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Carsten Zimmermann: Von hier nach hier

07.01.2008


Das Denken der Dinge

Das Buch besteht aus Miniaturen an der Grenze zwischen Aphorismus und lyrischer Prosa: geschliffene Steinchen in einem Kaleidoskop, ein komplexes Muster aus Wahrnehmungen und Gedankentätigkeit.

 

Man kann Peter eine Menge vorwerfen. Zwar arbeitet er, doch strebt er offenbar keine Karriere an. Zwar ist er nicht einsam, doch führt er ein seltsam vereinzeltes Leben. Zwar tut er, was alle tun: wohnen, einkaufen, schlafen, nachdenken, doch scheint er sein Leben keinem höheren Ziel zu weihen, dem größeren Glück in der Zukunft beispielsweise. Er benimmt sich wie ein Flaneur, doch fehlt ihm das Dandyhafte, er wehrt sich gegen aufgezwungenen Aktivismus, aber er ist kein Verweigerer wie Bartleby oder Oblomow. Er zeigt eine subtile Widerständigkeit gegenüber den Segnungen des Kapitalismus, er behält sich eine leichte Skepsis vor, aber er ist kein Ankläger. Vielleicht ein Verzichtender.

Peter, der Protagonist des kurzen, dichten Romans Von hier nach hier ist eine exemplarische Figur, ein Jedermann, den wir in seinem ganz unspezifischen Alltag begleiten dürfen, beim Wandern durch die Stadt, beim Sitzen im Zimmer, bei Begegnungen mit Nachbarn oder beim Hundeausführen.

Intensives Schauen, sanfter Existenzialismus

Peter ist nicht getrieben von Ehrgeiz, erstaunlich frei von konventionellen Erwartungen, stattdessen dem Schauen zugewandt, und diesem Schauen widmet er sich intensiv, man könnte sagen, mit einem sanften Existenzialismus. Geworfen in den jeweiligen Augenblick, übt er ein gewaltloses Sehen, das die Dinge nicht vereinnahmt und nichts von ihnen erwartet, und in den besten Momenten erreicht er den Stillstand:

Und alles kreist; was irgendwo auskehrt, kehrt anderswo wieder, und seine Unruhe kommt ihm vor wie das ferne Echo einer sonderbar kraftvollen Ruhe.

Es ist ein Buch, das von der Stille lebt. Die Dinge werden mit freischwebender Aufmerksamkeit bedacht, sie tragen keine Handlung, denn es gibt keine Handlung, nur Eindrücke, die aus dem Nichts aufzusteigen scheinen, sich zu einem Bild formen und wieder verschwinden. Daher kann man sich diesem Roman vielleicht am besten über seinen philosophischen Ansatz nähern und ihn lesen als Studie über Zeit, Illusion und Subjektivität.

Nur das Ich, jenes rätselhafte Sehen, welches durch das Kaleidoskop namens Peter blickt, entzieht sich jeder näheren Bestimmung. Kaum läßt es sich als persönlichen Besitz reklamieren. Genau genommen befindet es sich nicht einmal im Gegensatz zu den Dingen, denn nichts an ihm verhindert, daß es zugleich alles ist, was es sieht.

Das Buch besteht aus Miniaturen, die sich auf der Grenze zwischen Aphorismus und lyrischer Prosa halten: geschliffene Steinchen in einem Kaleidoskop, ein komplexes Muster aus Wahrnehmungen und Gedankentätigkeit.

Marion Poschmann


Carsten Zimmermann: Von hier nach hier. Roman. Luftschacht Verlag 2007. 129 Seiten. 15,90 Euro.

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