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Matthias Politycki: In 180 Tagen um die Welt

17.03.2008

Von Oberviechtach nach Dubai

Der kleine bayerische Finanzbeamte Johann Gottlieb Fichtl – welch barocker Name! – tritt die Reise seines Lebens an: ein halbes Jahr mit einem Luxusdampfer um die ganze Welt. Sein fiktives Logbuch hat nun gottlob der findige deutsche Romancier und Humorist Matthias Politycki der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Der erste – leider später wieder revidierte – Eindruck des geneigten Verfassers dieser Zeilen: Ein großer Wurf. Schlichtweg eine Meisterleistung des deutschen Humors. Vielleicht ein „Zauberberg“ des 21. Jahrhunderts mit den literarischen Waffen der Satire. Das genaue Porträt einer stagnierenden, dekadent-verkommenen Gesellschaft, die sich nicht ganz zufällig auf einem Schiff mit dem Namen MS Europa trifft.
Und mittendrin ein bayerischer Chronist der Ereignisse! Der Fichtl Hannes aus Oberviechtach, einer kleinen beschaulichen Gemeinde in der wunderbaren Oberpfalz, tritt eine Nobelkreuzfahrt an, die er zusammen mit seinen Kumpels Fonsä, Veit, Zens und Wolfi aus einem gemeinschaftlichen Lottogewinn finanziert. Eigentlich wollten die Oberviechtacher Urgesteine ihre Reise ja zu fünft antreten, aber leider reichte der Gewinn eben nur für einen – für den Fichtl Hannes. Jener berichtet nun den Daheimgebliebenen in einem ausführlichen Logbuch von seinen Reiseeindrücken. 184 Tage lang fotografiert er das, was seine Augen nach dem Aufstehen zuerst erblicken, und notiert auf jeweils zwei Seiten seine persönlichen Erlebnisse.

Nur ein ganz Großer trägt Motivkrawatten

Dabei ist Fichtl nicht, wie man durchaus vermuten könnte, ein tumber bayerischer Chronist der überreichen Gesellschaftsschicht, sondern ein recht intelligenter Kerl, der sich auf seine ganz eigene Weise schnell mit den Reichen verbrüdert. Anscheinend mutet den anderen Fahrgästen nämlich seine sensationell geschmacklose Motivkrawattenkollektion derart außerordentlich an, dass sie ihn fix als einen „ganz Großen“ identifizieren. Auch der – laut Aussagen seiner Stammtischbrüder – piekfeine Aldi-Anzug, der ihm mindestens zwei Nummern zu groß ist, kann in den Augen der gehobenen Gesellschaft nur einem gehören, der sich um solche Äußerlichkeiten keine Gedanken mehr machen muss. Folgerichtig spricht man ihn bald nur noch mit seinem neuen Namen an – mit Herr Doktor Fichtl.

Finanzbeamter auf Abwegen

Die ersten Seiten dieser vor Wortwitz geradezu sprühenden Satire sind denn auch ein veritables Leseerlebnis. Mit genauem Blick beschreibt der Finanzbeamte Fichtl diese ihm eigentlich fremde Welt. Die selbstgerechte Dekadenz der angeblichen Elite, ihre wahnwitzigen Idiosynkrasien – eine Gesellschaft, in der sich jeder nach Kräften von Rausch zu Rausch, von Dinner zu Dinner hangelt. Aber, und dies ist der eigentliche Clou des Romans, Fichtl bleibt kein unbeteiligter Beobachter, er wird ja dank seines fehlenden Kleidungsgeschmacks in die Reihen der upper class aufgenommen.
Ein Verwandter des Grimmelhausenschen Simplicissimus ist Fichtl hingegen nicht unbedingt. Zwar teilt er dessen Bauernschläue aber er ist kein ungebildeter Simpel. Auch die Analogie zu einem modernen Vertreter des pikaresken Romans, zu Thomas Manns verschlagenem Felix Krull, drängt sich nicht gerade auf: Fichtl legt es gar nicht darauf an zu betrügen. Er ist schlicht und ergreifend ein normaler Finanzbeamter im mittleren Dienst, der einfach mal so richtig die Sau rauslassen will. Ein Schelm auf Abwegen sozusagen.

Noch nicht der ganz große Wurf

Polityckis Roman startet grandios, mit Verve und einer gehörigen Portion Aberwitz. Doch nach einigen Seiten kann auch der wohlwollenste Leser nicht anders, als eine gewisse Ermüdung zu konstatieren. Die schematische Abfolge von zwei Seiten über den jeweiligen Tagesverlauf mag zwar die repetitive Stimmung des Alltags auf dem Nobeldampfer MS Europa recht gut einfangen, zu einem spritzigen Leseerlebnis führt sie allerdings spätestens nach 50 Tagen nicht mehr. Um im Bilde zu bleiben, das Kreuzfahrtschiff dümpelt dann leider mehr oder weniger manieriert vor sich hin. Sorgt der Prolog des Schiffsschreibers und fiktiven Herausgebers des Logbuchs noch für eine ironische Brechung und perspektivische Erweiterung, so herrscht später der Erzähler Fichtl ganz allein über den Roman, und dessen witzige Sprachidiosynkrasien ermüden den Leser leider allzu schnell. Da hilft es auch wenig, dass Fichtls Logbuch immer wieder ins Phantastische abdriftet und er so zu einer Art surrealistischer Münchhausen mit Motivkrawatten mutiert.

Sollte der Leser aber zu früh die Lust an diesem humoristischen Reisespektakel verlieren, so entgehen ihm leider auch wunderbare Sätze wie dieser: „Wenn wir schon Passau als Stadt bezeichnen, was ist dann Singapur?“ Seinen treffsicheren Humor nämlich verliert Politycki selten. Dies beweist auch eine kleine, beißende Parodie des Buergelschen documenta-12-Slangs am 177. Tag der Reise. So bleibt neben einigem Schatten trotzdem genügend Licht, um Politycki zu einem gelungenen satirischen Reiseroman zu gratulieren. Den großen gesellschaftskritischen Wurf, der sich auf den ersten Seiten abzeichnete, hat er jedoch mit dem Logbuch des Oberviechtachers Fichtl noch nicht geschafft.

Sebastian Karnatz


Matthias Politycki: In 180 Tagen um die Welt. Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl, marebuchverlag: Hamburg 2008, 384 Seiten, Preis: 24.90 Euro.

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