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Karen Duve: Taxi

20.07.2008


Von Affen und Menschen


Im Grunde geht es in Karen Duves flott erzähltem Roman um die schonungslose Vorführung einer männlich dominierten Gesellschaft, deren groteske Seiten letztlich vor allem eines sind: Alltag.
Von Frank Thomas Grub

 

„So ging das nicht weiter.“ – Mit diesem Satz, der einiges erwarten lässt, beginnt Karen Duves vierter Roman Taxi. Alexandra Herwig, die gerade ihre Ausbildung zur Versicherungskauffrau abgebrochen und dann vergeblich versucht hat, „ohne Geld von Hamburg nach München zu laufen“, bewirbt sich in den 80er Jahren um einen Job als Taxifahrerin und wird, ihrer rudimentären Ortskenntnisse zum Trotz, prompt eingestellt. „Bei uns kriegst du fünfzig Prozent von dem, was du einfährst. Und zweihundert Mark sollten eigentlich immer drin sein – also hundert für dich plus Trinkgeld.“ Unter diesen Bedingungen fängt Alex als „Zwodoppelvier“ bei der Firma Mergolan an.

Auf ihren Touren macht die junge Frau eine skurrile Begegnung nach der anderen: Ob sie Prostituierte, Zuhälter und Alkoholiker durch das nächtliche Hamburg und dessen Umgebung fährt oder sich mit ihren mehr oder weniger als gescheiterte Intellektuelle zu bezeichnenden Kollegen Dietrich und Rüdiger abgibt, alles in allem bleibt ihr neuer Job vor allem eines: ekelhaft. Die meisten Fahrgäste sind verachtungswürdige „Dreckhecken“, die es so schnell wie möglich wieder loszuwerden gilt. In Zeiten des Leerlaufs lässt sich Alex von ihren Kollegen beleidigen oder liest „jedes Buch über Menschenaffen, das auf dem deutschen Markt zu bekommen war“.

Orang-Utan im Schimpansenkäfig

Da verwundert es kaum, dass sie sich selbst immer wieder mit Affen vergleicht und ihre Situation entsprechend überträgt: „Ich war wie ein einzelner Orang-Utan, den ein geiziger Zoo aus Raummangel mit im Schimpansengehege hielt, wo ihn die Schimpansen zwangen, ein Schimpansenleben zu führen, und ihm gleichzeitig ständig vorhielten, dass er niemals etwas so Tolles wie ein Schimpanse sein würde.“ Ihr neuer Job lässt sie in Abgründe blicken, von denen sie zuvor keine Ahnung hatte; sie nimmt rapide ab, und ihr Mitteilungsdrang ist kaum zu stoppen: „Jeder Taxifahrer-Neuling quasselt am Anfang so viel. Es sind zu viele Eindrücke auf einmal, zu viele nie gesehene Welten.“

Dass jene Welten vor allem männlich dominiert sind, begreift sie nach und nach, insbesondere in der vor allem sexuellen Beziehung zu ihrem Macho-Nachbarn Majewski, einem windigen Journalisten und draufgängerischen Sportbootfahrer. Marco, ihr kleinwüchsiger Schulfreund, hat dagegen keine Chance – zumindest sieht es zunächst danach aus. Und so treibt Alex relativ passiv durch ihr Dasein: „Ich hoffte immer noch, dass sich irgendetwas von selbst ergeben würde, etwas Großes und Besonderes, ohne dass ich deswegen selber handeln musste oder gezwungen war, Entscheidungen zu fällen, die ich dann den Rest meines Lebens zu bereuen hatte.“

Geschichte einer Selbstzerstörung

Den Mauerfall bekommt sie nur am Rande mit, zu sehr hat sie sich bereits in ihrem „no future“-Leben eingerichtet, das sie als wenig selbstbestimmt empfindet: „Ständig musst du emotionale Vollbremsungen machen, um gleich darauf in eine völlig andere Richtung zu galoppieren. Und wieder Vollbremsung und wieder woandershin.“ Tagsüber bleibt sie meist im Bett und versinkt zunehmend in Lethargie. Gemessen an den fragwürdigen Normen des Mainstreams, haben wir es mit der Geschichte einer Selbstzerstörung zu tun. Umso überraschender fällt das Ende aus, das – so viel sei verraten – letztlich durch einen Schimpansen herbeigeführt wird, der mit seinem Besitzer zu Alex ins Taxi steigt...

Karen Duve weiß, wovon sie schreibt. Schließlich hat die 1961 in Hamburg geborene Schriftstellerin selbst jahrelang als Taxifahrerin gearbeitet. Und gewiss, Taxi ist ein flott und humorvoll geschriebener, mitunter vielleicht allzu episodenhafter Roman über den Alltag einer Taxifahrerin. Doch im Grunde genommen geht es um etwas anderes: die schonungslose Vorführung einer männlich dominierten Gesellschaft, deren groteske Seiten letztlich vor allem eines sind: Alltag. Zum Glück gilt die folgende, an Kafka erinnernde Feststellung der Protagonistin am Ende nur bedingt: „Einmal falsch abgebogen, einmal den falschen Beruf gewählt, einmal den falschen Mann geküsst und dein ganzes Leben war verkorkst.“

Frank Thomas Grub


Karen Duve: Taxi. Roman. Eichborn Berlin 2008. 313 Seiten. 19,95 Euro.

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