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Shari Goldhagen: Wir können es schaffen, wenn wir rennen

28.04.2008


Ganz nah am Leben

"Einhundertachtundneunzig Stunden, bevor die Wirkung von Jenny Greenspans Pille einsetzen würde, versuchte Connor vor dem Jugendverkehrsgericht zu erklären, wieso er hinter einem Kleinlaster in eine dunkelgelbe Ampel und seitlich in einen Minivan gerast war."

 

Selten führte ein erster Satz den Leser so in den Wald der falschen Erwartungen wie dieser. Wir können es schaffen, wenn wir rennen, der erste Roman der in Ohio geborenen Shari Goldhagen, die zuvor für Hochglanzmagazine wie „Life & Style“ und „Celebrity Living Weekly“ arbeitete, ist alles andere als eine lockere High-School-Geschichte um Baseballmannschaften, Cheerleader und Liebesulk à la „American Pie“.

Seit dem Tod seiner Eltern mimt Jack Reed, 25 Jahre jung, den gesetzlichen Vertreter und Familienvorstand für seinen um zehn Jahre jüngeren Bruder Connor. Und das ist kein Selbstläufer, keine unproblematische Formalität, die es bis zu dessen Volljährigkeit abzusitzen gilt – bei seinen College-Bewerbungen kritzelt Connor statt eines Bewerbungsfotos lieber Strichmännchen aufs Formular, und auch ansonsten gilt es, sich mit den Alltäglichkeiten eines Spätpubertierenden zu arrangieren. Also keine leichte Aufgabe für den älteren Bruder, dem eigentlich eine Karriere als Anwalt in der Großstadt und eine attraktive Frau (eigentlich alle attraktiven Frauen!) vorschweben, keineswegs ein Zweitjob als Anstandsdame für seinen Bruder. Doch das Pflichtgefühl siegt und lässt die beiden einen (wenn auch geringen) gemeinsamen Nenner finden.

Als Roman deklariert, handelt es sich im Grunde um Episoden, die in ihrer Mehrzahl auch einzeln bestehen könnten. Die Souveränität der Kapitel wird durch die großen zeitlichen Sprünge noch deutlicher, mit denen Shari Goldhagen diese Geschichte erzählt. Manchmal liegen Jahre zwischen den Kapiteln, die den jeweiligen Stand und Zustand der beiden Lebenswege dokumentieren: neue Lieben, Trennungen, man besucht sich oder bleibt sich fern, Connor wird Vater zweier Kinder und heiratet, und auch Jack findet durch viele Betten letztendlich zu der Frau, die es wohl ist, die es wohl sein soll.

Im Grunde könnte es wohl ewig so weitergehen, die beiden Brüder könnten bis zu ihrem Lebensende in zugeneigter Distanz verharren, käme es nicht zu dem Punkt, an dem sie sich gegenseitig ihr Innerstes zu beweisen hätten: Zeitgleich mit der mutwillig herbeigeführten Schwangerschaft, mit der Jack durch seine Frau Mona unfreiwillig zum werdenden Vater gemacht wird, diagnostizieren die Ärzte bei Connor eine fortgeschrittene Krebserkrankung, die auch den letzten festen Boden unter den Füßen in eine emotionale Sinkfahrt verwandelt und alle Beteiligten dazu zwingt, ihre egoistisch-routinierten Bahnen zu verlassen. Und nun wird der Schwelbrand zum lodernden Feuer: Jack liebt seinen Bruder, doch ihre Bindung war zu keiner Zeit so eng, wie Beziehungen zwischen Brüdern sein sollten. Den Schalter umzulegen fällt schwer, schon gar von jetzt auf gleich – niemand kann aus seiner Haut, und niemand will seine letzte Maske fallen lassen ... Das Ende des Buches sei nicht verraten.

Nichts ist so beständig wie der Wechsel, Blut ist dicker als Wasser, und wenn das noch nicht genug Lebensregeln sind: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt! Ein Buch, so nah am Leben wie schon lange nichts mehr, und so bleibt nur eine Bitte: die Verfilmung mit unbekannten SchauspielerInnen und gutem Soundtrack!

stefan heuer.


Shari Goldhagen: Wir können es schaffen, wenn wir rennen (Family and Other Accidents: A Novel, 2006). Aus dem Amerikanischen von Susanne Goga-Klinkenberg. Scherz Verlag 2007. 288 Seiten. 16,90 Euro.

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