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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 29. Juni 2017 | 04:15

     

    Helmuth Krausser: Die kleinen Gärten des Maestro Puccini

    11.08.2008

    Zwischen Libretto und Libido

    Vom Privatleben des italienischen Komponisten Giacomo Puccini weiß die Allgemeinheit recht wenig. Noch weniger von seinen zahlreichen Affären mit dem weiblichen Geschlecht. Neben Greenfields und Schicklings Biographien über Puccini legt Helmut Krausser nun eine Art Dokumentarroman vor.
    Von Hartmuth Malorny

     

    Bereits im Januar 2008 erschien Helmut Kraussers Werk Die Jagd nach Corinna, jene Maria Anna, die Puccini als 17-Jährige kennenlernte und die zu den heftigsten Leidenschaften des Maestros zählten.

    Das Buch beginnt mit einem Vorwort das erst zum Schluss, in der Retrospektive, seine Wirkung entfaltet; wenige Seiten weiter der erste Akt: Cori oder Corinna.
    Giacomo Puccini ist 1902 – nach seinen Erfolgen von „Le Villi“ bis „Tosca“ – längst berühmt, reich und 44 Jahre alt, er lässt kaum eine Gelegenheit aus, sich sexuell zu bestätigen. Doch die schon zwei Jahre dauernde Affäre mit Cori, weniger diskret gehalten als üblich, muss, so sein Verleger Guilio Ricordi, endlich ein Ende haben. Auch um des guten Namens wegen. Und wegen Elvira Bonturi, Lebensgefährtin Puccinis, die er 1904 aus einer Kompromisslösung heiraten wird.

    „Diese Gesellschaft könnte nicht existieren, oder wäre ganz unerträglich, wenn es nicht die kleinen Gärten gäbe, die versteckten Fluchtburgen, die gewissen Nischen in der Mauer, in der aparte Halbschattengewächse zu Hause sind und blühen dürfen. Ich habe um ihren enormen Bedarf an Halbschattengewächsen immer gewusst ...“, sagt Ricordi, sieht aber den herannahenden Eklat. Puccini wird in seiner Verliebt- bzw. Geilheit unvorsichtig, er protzt in Briefen über seine sexuellen Aktivitäten, vergisst dabei, dass es auch vermeintliche Freunde gibt die alles ausplaudern, sagt, dass er es siebenmal an einem Tag mit Cori treibe.

    Natürlich nimmt die Affäre Cori ein unrühmliches Ende, aus mehreren Gründen: Erstens die Arbeit an „Madam Butterfly“, zweitens Puccinis Autounfall, der ihn lange Zeit ans Bett und an Krücken fesselte, drittens die Eifersucht Elviras plus die Agitation seiner meisten Freunde und Bekannten. Giacomo Puccini, der berühmteste Komponist seiner Zeit, steckt auf und heiratet Elvira – statt Corinna.

    Kraussers Dokumentarroman ist mit belegten und fiktiven Briefen vermengt. Er gibt dem Leser die Möglichkeit, Puccinis Gefühls- und Wutausbrüche nachzuerleben, einen Eindruck davon zu bekommen, warum Puccini das Komponieren einerseits durch Reisen und Sex ersetzte, anderseits nächtelang am Klavier saß.
    Kraussers sprachliche Eleganz geht einher mit einer großen Detailliebe. Er betrieb eine intensive Recherche, ist in der Lage, aus den Originalbriefen Fragen und Antworten zu formulieren und formt ein stimmiges Bild, wie es derzeit wohl ausgesehen hat.

    Sprachliche Eleganz, große Liebe zum Detail

    Auch in Die kleinen Gärten des Maestro Puccini zeigt sich Krausser auf der Höhe der Genre-Kunst. Die Hauptrolle spielt Doria, Putzfrau und Hilfsköchin, seit fünf Jahren im Dienste der Puccinis in Torre del Lago. Ein unbedarftes, eher reizloses, introvertiertes Wesen das Giacomo selten körperlich berührt, und wenn, dann aus eher euphorischen Gefühlen seitens seiner Arbeit.
    Widrige Umstände machen aus Kleinigkeiten die größte Katastrophe, die der Maestro zeit seines Lebens erfahren musste. Zwar bringt ihm Doria beim Komponieren den Mitternachtskaffee, bleibt wach und lauscht den Klängen des Klaviers bis der Herr zu Bett geht, zwar befragt er nach vollendetem Nachtwerk ihre Meinung: „Und, was hältst du davon?“ „Gut,“ antwortet sie und er denkt: „Was soll sie sonst antworten?

    Weitere Kleinigkeiten gesellen sich zum Desaster: Der ansonsten geizige Puccini zahlt Doria anfangs, vermutlich aus einer Gefühlsduselei, eine Weihnachtsgratifikation von 20 Lire, ein paar Jahre später sogar 50 Lire. Alle Angestellten bekommen Postkarten, sie einen Brief. Und weil Doria vor längerem die Stieftochter Fosca aus reiner Naivität sozusagen denunzierte, bzw. bei einer Liaison am See beobachtete, was Giacomo überhaupt nicht lustig fand – „an meinem See, entblößt ... Geschlechtsverkehr ...“ rächt sich Fosca. Sie stachelt ihre Mutter gegen Doria auf, bringt Gerüchte in Umlauf und gießt damit bei Elvira Öl ins Feuer der permanenten Eifersucht.
    Torre del Lago ist ein Dorf, die Puccinis sind im Fokus des Tratsches. Doria wird gefeuert, wieder eingestellt, doch die Samen dieser Verleumdungskampagne tragen Früchte – und Giacomo reist umher, entwindet sich der Verantwortung, wird depressiv und kann nicht arbeiten.

    Doria, gehetzt und gejagt, vergiftet sich letztendlich, es dauert fünf Tage bis sie stirbt. Die Autopsie ergibt, sie war zeitlebens Jungfrau. Puccini denkt über eine Trennung nach, die Eifersüchteleien seiner Frau setzen ihm zu, ihre Unnachgiebigkeit, wiewohl sie vom Gericht wegen Verleumdung zu fünf Monaten und fünf Tagen Gefängnis verurteilt wird.
    Der große Komponist ist nun 51 Jahre alt, er steckt abermals auf, interveniert, zahlt – wie dereinst an Cori – eine hohe „Ablösesumme“ an die Familie Dorias, und die Justiz legt die Sache zu den Akten. Elvira bleibt eine freie Frau. Es kommt zur Versöhnung.
    „Unheimlich, wie schnell sich das Leben normalisiert.“

    Obwohl der Stil bei Die kleinen Gärten des Maestro viel subtiler wirkt, erinnert er an J.C. Boyles Wassermusik, der aus den Aufzeichnungen des Forschungsreisenden Mungo Parks einen genialen Doku-Roman machte.
    Krausser vermischt ebenso die Realität, lässt Haupt- und Nebenpersonen zu Wort kommen, fertigt eine spannende Melange und bekundet damit, dass er dieses Genre beherrscht. Warum gerade 2008 gleich zwei Werke über Puccini, bzw. seine Geliebten herausgegeben wurden, mag auch einen kommerziellen Grund haben: 2008 wäre der 66-jährig gestorbene Komponist 150 Jahre alt geworden.

    Hartmuth Malorny


    Helmuth Krausser: Die kleinen Gärten des Maestro Puccini. DuMont Buchverlag 2008. 380 Seiten. 19,90 Euro.
    Helmuth Krausser: Die Jagd nach Corinna. Belleville 2008. Kartoniert. 126 Seiten. 14,00 Euro.

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