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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 00:43

     

    William Faulkner: Licht im August

    12.05.2008


    Alp der Vergangenheit


    Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens legt rowohlt William Faulkners Roman
    Licht im August in einer Neuübersetzung vor.

     

    Als William Faulkners Roman Licht im August 1932 erschien, sah ihn der anonyme Rezensent des Time-Magazins mit seiner Mischung aus Mord, Lynchmord und „reichlich morbider Unzucht“ als bruchlose Fortsetzung der „Faulkner-Tradition“ und reduzierte ihn auf eine zeitgenössische Version des Schauerromans, wobei er freilich seine Komplexität unterschlug.

    Im Zentrum der in der fiktiven Südstaatenstadt Jefferson angesiedelten Geschichte steht Joe Christmas, der im Ungewissen über seine Herkunft ist: Zwar sieht er wie ein Weißer aus, mutmaßt jedoch, dass in seinen Adern „Negerblut“ fließt. Wie sich am Ende herausstellt, ist er der uneheliche Sohn einer Weißen und eines – vermutlich aus Lateinamerika stammenden – Mitglieds einer Zirkustruppe. Der Vater wird umgebracht und das Kind am Weihnachtsabend auf den Stufen eines Waisenhauses ausgesetzt. Von dem bigotten, puritanischen Farmer McEachern adoptiert, werden ihm die protestantischen Prinzipien regelrecht eingeprügelt, bis er schließlich die Gewalt mit Gegengewalt beantwortet und seinen Ziehvater niederstreckt. Danach irrt er jahrelang durch die USA, ehe er schließlich 33-jährig in Jefferson strandet, wo er bei der puritanischen, von Schuldkomplexen heimgesuchten 40-jährigen Jungfer Joanna Burden wohnt und deren Liebhaber wird. Als sie ihn zu zwingen versucht, sich zu ihrer Religion und zum Eingeständnis seiner vorgeblichen Herkunft zu bekennen, ermordet er sie. Auf der Flucht wird Joe Christmas im Hause des verfemten Geistlichen Gail Hightower von dem Rassisten und Ordnungsfanatiker Percy Grimm erschossen und kastriert.

    Als Kontrapunkt zu Joe Christmas agiert die junge, schwangere Lena Grove, die aus Alabama nach Mississippi aufbricht, um Lucas Burch, den Vater ihres Kindes, zu suchen. In Jefferson wird sie an einen Mann verwiesen, der nicht Burch, sondern Byron Bunch heißt. Kunstvoll verschränkt Faulkner das melodramatische Geschehen und die tragische Geschichte um Joe Christmas mit dem Handlungsstrang um Lena Grove, die in den sterilen, von Rassismus, Fanatismus und puritanischer Rigidität geprägten Landschaften des Südens eine männliche Projektion des vitalen Dorfmädchens mit der natürlichen Sexualität darstellt. Während Christmas massakriert wird, bringt Lena nahezu zeitgleich ihr Kind zur Welt. Am Ende des Romans ziehen die beiden zusammen mit Byron Bunch weiter nach Tennessee.

    Widersprüchlicher Webmeister

    In seiner widersprüchlichen Art verwebt Faulkner, der nie ein Befürworter der Rassengleichheit war, avancierte Techniken des Modernismus (wie Bewusstseinsstrom, Collage, Zeitenwechsel, Asynchronozität und filmische Techniken) mit dem Regionalismus eines im Schatten der Vergangenheit gefangenen Südens, der wie ein Alp auf den Gehirnen der Lebenden lastet und sie lähmt. Beispielhaft ist der ausgestoßene Reverend Hightower, der in der Erinnerung an die scheinbar glorreiche Vergangenheit des Südens eingekapselt ist und zur Befreiung von der Tradition der toten Geschlechter unfähig ist. Fortschritt in der Technik ist an den Archaismus von Blut und Rasse gekoppelt. Das Problem ist, dass Faulkner in seiner „systematischen Inflation des Schrecklichen“ eine Parodie der gesellschaftlichen Erfahrung betreibt, wie seinerzeit der Kritiker Philip Rahv bemängelte, anstatt der Erfahrung einen adäquaten intellektuellen Ausdruck zu verschaffen.

    Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens legt der rowohlt Verlag, der den Roman bereits 1935 in einer Übersetzung von Franz Fein herausbrachte, Licht im August in einer „zeitgemäßen“ Übersetzung (was immer dies heißen mag) von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel neu auf, die nicht immer überzeugend ist, wenn sie beispielsweise Joe Christmas als Meister des zweiten Konjunktivs auftreten lässt. Zudem fühlte sich der Verlag bemüßigt, dem Roman ein überflüssiges Nachwort des FAZ-Feuilletonisten Paul Ingendaay anzuhängen, der patzig mit seinem antiintellektuellen Ressentiment auftrumpft und Faulkner als „wohltuende Abwechslung von den bebrillten Vertretern des europäischen Kunstbürgertums“ anpreist. Leider verzichtete der Verlag auf ein Nachwort der Übersetzer, wie er es im Falle der im Jahre 2003 erschienenen Neuübersetzung von Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht noch getan hatte. Dies wäre die bessere Lösung gewesen.

    Jörg Auberg


    William Faulkner: Licht im August. Aus dem Englischen von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel. Rowohlt 2008. 480 Seiten. 19,90 Euro.

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