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Annette Pehnt: Mobbing

23.12.2007


Glück ist wie ein Kartenhaus


Annette Pehnt schildert in ihrem Roman, der den 1. Platz der SWR-Bestenliste eroberte, in bedrückender Weise, wie kurzlebig Glück und Erfolg sind und auf welch wackligen Füßen eine vermeintlich harmonische Beziehung steht.

 

Nach ihren leicht surrealistisch gefärbten Romanen Ich muss los (2001) und Insel 34 (2003) hat sich die 40-jährige Autorin handfesten Alltagsthemen mit sozialem Sprengstoff gewidmet. Im letzten Jahr befasste sie sich im Haus der Schildkröten mit dem Pflegenotstand in Altersheimen, mit Demenz und den daraus resultierenden Problemen für die Angehörigen. In ihrem neuen Roman geht es um Mobbing, um den Verlust des Arbeitsplatzes und die weit reichenden Folgen für die Familie.

Annette Pehnt erzählt ihren Roman nicht aus der Sicht des Betroffenen Joachim, sondern sie lässt dessen Ehefrau in Rückblicken, Reflexionen und subtilen Beobachtungen den „Untergang“ rekonstruieren.
Joachim arbeitete als städtischer Verwaltungsangestellter, war für Jugend- und Kulturaustausch sowie die Pflege von Städtepartnerschaften zuständig. Er hat seinen Job gern gemacht, hat ein Reihenhaus gebaut, hat zwei kleine Kinder und eine Frau, die ihren Job als Übersetzerin gegen den einer Hausfrau und Mutter eingetauscht hat.

Zerfall der „heilen Welt“

Diese heile Mittelschichtwelt fällt wie ein Kartenhaus zusammen, als in Joachims Dienststelle eine neue Chefin auftaucht. Sie grüßt ihn nicht, streicht sämtliche Dienstreisen und öffnet während seines Urlaubs seine Post. Sein bester Freund hat das Amt bereits verlassen, Joachim aber will sich zunächst durchkämpfen, obwohl er sich gemobbt fühlt.
Seine Frau kennt nur seine Sicht der Dinge, die Klage, dass seine Chefin für ihn nie zu sprechen sei und dass Kollegen Material gegen ihn sammelten. „Wir mussten es nun nicht mehr fürchten, warum sollten wir schreien, es gibt fünf Millionen Arbeitslose, Joachim Rühler gehört dazu“, resümiert dessen Frau nach Erhalt der fristlosen Kündigung.
Annette Pehnts Schilderung des allmählichen Zerfalls der Familie geschieht mit sprachlich äußerst sparsamen Mitteln. Und doch ist jeder Satz von großer Präzision, von geradezu brennender Schärfe.

Inneres Gefühl der Nutzlosigkeit

Die Protagonistin sieht, wie ihr Mann zusehends verlottert und wie er zum psychisch und physischen Wrack degeneriert. Er hockt stundenlang apathisch auf dem Sofa: „Von dir ist nichts mehr übrig.“ Er ignoriert die gelbe Rose, die sie zum Valentinstag präsentiert, die Zeichen stehen auf Verfall und Abstumpfung. Die Freunde wenden sich ab, und auch zwischen den Eheleuten kriselt es merklich. Zwar gewinnt Joachim einen Prozess, wird wieder eingestellt und mit sinnlosen Tätigkeiten beschäftigt, doch nichts ist wie früher.
Die Wunden der Arbeitslosigkeit vernarben nicht, und Joachims inneres Gefühl der Nutzlosigkeit scheint irreparable Schäden in der Familie zu hinterlassen. Annette Pehnt schildert in ihrem Roman in bedrückender Weise, wie kurzlebig Glück und Erfolg sind und auf welch wackligen Füßen eine vermeintlich harmonische Beziehung steht.

Peter Mohr


Annette Pehnt: Mobbing. Roman. Piper Verlag 2007. 166 Seiten. 16,90 Euro.

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