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R. Kaiser-Mühlecker: Der lange Gang ü. d. Stationen

24.03.2008


Mutig gegen den Zeitgeist

Kaiser-Mühlecker hat uns mit einem unkonventionellen Zeitgenossen vertraut gemacht, von dem wir – trotz seines exponierten Außenseitertums – einiges lernen können: die Kunst der Muße, die Beobachtungsgabe und den Rückzug zu sich selbst.

 

Die Entdeckung der Langsamkeit lautet der Titel von Sten Nadolnys 1983 erschienenem Longseller-Roman. Nun hat sich ein junger österreichischer Autor daran gemacht, auf seine ureigene Art die Langsamkeit wiederzuentdecken. „Ich denke, dass vieles zu schnell geht heute, auch in der Literatur“, erklärte der 25-jährige, aus Niederösterreich stammende Reinhard Kaiser-Mühlecker.
Sein Romanerstling, der vorab mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet wurde, stemmt sich mutig gegen den Zeitgeist und berichtet in geradezu bedächtig-präziser Sprache vom Leben auf dem Land in den 1950er- Jahren. Der Protagonist Theodor ist (wie Kaiser-Mühlecker selbst) auf dem Land aufgewachsen, der Vater ist todkrank (stirbt später), der Sohn muss den Hof übernehmen. Schließlich heiratet die introvertierte Hauptfigur eine Frau aus der Stadt (eine Konstellation, wie wir sie aus dem letzten Roman von Kathrin Groß-Striffler kennen), „eine gute Frau“, wie die Mutter konstatiert, aber doch eine Städterin, die sich zunehmend langweilt und immer häufiger zu Vergnügungen in die Landeshauptstadt aufbricht. Es kommen handfeste finanzielle Probleme hinzu, und ein vom Alkohol gezeichneter Nachbar nimmt sich das Leben.

“Das was blieb, war, dass die Zeit verging“

Theodors Glück ist nur von kurzer Dauer, die Entfremdung von seiner Frau wird immer stärker: „Ich hatte mich zu ihr gesetzt – und sie war ein wenig von mir abgerückt. Vielleicht wollte sie mir bloß das Sitzen ein wenig bequemer, wollte mir mehr Platz machen; ich jedoch empfand dieses ihr Wegrücken als tatsächliches Abrücken, als ein Sich-Entfernen im Kleinen.“
Reinhard Kaiser-Mühleckers Sprache klingt ein wenig antiquiert im Vergleich zum verbalen Mainstream-Geklapper seiner literarischen Altersgenossen. Doch einer solch empfindsamen Seele wie seiner Hauptfigur Theodor kann man nur mit Bedächtigkeit beikommen. Er ist ein Mensch mit besonderen Wahrnehmungen, all seine Sinne sind der Natur zugewandt (den Geschmack von zerkauter Wintergerste auf der Zunge), das hektische Leben in der Stadt, das er bei einem zaghaften Ausbruchversuch kennen lernt, versetzt ihn geradezu in Panik. „Das was blieb, war, dass die Zeit verging“, resümiert Theodor, als er aufs Land zurückkehrt. Nicht frustriert, nicht geläutert – allenfalls desillusioniert.

Poetisch-reflexive Wahrnehmungsprosa

Reinhard Kaiser-Mühlecker aus dem niederösterreichischen Eberstalzell, der in Wien Landwirtschaft und Geschichte studierte, hat weder das Landleben idyllisiert noch der Anti-Heimatliteratur à la Franz Innerhofer ein neues Kapitel hinzugefügt. Stattdessen hat er uns mit einem unkonventionellen Zeitgenossen vertraut gemacht, von dem wir – trotz seines exponierten Außenseitertums – einiges lernen können: die Kunst der Muße, die Beobachtungsgabe und den Rückzug zu sich selbst.
Dass Theodor dennoch in seinem tiefsten Innern ein glücklich-unglücklicher Mensch ist, diese nicht aufgelöste Ambivalenz macht die Figur umso reizvoller. Reinhard Kaiser-Mühlecker, der von Büchner-Preisträger Arnold Stadler gefördert wurde, hat schon in seinem Debütwerk eine eigene, von Pathos und Tristesse freie Stimme gefunden und eine poetisch-reflexive Wahrnehmungsprosa vorgelegt. Man darf gespannt sein auf seine weitere Entwicklung, denn bedeutende Literatur ist oft abseits des Zeitgeists entstanden.

Peter Mohr


Reinhard Kaiser-Mühlecker: Der lange Gang über die Stationen. Roman. Hoffmann und Campe Verlag 2008. 160 Seiten. 16,95 Euro

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