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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 06:37

     

    Claude Simon: Der blinde Orion

    29.09.2008

    Literaturluft statt Luftliteratur

    Elend lange 38 Jahre wurde Der blinde Orion in der Buchwelt vermisst, selbst in Antiquariaten war er kaum zu finden. Dann hat ihn die Übersetzerin Eva Moldenhauer bei Zweitausendeins als vermisst gemeldet, wofür ihr der Verlag in der Titelei dann auch dankt. TITEL schließt sich dem brav an.
    Von Christoph Pollmann

     

    Goldschnitt, Bändchen, Faksimile? Dann noch diese protzende Schrift, der glitternde Einband und ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert mit einem blinden Riesen auf Wanderschaft? Warum kommt die französische Moderne nur so antiquarisch daherstolziert?
    Innen findet sich dann das titelgebende Gemälde noch einmal und man schaut genauer, was es mit diesem Geblendeten auf sich hat. Denn er tapst nicht etwa unsicher umher, wie man es erwarten würde – er schreitet vielmehr voran mit Füßen groß wie Baumstümpfe! Sein Gesicht ist völlig beschattet, doch auf der Schläfe zeigt sich ein erster Abglanz der Sonne. Dort sucht er Heilung...

    ... Licht für seine toten Augen.

    Dieses Gemälde von Nicolas Poussin bildet den Ausgangspunkt eines der bemerkenswertesten literarischen Wagnisse. Eine Schreibsafari, ein poetisches Rodeo, ein Abenteuer von ungeheurer Konsequenz.
    Als tollkühner Akrobat vor trommeldurchwirbeltem Publikum beschreibt Simon im Vorwort, was sogleich geschehen wird, was er schriftstellerisch wagen wird - und worin letztlich sein Verständnis von Literatur liegt.
    Und dann tun seine Sätze eigentlich etwas Banales: Sie beschreiben. Gut, das zu Beschreibende – und das kann alles sein! – wird manches Mal nach kubistischer Technik perspektivisch ausgefaltet, in immer neuen Anstößen werden immer neue Anschauungen der Dinge ausgemessen, wobei der Text aber nie zu einer Gewissheit gelangt, vielleicht auch gar nicht gelingen will. Denn Simons Sätze mäandern, schlagen Haken und Volten, halten sich - als sei Willkür der Motor der Schreibbewegung - bei einer Sache länger oder kürzer auf, inniger oder streifender.

    Es erscheint wie ein großes Erinnern, brüchig, diskontinuierlich, ja fälschend bisweilen. Oder man denkt an den Film. Die Bildbeschwörung Claude Simons bedient sich da nämlich vielerlei Techniken: harte und weiche Schnitte, lange Fahrten, Überblendetes, Lichtinszeniertes, Dokumentarisches.

    Durch die strenge, beinahe athletische Durchführung der Vorgaben aus dem Vorwort geschieht aber noch etwas Sonderbares: aus dem absatzlosen Textkörper tritt schon bald das gesamte, gespannte Muskelpaket der Vorhabung, des Konzepts zutage, seltsame Zwitter-Poesie entsteht. Eine Poesie, die beim Vollzug ihre Poetik gleichsam ausschwitzt.
    Wie selbstverständlich vereint Der blinde Orion Primär- und Sekundärliteratur miteinander, er verschmilzt sie, oder besser: gebärt sie wie Zwillinge. Poetische Poetologie, poetologische Poesie.

    Wenn das nur nicht so abschreckend klänge!

    Obwohl hier keine Erzählung zustande kommt, wie wir sie aus dem 19. Jahrhundert gewohnt sind und wie wir sie im 21. Jahrhundert noch weiter päppeln, obwohl wir also auf eine allwissende Führung verzichten müssen, auch auf einen Plot, so entsteht doch ein enormes Kraftpotential in dem Text, der eigentlich kaum etwas anderes ist als ein Schweifen von Ding zu Begebenheit quer durch Raum und Zeit, ein Zusammenbringen von scheinbar Zusammenhanglosem, eine reine Erzählbewegung, die sich - ziellos begonnen - etappenweise auflädt.

    Zu viel Konzept, zu wenig Stoff?

    Für den, der beim Lesen nach 19. Jahrhundert sucht, definitiv. Dennoch: Das rigoros Prozessuale, der Mut, erzählerisch der Sonne hinterherzufühlen, das macht die ungeheure, den Sätzen innewohnende Energie aus. Denn an den Dingen entlang schießt dann das Narrative plötzlich doch noch hoch und blüht auf, einen ganz fremdartigen literarischen Duft ausströmend, den man so noch nicht in die Nase bekommen hat. Der blinde Orion wird derart zu einer sehr vielschichtigen Allegorie der Literatur. Lachhaft, weil blindheitsgeschlagen, aber von Leidenschaft und Schuld getrieben. Denn Heilung heißt letztlich „sehen“, heißt Erkenntnis.

    Vor drei Jahren verstarb Claude Simon und es ist gut, seinen Orion wieder unter uns zu wissen, der aufzeigt, wozu modernes Erzählen in der Lage ist, was modern wirklich bedeutet oder bedeuten könnte. Man gehe mit Simon vor die Tür und schöpfe wieder mal moderne Luft! Der Verzicht auf eine auktoriale Gängelung gibt dem Leser seine Mündigkeit nämlich wieder wohltuend zurück. Sein schriftstellerisches Credo formulierte Claude Simon so:

    In dieser Suche bewegt sich der Schriftsteller nur mühsam voran. Indem er sich wie ein Blinder vorantastet, gerät er in Sackgassen, wird zu Boden geworfen und fängt wieder von vorn an. Und wenn wir um jeden Preis einen erbaulichen Sinn finden wollen in dem, was er treibt, so liegt er vielleicht darin, dass wir in allem, was wir tun, um vorwärts zu kommen, stets Treibsand unter den Füßen haben.

    Und das Wort „Treibsand“ lesen wir nun nach der Lektüre des Orion geradezu als wahrnehmerischen Imperativ, stets weiter zu schweifen, weiter und weiter... Immer Nomade, nie Monade.

    Christoph Pollmann


    Claude Simon: Der blinde Orion. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Zweitausendeins 2008. 22 Bilder. 175 Seiten. 24,90 Euro.

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