Nah am Wasser

    Meist knurrt und gurgelt der Magen. Und wenn Nora einmal kräftig zulangt – bei Vernissagen-Büffets, Joghurt-Verkostungen und Essenseinladungen von Auftraggebern – kann sie vor Nervosität und Übelkeit kaum etwas bei sich behalten. Um nicht ständig vor einem leeren Kühlschrank zu stehen, ist Ideenreichtum gefragt. Hier ein Job als Mystery Shopper, dort ein paar drittklassige Nachfolgeaufträge von früheren Kunden. Doch wenn zur Auftragsflaute auch noch eine Steuernachforderung kommt, ist die nächste Mietzahlung ernsthaft in Gefahr. So zieht Nora in ein fensterloses Kabinett und vermietet ihr schönstes Zimmer gewinnbringend unter: an den arbeitslosen Sebastian, genannt Seb. Um an heißen Sommertagen den Kopf durchzulüften und die schlechten Gedanken zu vertreiben, hat Nora ein Alternativprogramm parat: in die Pedale treten, an die Donau radeln und nacktbaden. Das aufgewühlte Karma beruhigen und dem Donauweib frönen. Freischnorcheln eben.

    Dass sich Nora auf keine sexuellen Präferenzen festlegt („In meiner Branche gehört variable Sexualität fast schon zum guten Ton“), mal Frauen anbaggert, mal von Männern hofiert wird, könnte von Vorteil sein, führt jedoch zu vermehrten Turbulenzen. Als sie mit der Tochter eines Kunden allzu handgreiflich flirtet, lässt dieser empfindlich lange mit den Honorarzahlungen auf sich warten. Und als der potenzielle Auftraggeber Frank kurz vor Vertragsabschluss den Rückzieher macht, folgt Nora zum Ausgleich seiner Einladung auf ein Hausboot. Doch das Date gerät zum Desaster, zumindest für Frank. Nach Fesselspielchen lässt Nora den verdutzten Lover mit Handschellen ans Bett gekettet zurück und brennt mit seiner gesamten Barschaft durch („Die Scheine stopfe ich in meinen BH, schließlich brauche ich beide Hände zum Radfahren“).

    Exil am Ende der Welt

    Was als tragikomischer Prekariatsroman begann, kippt nun schnell in ein Roadmovie über. Zwar reicht es nicht bis ans Ende der Welt, doch zumindest bis an den äußersten Zipfel Europas. Im portugiesischen Sagres mietet sich Nora inkognito ein, genießt die Nachsaison und verkuckt sich in den Surflehrer Mario. Fast schon ein Happy End.

    Mieze Medusas Erstlingsroman ist frech bis zur Rotzigkeit und direkt bis zur Demaskierung. Hier spürt man die künstlerische Herkunft der österreichischen Autorin, die übrigens bürgerlich völlig unspektakulär als Doris Mitterbacher 1975 in Schwetzingen geboren wurde. Mieze Medusa ist als Slammerin und Rapperin bekannt geworden, macht Musik, hat den Protestsongcontest 2007 gewonnen und eine Poetry-Slam-Anthologie in der Edition Aramo herausgegeben. Eine wahre Medien-Allrounderin eben. Das schlägt sich nicht zuletzt in einem lässigen, kreativen Umgang mit der Sprache nieder („Ich googlemappe Hawaii“, „Ich tagediebe mich so durch die Wochen“) So liest sich Freischnorcheln flott und beschwingt als leichter Sommerroman im beginnenden Herbst.

    Ingeborg Jaiser


    Mieze Medusa: Freischnorcheln. Milena Verlag 2008. 160 Seiten. 15,90 Euro.

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