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    Gail Jones: Sechzig Lichter

    31.03.2008

    Lucy in the Sky with Diamonds

    Die australische Erzählerin und Kommunikationswissenschaftlerin Gail Jones hat mit ihrem jetzt erstmals auf deutsch erschienenen Roman Sechzig Lichter ein viktorianisches Lebensbild zwischen Sydney, Bombay und London entworfen; aber auch eine Archäologie der Fotografie betrieben. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Raoul Schrott, der neben Ilja Trojanow kosmopolitischste deutschsprachige Gegenwartsautor, hat erklärt, dass er die 1955 geborene australische Autorin Gail Jones “für eine der weltweit besten Schriftstellerinnen” seiner Generation hält; und der 2004 erschienene Roman “Sechzig Lichter” sei “eines meiner wenigen Lieblingsbücher”, geschrieben von einer “sehr klugen und neugierigen, herausragenden und spannenden Erzählerin”.

    Wie recht Raoul Schrott hat mit seinem kollegialen Enthusiasmus, davon können sich deutsche Leser & Leserinnen jetzt ein eigenes Bild machen. Denn die Hamburger “Edition Nautilus” hat den für den britischen Booker-Preis 2004 nominierten Roman in der brillanten Übersetzung von Conny Lösch nun vorgelegt - in einer sorgfältigen, anschmiegsamen deutschen Aneignung, welche der außergewöhnlichen literarischen Qualität der subtilen lyrischen Prosa der Australierin aufs Schönste gerecht wird.

    Es ist, nach dem 2006 bei Nautilus erschienenen jüngsten Roman von Gail Jones (“Der Traum vom Sprechen”), der zweite Versuch des kleinen Hamburger Verlags, die Autorin bei uns bekannt zu machen. Nun sollte es endgültig gelingen.

    Gail Jones unterrichtet Englisch, Kommunikation und Kulturwissenschaft an der Universität von Sydney. Sie ist also eine “gelehrte Autorin”, die einem akademischen Beruf nachgeht, wie z.B. der jetzt auch in Australien lehrende südafrikanische Literaturwissenschaftler und Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee.
    Solcher existenziell- beruflicher double-bind schlägt sich offen oder verdeckt auch im literarischen Oeuvre nieder: als ein ästhetisch-geistiges Surplus der literarischen (Selbst-) Reflexion, welche das Erzählen und die Imagination des “poeta doctus” reicher, komplexer und vieldeutiger macht als “naives” Storytelling.

    Gail Jones´ “Sechzig Lichter” ist ein bewundernswerter Beweis für eine genuine literarische Kraft der Erzählung und Menschendarstellung, die sich glücklich mit einer essayistischen Intelligenz verbindet, aus deren wechselseitiger Beleuchtung jene ganz eigene Poesie der menschlichen Anteilnahme, der spielerischen Ironie und der erfinderischen Leidenschaft aufleuchtet, die sie mit den “Sechzig Lichtern“ ihres Romans an- & entzündet.

    Der Titel bezieht sich auf die sechzig Kapitel des dreiteiligen, in Australien, Indien und London Mitte des 19.Jahrhunderts situierten Buchs, das in Form eines Fotoalbums jene “Besondere Gesehene Dinge” und “Nicht entstandenen Fotografien” aus dem Leben der Heldin Lucy Strange festhält, von denen die junge, in Australien geborene, in Indien niedergekommene und in London gestorbene Lucy in ihrem geheimen Tagebuch als ihrem Lebensprojekt spricht.

    Eine Waisengeschichte im britischen Empire

    “Sechzig Lichter” spielt also während der Hochzeit des universalen Britischen Empire, das Gail Jones durch diese wechselnden Schauplätze vergegenwärtigt, auf die Lucy verschlagen wird, wie schon ihre Eltern und Großeltern. “Strange”, wie ihr sprechender Name andeutet - nämlich fremd in der Fremde - sind sie alle, ob in Australien, China oder Indien, wohin sie aus England versetzt, geflohen oder emigriert waren. Es ist die Zeit auch, in der sich der viktorianische Roman auf seinem Scheitelpunkt befindet - von Charlotte Brontes romantischer “Jane Eyre”, mit der sich Lucys Mutter identifiziert, bis zu Charles Dickens “Großen Erwartungen”, über die ihr Bruder Thomas Tränen vergießt oder Wilkie Collins´ “Frau in Weiß”, die Lucys vorlesende Schwägerin fasziniert und die sterbende Lucy an ihre früh verstorbene Mutter denken lässt. Romane als fortgesetzte innerweltliche Transzendenz des eigenen Ichs, das mehr und anderes noch sein will als was es geboren wurde.

    Aus der zeitgenössischen literarischen Weltdarstellung & Motivik schöpft Gail Jones das spezifische Ambiente, das Aroma, die Atmosphäre der Zeit, mit der ihre Heldin und alle die Frauen und Männer, die ihren Lebensweg kreuzen, imprägniert werden: eine abenteuerliche Welt der Waisen, kinderlosen Hebammen, “gefallenen” Frauen und windigen Gentlemen, Verführer & Teehändler.

