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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 06:42

     

    Karen Russel: Schlafanstalt für Traumgestörte

    30.06.2008

    Lauter moderne Märchen

    Ein schillerndes, ein erfreuliches Debüt hat Karen Russel mit ihrem Erzählband Schlafanstalt für Traumgestörte vorgelegt. Mit beeindruckend erzählerischer Kraft zieht sie den Leser in eine surreal-märchenhafte Welt des Traums.
    Von Frank Kaufmann

     

    In der Vorstellungswelt der Kinder ist noch viel Platz für Träume, für Sagenhaftes, kurzum für das, was der Erwachsene als Trugbild und bloß vorgestellt abtut. Aus der wirklichen, der wahrgenommenen Welt, die uns tagtäglich Anlass gibt, ihr zu trauen, möchte uns die amerikanische Debütautorin Karen Russel mit ihren zehn mittellangen Erzählungen weglocken. Ängste und Hoffnungen, Erwünschtes und Gefürchtetes scheinen nicht klar getrennt – ebenso, wie es noch in Kindertagen war. Und tatsächlich sind ihre Protagonisten fast durchgängig Kinder, Teenager auch, oder solche, die bereits durch die Demenz des Alters der normalen Welt verloren gehen. Da, wo ältere Erwachsene eine Rolle spielen, setzt sie Teenager daneben, die bereits ein großes Stück Traumwelt eingebüßt haben.

    Karen Russel erzählt auf eine sehr anziehende Weise: metaphernreich und passgenau – und immer scheint sie den erwachsenen Leser im Blick zu haben: einen, der seiner persönlichen Traumwelt bereits verlustig gegangen, aber reanimierwillig ist. Er muss bereit sein, sich, wenn auch für kurze Zeit, rückführen zu lassen. Die Sehnsucht spielt immer eine überragende Rolle: etwa für Timothy und Wallow – in „Olivia überall“ –, die den Geist ihrer ertrunkenen Schwester suchen und jeden Abend aufs Meer hinausfahren und die schließlich phantastische Entdeckungen machen; oder für den einbeinigen Sawtooth, der einen kriminellen Teenager betreuen soll und mit seiner Liebesbedürftigkeit Probleme bekommt, die man ihm so gar nicht zugetraut hätte. Nicht zufällig spielt das Meer in vielen Erzählungen als Zentralmetapher eine große Rolle.

    „Ihr könnt euch die Rationalisierungen schenken“, so könnte eine Hauptmaxime von Karen Russel lauten. Anders gesagt: sie lässt den erwachsenen Leser mit seiner ewigen realistischen Vernünftigkeit im Regen stehen. Sie bietet jedenfalls in ihren Texten keinen Ausweg aus der vorgestellten, der surrealen, der märchenhaften Welt, in der sich die Mythen wie von selbst ergeben. Diese Schlafanstalt für Traumgestörte zieht den Leser in eine fast vergessene Traumwelt und füllt sie mit Leben. Ihre Kraft als Erzählerin stellt Karen Russel dabei eindrucksvoll unter Beweis. Ein schillerndes, ein erfreuliches Debüt.

    Frank Kaufmann


    Karen Russel: Schlafanstalt für Traumgestörte. Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch. Kein & Aber 2008. 302 Seiten. 18,90 Euro.

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