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    TITEL kulturmagazin
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    Antonio Jose Ponte: Der Ruinenwächter von Havanna

    07.07.2008

    Die Ruine als Metapher
    Als der Filmemacher Florian Borchmeyer sich vor wenigen Jahren um eine Drehgenehmigung in Kuba bemühte, gab er an, er wolle Material für eine Reportage über die gelungene Sanierung der Altstadt Havannas filmen. In Wirklichkeit ließ er sich von dem Schriftsteller Antonio José Ponte durch Straßen führen und so entstand der Film „Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen“. Von Andreas Martin Widmann

     

    Sein von rhetorischem Witz und kulturanalytischer Brillanz geradezu sprühender Auftritt in Borchmeyers Dokumentarfilm dürfte dazu beigetragen haben, dass Pontes jüngstes Buch nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

    "Eine Ruine böte eine sinnvollere, bedeutsamere Erscheinung, als die Fragmente anderer zerstörter Kunstwerke", schrieb 1907 der Philosoph und Soziologe Georg Simmel. „Die Ruine des Bauwerks aber bedeutet, daß in das Verschwundene und Zerstörte des Kunstwerks andere Kräfte und Formen, die der Natur, nachgewachsen sind und so aus dem, was noch von Kunst in ihr lebt und dem, was schon von Natur in ihr lebt, ein neues Ganzes, eine charakteristische Einheit geworden ist“, so Simmel, und es erstaunt nicht, dass Ponte Passagen aus diesen Betrachtungen zitiert, um seine eigenen Überlegungen zum Verfall der kubanischen Hauptstadt zu stützen.

    Ponte (Jahrgang 1964) bezeichnet sich selbst als Ruinologen. Seinem eigentlichen Beruf, der Schriftstellerei, kann er in seinem Heimatland offiziell nicht mehr nachgehen. Seit seinem Ausschluss aus dem kubanischen Schriftstellerverband ist er dort für die Öffentlichkeit unsichtbar geworden, seine Texte und Bücher können nur im Ausland erscheinen und auch von diesem Schattendasein erzählt er offen, aber ohne Selbstmitleid in Der Ruinenwächter von Havanna.

    Wer Borchmeyers Film kennt, wird einige von Pontes Gedanken in seinen Texten wiederfinden. Wer nicht, kann sie entdecken. In vier langen Kapiteln umkreist Ponte mal essayistisch, mal autobiographisch, dann wieder erzählend oder referierend die Geschichte Havannas. Zum Vergleich dient ihm im ersten Teil das Bild, das Graham Greene in seinem berühmten Roman Unser Mann in Havanna von der Stadt entworfen hatte, kurz bevor Fidel Castro und die kubanische Revolution das Gesicht der Insel veränderten.

    Mit der Herrschaft des Kommunismus verschwanden die Bars und die Tanzlokale, dafür wurde Realität, was bei Greene noch Fiktion war: Kuba rückte von der politischen Peripherie in den Fokus der Supermächte und wo Greenes Held James Wormold noch den Spion gespielt hatte, wurden echte Geheimdienste aktiv. Mit der Machtübernahme Castros einher gingen repressive Maßnahmen gegen Bürgerinnen und Bürger, die nicht im Sinne der offiziellen Doktrin dachten und schrieben. Zu ihnen gehört auch Ponte, der seine Entscheidung im Land zu bleiben damit bezahlen muss, vom Kulturbetrieb ausgeschlossen zu sein.

    An einer Stelle vergleicht er sich mit Maupassant, der einer Anekdote zufolge deshalb so häufig im Restaurant des Eiffelturms anzutreffen war, weil es der einzige Ort in Paris war, von dem aus er diesen Turm, den er verabscheute, nicht sehen musste. „In Kuba sah ich Kuba nicht“, so begründet Ponte sein Ausharren.

    Immer wieder verknüpft Ponte so persönliche Erlebnisse und Episoden mit kulturtheoretischen Reflexionen. Im letzten Teil stellt er die Befunde des britischen Historikers Timothy Garton-Ash zum Überwachungssystem der DDR seinen eigenen Erfahrungen in Kuba gegenüber. Anlass ist eine Lesereise nach Deutschland im Jahr 2000. Berlin, zehn Jahre nach der Wiedervereinigung, wird zum Gegenbild Havannas. Während Ponte in Berlin nicht zu erkennen vermag, ob die Straßen, durch die er geht, sich im Osten oder Westen befinden, setzt sich der Verfall Havannas fort. Und nicht nur das: Auch das Denunziantenwesen unter den Bewohnern blüht: „Unsere Berliner Mauer stand noch. Die Aktenkilometer wurden immer noch länger und länger, und eine Menge Spitzel verfassten noch ihre Werke.“ Das System besteht weiter, während diejenigen, die ihm ausgesetzt sind, darauf warten, dass es zusammenbricht.

    Die Ruine wird so zur kulturellen und politischen Metapher. Eine Ruine, das sei ein Unfall in Zeitlupe – mit Hilfe dieser Definition Jean Cocteaus (und zahlreicher weiterer Zitate) illustriert Ponte das Wesen der kubanischen Revolution und ihrer Spiegelung im Stadtbild Havannas. „Man steht von dem Moment an vor einer Ruine, wenn die Schäden am an einem Gebäude unwiderruflich sind. Wenn es nicht mehr das Verlangen nach Wiederaufbau weckt, hat das Gebäude angefangen eine Ruine zu werden“, so Pontes eigene Wesensbestimmung der Ruine. Schließlich erklärt Ponte die Notwendigkeit dieser Ruinenstadt mit ihrer Legitimationsfunktion – als Stütze für einen mittlerweile bald fünfzig Jahre währenden Zustand politischer Abgrenzung gegen den Westen, d.h. gegen die USA, die als Schreckgespenst dadurch am Leben erhalten werden, dass die Folgen der angeblich stets drohenden Invasion und Zerstörung der Insel in der Zerstörung Havannas vorweggenommen und anschaulich gemacht wird:

    „Jean-Paul Sartre irrte nicht, als er spekulierte, wenn es die Vereinigten Staaten nicht gäbe, hätte die kubanische Revolution sie erfunden. Die gefährliche Nähe der Nordamerikaner wird in den revolutionären Ansprachen unermüdlich in Erinnerung gerufen. In einem solchen Denken existiert Havanna weniger als lebendige Stadt denn als eine Landschaft zur politischen Legitimation. Die durch die Bombardements der Zeit zerstörten Straßen sind das perfekte Szenario für einen Diskurs des Belagerungszustands. Havanna ist ein Ort wie geschaffen für eine solche Sehnsucht nach dem militärischen Angriff, den weder John F. Kennedy noch einer seiner Nachfolger im Präsidentenamt bis heute betrieben hat.“

    Ponte schreibt so einen mal analytisch-klugen, mal höhnischen Abgesang auf die Ära Castros, die sich ihrem Ende zuneigt, doch er tut noch mehr, denn innerhalb seiner weit ausgreifenden Betrachtungen finden sich immer wieder solche knappen und verblüffenden Charakterisierungen, die man bei der Lektüre mit einem Stift markieren möchte, damit man sie bei Zeiten wieder finden und wieder lesen kann.

    Andreas Martin Widmann


    Antonio Jose Ponte: Der Ruinenwächter von Havanna. Aus dem kubanischen Spanisch von Sabine Giersberg. Verlag Antje Kunstmann. 233 Seiten. 19,90 Euro.

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