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Andreas Neumeister: Könnte Köln sein

14.07.2008

Zustände wie im alten Rom

Neben Rainald Goetz und Thomas Meinecke wird Andreas Neumeister im Suhrkamp-Verlag als viel versprechender Popliterat der zweiten Generation gehandelt. Nach sechsjähriger Pause veröffentlicht er nun eine komplexe Textmontage, die die Themen Architektur und Urbanität umkreist – und irritierenderweise den Untertitel „Roman“ trägt. Von Ingeborg Jaiser

 

Buch aufgeklappt, an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen – und schon setzt eine ungewöhnliche Sogwirkung ein, eine Zugkraft hin zu fremden wie bekannten Orten, entfernten wie nahen Gegenden, bemerkenswerten Gebäuden und entrückten Gefühlen. Andreas Neumeister ist viel herumgekommen und weit gereist: von Berlin bis Bilbao, von München bis Moskau, von Rügen bis Rom. Wenn er das Vorgefundene gnadenlos seziert und ausschweifend analysiert, scheint das Erbe seines Vaters durchzublitzen, einem Hochbau-Ingenieur und begeisterten Bergsteiger, der offenbar gerne mit Luis Trenker verwechselt wurde. Mit diesen Erinnerungen, begleitet von gesichts-, nicht jedoch namenlosen Mitreisenden (Georg, Felix, Mark, Sus, Isa), durchkämmt der Autor die moderne urbane Welt, verquickt persönliche Impressionen und private biographische Notizen mit historischen Fakten und architektonischen Gegebenheiten.

Sampling, Montage, Loops

So überfliegt Andreas Neumeister mit kritischem Blick und scharfem Verstand Städte und Straßenzüge, Landschaften und Parks, Ausgrabungsstätten und Autobahnen, hellwach, skeptisch, zweifelnd, immer auf der Hut. In rekursiven Schleifen, in scheinbar freier Assoziation umkreist er die Topographie moderner Metropolen, benennt ihre Koordinaten, ihre Ausdehnung, ihre Auswüchse, ihre Historie, ihre Bewohner. Und nicht zuletzt ihre Paradoxien und verqueren Analogien: So kann man römische Bäderkultur in halb Europa und Nordafrika bewundern – nur eben nicht mehr in Rom selbst. So werden im Münchner sozialen Brennpunkt Hasenbergl, genau an der Stelle, wo in den fünfziger Jahren die Caritas Lebensmittel und Kleider verteilt hat, heutzutage übrig gebliebene Büffets von Feinkost Käfer unter die Leute gebracht, vom wohltätigen Verein Münchner Tafel. Auch interessant: „Anwohner der Hasenberglstrasse in der Siedlung Harthof beklagen sich beim zuständigen Bezirksausschuss, sie müssten bei Bewerbungen massive Benachteiligungen in Kauf nehmen, obwohl sie selbst gar nicht im Stadtteil Hasenbergl wohnen. Antrag auf Umbenennung der Strasse.“

Neumeister bewegt sich in traumwandlerischer Sicherheit quer durch Kontinente und Zeitschienen, schafft so überraschend neue Zusammenhänge und Querverweise, die sichtlich erstaunen. Ein Beispiel: „Der Porsche 911: das Auto, das Amerikaner ständig an die Katastrophe erinnert (kurzzeitig war in Zuffenhausen überlegt worden, die Typenbezeichnung ganz fallenzulassen).“ Anregend subversiv auch das Gedankenspiel, sich Lenin im „Schwabylon“ vorzustellen, einem exzentrischen, inzwischen abgerissenen Münchner Pop-Kaufhaus der sechziger Jahre.

Städte und Baustellen

Gekonnt collagiert Neumeister eine Fülle manipulierbarer Versatzstücke aus Literatur, Kunst, Internet, Wissenschaft und Tourismus: Rankinglisten, Reiseführerzitate, Songtexte, gefakte Bildunterschriften und Abbildungslegenden, bewusst leere, weiße Flächen im Fließtext – geradezu eine Hommage an die konkrete Poesie. Gesampelt, kombiniert und neu montiert fügen sich so die schnappschussartigen Bruchstücke in lose Absätze, nach hinten hin offen, ohne abschließenden Punkt. Diese an Rolf-Dieter Brinkmann erinnernde Montage im Untertitel „Städte. Baustellen. Roman“ zu nennen, ist mutig, doch für viele Leser sicherlich irritierend. Andreas Neumeister wagt diesen Schritt – und es wird nicht sein letzter gelungener sein.

Ingeborg Jaiser


Andreas Neumeister: Könnte Köln sein. Städte, Baustellen, Roman. Suhrkamp 2008. 276 Seiten.16,80 Euro.

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