Jimmy macht Schluss mit Christie. Merkt aber bald, dass das ein Riesenfehler war und wandelt die Sache um in einen Heiratsantrag. Und tatsächlich, wenn man's so recht bedenkt, liegt das gar nicht so weit auseinander wie es scheint: Schluss machen als letzte Fluchtmöglichkeit, das "Gerade-noch-rechtzeitig-abbiegen" anstatt durchzustarten, eine Entscheidung dagegen anstelle eines Entschlusses dafür. Letztlich geht es also einfach um eine Entscheidung. Mit allen Risiken. Die Bereitschaft sich einzulassen.
Es gilt also Christie zurückzugewinnen. Christie befindet sich aber schon auf dem weiten Weg nach Texas, in ihre Heimat, zurück zu ihrer Familie. Back to the roots. Um sich neu zu finden, sich wiederzufinden, um mit dem zurückliegenden Lebensabschnitt abzuschließen und sich auf den neuen folgenden vorzubereiten. Denn sie trägt ein Geheimnis in sich, von dem Jimmy noch nichts weiß: Christie ist schwanger. Er macht sie ausfindig bei einem Zwischenstopp und bringt sie mit einem leidenschaftlichen Auftritt dazu, die Fahrt in seinem Wagen fortzusetzen. Aber damit ist es noch lange nicht getan, denn Christie ist stur, trotzig, stolz und impulsiv. Und völlig verunsichert, was Jimmy nicht minder ist. Außerdem ist Jimmy bei der Army. Da kann man nicht mal gerade so einer Eingebung folgen. Aber er hat sich entschlossen, von seiner Entschlossenheit nicht mehr abzurücken.
Ethan Hawke ist als Schauspieler aus Filmen wie Before Sunrise, Der Club der toten Dichter oder Training Day bekannt. Nach seinem bei Kritik und Leser überaus erfolgreichen Romandebüt Hin und Weg legt er nun seinen zweiten Roman vor, der die hohen Erwartungen voll erfüllt. Mit federleichtem Ton lässt er die Lebenssituation der beiden Protagonisten lebendig werden, trifft exakt den richtigen Tonfall für all die brodelnden Wünsche, Zweifel, Sehnsüchte und vor allem (Bindungs-) Ängste. Für Leidenskraft und Leidenschaft. Zeitloses und zugleich zeittypisches Terrain also, jedem vertraut, mehr oder weniger. Gerade diese Allgemeingültigkeit könnte schnell zu Plattheiten, Sentimentalität und Langeweile führen. Aber Aschermittwoch geht meilenweit über den üblichen "ich will, will ich wirklich?, was will ich eigentlich? vielleicht will ich doch nicht"- Zickzackkurs hinaus.
Die natürliche Sprache der beiden Hauptfiguren - wie sie erzählen, streiten, schweigen, sich versöhnen - ist so direkt, so alltagsnah und präzise zugleich, dass es für das Verständnis der Figuren gar nicht vieler weiterer Inputs über ihre Herkunftsgeschichte bedürfte. Die biografischen Rückblicke sind spielerisch eingebunden, die Schlüsselsituationen wirken instinktsicher und leichthändig in Szene gesetzt. Zur Frische und Authentizität trägt auch der häufige Wechsel zwischen Jimmys und Christies Perspektive bei.
Ethan Hawke schenkt Einsichten in tief menschliches Wahrnehmen&Fühlen, Denken&Handeln. Er taucht seine Einblicke in eigene Farben, gibt ihnen einen eigenen Ton, verleiht ihnen eine eigene Note. Und er tut dies nicht aus einer Warte vorgeblicher höherer Erkenntnis heraus, sondern mitten aus sich, aus uns, aus dem Tagesgeschehen heraus. Seine Figuren sprechen für sich, nicht für ihn. Ein uneingeschränkter Genuss!
Textauszug:
"Weißt du, was mit dir los ist? Du hast ein riesengroßes Problem mit deinem Selbstwertgefühl! Dabei bist du ein gottverdammtes Energiebündel! Du bist eine Göttin, eine Vollblutfrau! Du bist der Muhammad Ali unter den Weibern. Aber du weißt es nicht. In deinem Kopf schwirren nur solche Gedanken wie Es wird niemals funktionieren. Alles ist Scheiße". (Jimmy zu Christie)
Anselm Brakhage
Ethan Hawke: Aschermittwoch
Aus dem Amerikanischen von Franca Fritz und Heinrich Koop.
Kiepenheuer & Witsch 2002
Gebunden. 316 Seiten. 19,90 ¤.
ISBN 3-462-03075-2