    Die historistisch perfekte Mimikry eines viktorianischen Melodramas wird von Gail Jones jedoch mit dem Blick und den Erkenntnissen der Moderne gegen den Strich gebürstet und damit entsentimentalisiert, in dem sie das erotische Unterfutter des gelebten Lebens, das die Viktorianer als “unschicklich” verbargen, nach außen kehrt und ihre Heldin sich zu ihrer Körperlichkeit bekennen lässt, die für Lucy die gleiche sensuelle Aufmerksamkeit besitzt, wie die sinnliche Welt der Dinge, der Farben, der Gerüche, die sie mit einem gestochen scharfen Blick, jedoch mit enthusiastischer Anteilnahme für das Detail wahrnimmt, als würde das Herz ihrer Liebe zur Welt dabei schneller schlagen.

    1860 waren die sechsjährige Lucy und ihr zwei Jahre älterer Bruder Thomas Vollwaisen geworden, nachdem ihre Mutter bei einer Fehlgeburt gestorben und ihr Vater sich vor Gram über den Verlust vergiftet hatte. Der windige Bruder der Mutter - Neville, ein betrügerischer Geschäftsmann - holt die australischen Waisen nach London, will die Sechzehnjährige an seinen ehemaligen Freund Isaac Newton in Bombay verkuppeln, aber bevor sie dort eintrifft, hatte sie auf der Überfahrt die körperliche Liebe mit einem in Indien verheirateten Passagier kennengelernt, die nicht folgenlos geblieben war. Der wesentlich ältere Isaac, der sie bewundert und den sie aber nicht liebt, ist verständnisvoll genug, sich mit ihr, bevor Lucy mit ihrer Tochter Ellen niederkommt, als Paar fotografieren und danach Lucy nach England zurückkehren zu lassen, wo sie als Fotografin arbeitet, den jungen Maler Jacob Webb kennenlernt und erst 22jährig an Schwindsucht 1876 stirbt.

    Ihr früher Tod wird einem schon auf der zweiten Seite des Romans annonciert, als Lucy nachts neben Isaac aus einem schrecklichen Traum erwacht, der ein Tagesereignis reflektiert: den tödlichen Unfall eines Inders, der von einem Baugerüst stürzte, das er mit einem Spiegel erstiegen hatte, dessen Splitter beim Aufschlagen sich in seine Brust bohrten.

    ”Die Mengen an Blut waren erstaunlich. Es spritzte überall hin. Doch Lucy”, heißt es in der ersten von 60 Einstellungen des Romans, “fiel vor allem auf - als sie dorthin eilte, um wie alle anderen Hilfe anzubieten -, dass der Spiegel das Funkeln nicht einstellte. Seine zerklüfteten Formen fingen noch immer die Welt ein, und einzelne Teile eines fragmentierten Indiens wurden auf seiner Oberfläche sichtbar.(...) Sie konnte nicht anders: Sie musste an einen Fotografie denken”.

    Am Beginn der technischen Reproduzierbarkeit der Welt

    Denn Lucys seltsame Eigenart und die solitäre Passion ihres kurzen, aber erfüllten Lebens ist die Fotografie, jene neue Kunst des 19. Jahrhunderts, mit Hilfe von Licht und chemischen Prozessen, die “Schrift des Lebens” in einem blitzhaften Augenblick festzuhalten. Und es ist die erzählerische und essayistische Leidenschaft der australischen Autorin, diesen historischen Moment mit allen Sinnen sprachmagisch aufleuchten zu lassen. Gail Jones´ metaphernsicherer, luziden Prosa gelingt es, im Wettstreit mit der Fotografie, Lucys “fotografische” Welterfahrung mit einer beschwörenden Detailgenauigkeit und poetischen Triftigkeit literarisch Bild werden zu lassen, so dass man des Öfteren an Virginia Woolfs subtile Epiphanien denken muss.

    So etwa, als Lucy “frühmorgens unter bedrohlichem Himmel “ allein nach Indien aufbricht und vom Deck ihres Schiffes aus zurückblickt: “Eine kleine Gruppe von Frauen aus der Fabrik” (in der sie an der Herstellung von Fotopapier gearbeitet hatte) “ließ Taschentücher flattern. Neville standen Tränen in den Augen und er wischte sich mit seinem gestreiften Halstuch über das Gesicht. Thomas wurde von einem heftigen Hustenanfall gepackt. Lucy beobachtete, wie sie sich in ihrer Aufregung instinktiv gegenseitig trösteten. Sie sah sie kleiner werden, allmählich mit den Hafenanlagen und der zurückgebliebenen Menschenmenge verschwimmen und dann, kurz bevor sie endgültig nicht mehr zu erkennen waren, sah sie, wie Neville der Hut vom Kopf geweht wurde, ein nach oben treibender Tupfen, und wie Thomas zum Rand des Piers rannte und sich darüber beugte, um ihn einzufangen. In diesem Moment weinte sie. Lucy weinte, weil sie es trotz allem geschafft hatten, zusammen zu leben: drei gestrandete Kolonisten in einer provisorischen Familie vereint, diesem Dreieck, das sich nun immer länger streckte und spitzer wurde, während sie in eine Geschichte trieb, die ganz allein die ihre sein sollte”.

