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Haruki Murakami: Tanz mit dem Schafsmann

20.02.2004




Reise in die Wirklichkeit

Für den Erzähler wird die Suche nach seiner vergangenen Liebe zum Irrweg zu sich selbst.


 

Warum brauchen einige von Haruki Murakamis Bücher 10 bis 15 Jahre, bis sie in deutscher Übersetzung vorliegen? Rechnet man noch die Dauer von der Textfertigstellung bis zum Erscheinen in Japan dazu, kommt man sogar auf über 15 Jahre, die vergehen - man kann bei „Tanz mit dem Schafsmann“ in einer etwas anderen Hinsicht als üblich quasi von einem `historischen Roman´ sprechen. Verliert der Roman dadurch an Aktualität? Nein! Denn einerseits ist es wohl auch das Verdienst der Übersetzerin Sabine Mangold, dass Sprache und Inhalt keine Patina angesetzt haben, andererseits läuft Murakami in seiner zeitlosen Phantastik zur Höchstform auf.

Flüssig und eingängig erzählt, zieht uns Murakami in den Bann einer manchmal mystisch schillernden, manchmal thrillerhaften Geschichte, die ein Labyrinth sowohl im Kopf des namenlos verbleibenden Erzählers bzw. Protagonisten als auch in dessen Umwelt entstehen lässt. Seine Schwierigkeit ist es, diese zwei Welten zur Deckung zu bringen, um wieder in einer greifbaren Wirklichkeit anzukommen. Sein unwirklicher Mentor auf diesem Weg ist der Schafsmann. In Murakamis Roman „Wilde Schafsjagd“ (1982 / dt. 1991) war er noch eine in der Außenwelt lebende, reale Figur, sogar eine Zeichnung von ihm ist diesem Roman beigefügt. Nun aber ist er ein unwirklich anmutender, schattenhafter Bewohner einer Innenwelt, die allerdings nur wenige Menschen wahrnehmen.

Eigentlich ist unser Erzähler, 34 Jahre alt, von Beruf Journalist, `nur´ auf der Suche nach einem vergangenen lustvollen Abenteuer. Um Kiki auf die Spur zu kommen und den Kontakt zu ihr wieder aufzunehmen, begibt er sich von Tokyo aus an den Ort ihrer letzten Begegnung, nach Sapporo, wo er das alte Hotel Delfin sucht, das man, wie auch Kiki, schon aus „Wilde Schafsjagd“ kennt. In Sapporo steht jetzt aber das moderne Hotel Dolphin. Nichts scheint mehr auf das alte Gebäude hinzuweisen und Fragen nach dem Verbleib des alten Hotels und seines Besitzers werden nicht gerne gehört. Doch für den Erzähler ist es, als wäre da noch mehr als nur die Übernahme des Namens, und schon dieser ist gleichsam eine Botschaft an ihn, zu verweilen. Es gibt noch so etwas wie eine Schwingung, eine Stimmung, die nicht durch den Abriss weggeschafft werden konnte. Als er sich in dem Hotel einmietet, trifft er dort eine Frau an der Rezeption und ein junges Mädchen, die seine Eindrücke zu teilen scheinen – Good Vibrations, um auf den dem Roman unterlegten Sound anzuspielen.

Die Fahrt mit dem Fahrstuhl durch die Stockwerke des Hotels scheint gleichsam dem Potterschen Hogwarts-Express von Gleis 9 ¾ verwandt zu sein, denn urplötzlich tut sich im 16. Stock eine andere, phantastische Welt auf: ein dunkler, modriger Gang, wo sonst ein normaler Hotelflur ist. Dort, in den Resten des alten Hotels, irgendwo zwischen Traum und Realität, wohnt nun der Schafsmann in einer Kammer voller Bücher und lehrt den Erzähler, seinen Weg zu suchen. Er nimmt suggestiv Besitz von ihm mit der Idee vom Tanz durch den Alltag, und nur die gewählten Bewegungen mit der dreizehnjährigen, hypersensiblen Yuki, mit der Hotelangestellten Yumiyoshi und mit dem gleichsam als alter ego erscheinenden alten Schulfreund und nun erfolgreichen Schauspieler Gotanda lassen den Erzähler seine vormals begonnene „Wilde Schafsjagd“ nun in einen „Tanz mit dem Schafsmann“ überführen, vom Totentanz über menschliche Abgründe hin zum Walzer des Lebens, der Liebe.

Was in diesem Roman nicht gesagt wird, wohl aber in seinem Vorgänger: „Daß Schafe in den menschlichen Körper eindringen, ist im Norden Chinas, in der Mongolei, gar nichts Außergewöhnliches. Die Leute dort glauben, es sei eine Gnade Gottes, wenn ein Schaf in einen Menschen fährt.“ Das Schaf macht den Menschen unsterblich und gibt ihm die Kraft einer Idee: seiner Idee. Dieser Mythos sei in Japan nie angekommen, mokiert Murakamis Erzähler in „Wilde Schafsjagd“. Man habe wohl versucht, Schafe zu züchten, aber ihr Wesen missachtet. Deswegen sei beides zum Scheitern verurteilt: die Aufzucht der Schafe und die Verwirklichung einer Idee. So kann man den neue(re)n Roman „Tanz mit dem Schafsmann“ auch vor dieser Matrix lesen als - zumindest in europäischen Breiten - verschlüsselte Kritik am materiellen Wesen der japanischen Gesellschaft und als Suche nach dem Weg zum verborgenen, mythischen Wesentlichen.

Man kann aber auch auf der Oberfläche des Romans entlang gleiten, geleitet von langen Autofahrten mit endlosen Strömen von Beat- und Popmusik - und hier machen sich die 15 Jahre Verspätung nun doch ab und zu bemerkbar -, mit Junk-Food, Bier und Cocktails, mit Liebe, Sex und Tod.

Textauszug:
„Ich träume oft vom Hotel Delfin.

Im Traum bin ich ein Teil davon. Und zwar als eine Art Dauerzustand. Der Traum suggeriert das ganz deutlich. Das Hotel Delfin ist verzerrt und schmal wie ein Schlauch. Es wirkt eher wie eine lange, überdachte Brücke. Eine Brücke, die sich von uralten Zeiten bis in die Endzeit des Universums erstreckt, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und mittendrin bin ich. Jemand weint. Weint um mich.
Das Hotel umhüllt mich. Ich kann seinen Puls fühlen, seine Temperatur spüren. Im Traum bin ich ein Teil des Hotels.
Das ist mein Traum.“


Olaf Selg

 


Haruki Murakami: Tanz mit dem Schafsmann. Roman, DuMont, 2002, Geb. 461 Seiten, ¤ 24,90, ISBN 3-8321-5533-3

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