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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:55

     

    John Cheever: Der Wapshot-Skandal

    14.04.2008


    Kalkulierte Katastrophen

    John Cheever führt in Der Wapshot-Skandal seine Protagonisten ohne Häme, sondern fast liebevoll in die absurdesten Katastrophen. Und ganz nebenbei stellt er die Konventionen der Gattung Roman auf den Kopf.

     

    „Ein paar Tage später wollte Melissa nach New York fahren, um einen Einkaufsbummel zu machen.“ So beginnt das elfte Kapitel von John Cheevers Roman Der Wapshot-Skandal, und im Folgenden wird nicht etwa die Busfahrt in die Hauptstadt oder die Shopping-Tour in New York beschrieben, sondern der Niedergang einer Frau aus Melissas Nachbarschaft: Gertrude Lockhart hat sich erhängt, nachdem all ihre elektrischen Geräte nach und nach den Geist aufgaben, sie sich aus Verzweiflung in Affären mit verschiedenen Männern und Jungen der Stadt stürzte und schließlich die Scham ihrer sexuellen Ausschweifungen nicht mehr ertrug. Gertrude Lockhart taucht im ganzen Roman nicht wieder auf – höchstens als Spiegelung von Melissas eigenem Niedergang –, und von Melissas Einkaufsbummel in New York, bei dem die vom Kleinstadtdasein gelangweilte Ehefrau endlich einmal den Duft der weiten Welt atmen könnte, ist kein Wort zu lesen.

    Melissa ist die Frau von Moses Wapshot, bereits bekannt aus Cheevers Roman Die Geschichte der Wapshots, und der Beginn des elften Kapitels ist exemplarisch für Cheevers Erzählverfahren in beiden Wapshot-Romanen: Cheever kündigt große Ereignisse an, dann aber berichtet er von dem, was sich neben einem Scheinwerfer befinden könnte, dem vermeintlich Uninteressanten, dem Alltäglichen, dem Tratsch. Während seines Erzählens legt Cheever zahlreiche Fährten, die er ins Leere laufen lässt, und führt seitenlang Personen ein, die nie wieder auftauchen. So liest man beispielsweise von einem Steuerbeamten, der einst aus Abfällen einer Cornflakesfabrik Hundefutter herstellte und nun 1000 Dosen „Hundeglück“ in seinem Schuppen stehen hat, oder von einem Uhrmacher, der an Heiligabend ertrinkt, als er neun Kätzchen in den kalten Fluss werfen möchte. Der Wapshot- Skandal ist ebenso wie Die Geschichte der Wapshots ein vor Fabulierlust strotzender Roman, in dem jede Nebenfigur ihre eigene Geschichte bekommt und dadurch ihrerseits wieder Ausgangspunkt eines neuen Romans sein könnte; ein Roman voll von Parallelhandlungen und Nebenschauplätzen, von Episoden, die auch kunstvoll miteinander verwobene Kurzgeschichten darstellen könnten.

    Gattungskonventionen auf den Kopf gestellt

    Eigentlich aber ist Der Wapshot-Skandal der zweite Teil der Familienchronik um die Wapshots, die Brüder Coverly und Moses sowie ihre alte Cousine Honora. Und wie es drei Hauptfiguren an drei verschiedenen Handlungsorten gibt, so entwickelt Cheever auch drei Skandale, in die er seine Figuren stürzt: Die alte Honora hat ihr Leben lang keine Steuern gezahlt und um nun nicht im Armenhaus zu enden, flieht sie nach Europa und landet schließlich in Rom bei einer Papstaudienz. Melissa, Moses' gelangweilte Frau, deren New Yorker Einkaufsbummel Cheever nicht beschreibt, beginnt eine Affäre mit dem 19-jährigen Botenjungen Emile und diskreditiert sich in der konservativen Vorstadt ähnlich wie Gertrude Lockhart, kann aber der ketzerischen Meute ihrer Nachbarn entgehen, indem sie bei einem Plastikostereigewinnspiel eine Reise nach Rom gewinnt. Und Coverly, Assistent des Atomwissenschaftlers Lemuel Cameron, lässt sich die Aktentasche seines Chefs mit den wichtigsten Geheimnissen der neuesten Sprengstoffentwicklungen während eines Flugzeugüberfalls stehlen.

    Cheever führt nicht nur die Randfiguren seines Romans wie Lockhart oder Cameron, sondern auch seine Protagonisten ohne Häme, dafür aber fast liebevoll in die absurdesten Katastrophen. Ebenso unglaublich wie die Geschichte vom „Hundeglück“ sind auch die Episoden, die Honora, Melissa und Coverly zustoßen. Durch die ineinander geschachtelten Handlungsstränge, die zwischen Komik und Tragik, zwischen Witz und Melancholie schwanken, erzeugt Cheever nicht nur eine große Spannung und einen fast unstillbaren Hunger auf mehr Absurditäten, sondern stellt ganz nebenbei auch die Gattungskonventionen eines Romans auf den Kopf: Weder eine überschaubare Anzahl von Figuren noch eine klar auszumachende Hauptfigur, weder ein stringenter Plot noch eine nachvollziehbare Figurenentwicklung finden sich in Der Wapshot-Skandal. Aber all diese Versäumnisse, die man Romanen sonst vorwirft, sind von Cheever genau kalkuliert und machen das Buch zu einem ganz einzigartigen Roman.

    Katharina Bendixen


    John Cheever: Der Wapshot-Skandal. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. DuMont Verlag 2008. 334 Seiten. 19,90 Euro.

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