    Indem die “Magie des Realen” (Susan Sontag) ebenso wie die Realität des Magischen durch die Fotografie und die “Laterna Magica” (in der Thomas arbeitet) in die Welt kam, hat sie eine kollektive Revolution des menschlichen Bewusstseins und der Wahrnehmungsfähigkeit, unseres Erinnerungsvermögens wie unserer erweiterten Vorstellungskraft bewirkt, ohne deren allgegenwärtige visuelle und virtuelle Präsenz unser gegenwärtiges Leben uns gar nicht mehr vorstellbar ist.

    “Sechzig Lichter” ist auf diesen revolutionären Moment in der Geschichte fokussiert, als der “metaphysische Ort”, an dem “schwarze Worte sauber platziert auf einer rechteckigen Seite” die Roman-Leser “überzeugten, dass hypothetische Menschen so wirklich waren wie sie selbst”, nun ergänzt, übertrumpft, wenn nicht gar (später) abgelöst wurde von der Fotografie und den “Bewegten Bildern” des Films, den die visionäre Lucy schon vorausahnt, als sie ihren Bruder in der “Laterna Magica” besucht - dieser Vorform des Kinos.

    Die Realität der Gespenster im “Schatten der Person”

    Der Eingangstraum des Romans ist als dessen Ouvertüre komponiert, in der die zentralen Themen der Erzählung bereits anklingen lässt, die sich danach sukzessive zu dem Bilderalbum des kurzen, glücklichen und traurigen Lebens der Lucy Strange aufblätternd entfalten: Erinnerung, Fotografie und Tod. Denn Lucys Liebe zur Fotografie rührt aus dem Verlangen, das Bild der Mutter zu bewahren als Erinnerung, wie schmerzlich auch der Verlust (und dessen Beschwörung) gewesen sein mag. Das Abbild, dieser aus dem Kaleidoskop der Zeit gerettete Augenblick, verschafft der Erinnerung aber auch einen tröstlichen Anflug - wie die Fortdauer der mütterlichen Erzählungen im Bewusstsein der Kinder sie in eine Tradition der familiären Überlieferung stellt, die bislang nur verbal oder schriftlich vorhanden war.

    Im Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen, das mit dem Fortschreiten der Zeit & auch ihrer Zersplitterung in der Gegenwart und Zukunft verloren zu gehen droht, ist das Foto nicht nur ein Ankerplatz, sondern auch ein sich erneuernder Quellgrund für die Erinnerung, die Phantasie und das Glück. Gail Jones setzt an den Beginn des 3.Teils ihres Romans ein hellsichtiges Zitat der englischen Dichterin Elizabeth Barrett Browning, die 1843 in einem Brief über eine Daguerreotypie jene frühe Versprechen der neuen technischen Möglichkeit formulierte, deren passionierte Phantastin Lucy Strange ist: “Nicht nur die Ähnlichkeit ist kostbar (...) auch die Assoziation und das Gefühl von Nähe, die an dem Ding haften (...) der Umstand, dass der Schatten der Person auf ewig fixiert daliegt”.

    Der “Schatten der Person” - unter der Hand wird einem aus diesem Zitat bewusst, wie sehr die Fotografie, als sie aufkam, buchstäblich ein Ziel der mittelalterlichen Alchemie verwirklichte: das ewige Leben in Form eines Abbildes! Und womöglich steht die Virulenz des Gespenstischen und die Schauer, die von Gespenstergeschichten in der viktorianischen Literatur bis zu Oscar Wilde und Conan Doyle ausgingen, in einer Verbindung mit der “weißen Magie” des fotografischen Bildes.

    Prismatisch zerlegt Gail Jones in ihren “Sechzig Lichtern” alle Aspekte der frühen Fotografie & deutet deren Entwicklungen bis in unsere Gegenwart an, zwanglos eingebunden in Lucys und ihrer Verwandten Lebens- & Liebesgeschichten - nicht ohne liebevolle erzählerische Ironien, versteckte Zitate und manches Augenzwinkern (bis hin zu Dalis “Brennender Giraffe”). Aber immer wird Gail Jones´ lyrische Prosa und ihre beschwörende, betörende Vorstellungskraft, die eine Vielzahl von Motiven zu einem dicht verwobenen, facettenreichen Erzählmuster verknüpft -: immer wird der Roman getragen vom humanen Wärmestrom der großen Dickensschen Zärtlichkeit für die Hoffnungen und die Leiden der Menschen. Gail Jones ist eine “herausragende und spannende Erzählerin”, wie Raoul Schrott sagt; aber ihre “Sechzig Lichter” darüber hinaus in vieler Hinsicht einer der originellsten Romane des letzten Jahrzehnts.



     

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