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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 10:01

     

    Vendela Vida: Weil ich zu spät kam

    05.05.2008


    Vaterlücke und Mutterlücke

    Spurensuche und Vergangenheitsbewältigung in einem: eine junge Frau will wissen, wer ihr wahrer Vater ist, sucht ihre Mutter und kommt am Ende bei sich selbst an. Die amerikanische Jungschriftstellerin Vendela Vida hat einen schönen, traurigen Roman geschrieben.

     

    Weil sie als junges Mädchen ihre Mutter im Bäcker warten lässt, verschwindet die Mutter. Sie habe keine Lust mehr gehabt zu warten, so ihre lapidare Antwort. Zurückbleiben der Vater, der behinderte Sohn und die Tochter. Gemeinsam „beerdigen“ sie die Mutter vier Jahre nach ihrem Verschwinden im Garten. Heute – und damit zu Beginn des Romans Weil ich zu spät kam – ist Clarissa Mitte Zwanzig, lebt und arbeitet in New York City. Alles in allem ein Leben in Stagnation. Mit dem Tod des Vaters verändert es sich schlagartig, und für Clarissa beginnt eine fesselnde Suche in eigener Sache. Ihre Geburtsurkunde taucht auf, in der als Vater ein Mann aus Lappland eingetragen ist. Schockiert muss Clarissa begreifen, dass sie als Einzige nicht wusste, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher war. Für sie stellt sich nun mit aller Wucht die Frage nach der Vaterschaft und ihrer Herkunft und sie verlässt ohne ein Wort ihren Verlobten und ihre Heimat. Wie die Mutter, so die Tochter.

    Einen Schlussstrich ziehen

    Geografisches und klimatisches Kontrastprogramm in der Weihnachtszeit: Vida schickt ihre Protagonistin also um den halben Erdball in den hohen Norden, die ewige Kälte und das klare Licht. Die Stationen auf ihrem Weg haben klingende Namen wie Rovaniemi, Inari und Kautokeino. Was sich wie eine Trekking-Tour für Abenteurer anhört, die den Kick im Eishotel suchen, entpuppt sich für Clarissa als strapaziöse Reise in die Vergangenheit. Dabei ist sie besessen von dem Gedanken, „es muss jemanden geben, dem ich näher bin“, der sie bis an den Rand des Zusammenbruchs treibt. Hilfe bekommt sie von den Einheimischen.
    In dem Priester einer kleinen Gemeinde Lapplands glaubt sie endlich ihren Vater gefunden zu haben. Dieser war zwar immerhin mit ihrer Mutter verheiratet, doch der Rest der Wahrheit steckt in einem „Gruselmärchen ohne Moral“, das er Clarissa erzählt und das sie mit ihrem eigenen Geheimnis konfrontiert. Mutter und Tochter verbindet ein Erlebnis, das die Mutter später dazu bringen würde einfach abzuhauen, die Kinder im Stich zu lassen.
    Mit Fotos in der Hand von der Mutter nimmt Clarissa die Suche nach ihr wieder auf. Niemand ist je auf den Gedanken gekommen, sie an den Orten ihres Schmerzes zu suchen. In einem dramaturgisch sensibel inszenierten Showdown in der Eiswüste stehen sich die beiden am Schluss gegenüber: ohne Verständnis füreinander, aber mit einem tieferen Verstehen des anderen. Clarissa hat die Vaterlücke und die Mutterlücke, das Kapitel Vergangenheit geschlossen, und sie hat wieder eine Zukunft.

    Erzählerisch virtuos verquickt Vendela Vida in dem Roman weit zurückliegende Ereignisse mit der unmittelbaren Gegenwart, verpasst den thematischen Kapiteln wunderbare Überschriften wie „Inliebe“, „Parfümmädchen“, „Polarlichter“ oder „Zunge an Eis“. Mit der Beschreibung von Täter- und Opferpsychologien, dem Zuweisen von Schuld geht sie sparsam um. Das macht aus ihrer Ich-Erzählerin einen authentischen Charakter. Auch für wen Lappland ein blinder Fleck auf der Karte ist, dem entgeht nicht die Sympathie der Autorin für deren Einwohner und ihre wachsende Selbstbehauptung. Vida hat mit ihrem zweiten Roman bereits eine eigene, starke Stimme gefunden – nüchtern, diskret, unprätentios, mit überraschenden Bildern und einem kleinen Zwinkern in den Augen. Ihre Stimme macht das Buch schön und traurig und lesenswert.

    Senta Wagner


    Vendela Vida: Weil ich zu spät kam (Let the Nothern Lights Ecrase Your Name, 2007). Roman. Ins Deutsche übersetzt von Almuth Carstens. Btb 2008. 223 Seiten. 19,95 Euro.

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