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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 04:25

     

    David Albahari: Die Ohrfeige

    17.12.2007

    Gott & Teufel in der Stadt des Regens - David Albaharis grandioser Roman “Die Ohrfeige”
    Der 1948 in Serbien geborene, seit 1994 im kanadischen Exil lebende Schriftsteller David Albahari hat mit seinem jüngsten Roman “Die Ohrfeige” einen Belgrad-Roman geschrieben, der zugleich ein halluzinierter Abgesang auf Jugoslawien, ein kabbalistisches Abenteuer und eine Reflexion über historische Zeugenschaft und literarische Arbeit heute ist. Von Wolfram Schütte

     

    Am Sonntag, dem 8. März 1998, wird ein im Belgrader Stadtteil Zemun, dem alten Judenviertel der serbischen Metropole, lebender Übersetzer, Schriftsteller und Kolumnist der Wochenzeitung “Minut” zufällig Zeuge, wie am Ufer der Donau ein junger Mann einem jungen Mädchen “ohne jegliche Vorwarnung” eine Ohrfeige gibt. Sechs Jahre später, nun im weit entfernten Exil, beginnt der Augenzeuge, sich den “Reigen der Ereignisse”, welche dieser Beobachtung folgten, die sein Leben von Grund auf verändert hat, noch einmal, rückblickend, vor Augen zu stellen: als der Roman, den der 1948 in Serbien geborene, seit 1994 im kanadischen Calgary lebende David Albahari unter dem Titel “Die Ohrfeige” 2007 in einem Belgrader Verlag (!) veröffentlichte. Er ist nun, von Mirjana und Klaus Wittmann, seinen bewundernswerten deutschen Übersetzer, nach “Mutterland” (2001), “Götz und Meyer” (2003) und “Fünf Wörter” (2005) im Eichborn-Verlag erschienen.

    “Die Ohrfeige” (ein lakonischer Titel wie “Das Urteil” oder “Die Verwandlung”) ist das umfangreichste, gedankenreichste, abgründigste, fabulöseste Buch des ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens, der einmal, wie ich in einem Artikel des “Freitag” 2002 gelesen habe, zu den “Kultautoren seiner Generation” in Belgrad gehörte, aber das Rumpf-Jugoslawien Slobodan Milosevics kurz vor den NATO-Bombenangriffen verlassen hat. Den Grund für Albaharis Exil, über dessen Folgen Albahari schon in seinen früheren Büchern geschrieben hat, kann man aus “Der Ohrfeige” entnehmen: es sind die im Klima der maroden Diktatur (& bis heute) virulenten Verschwörungstheorien, deren mörderischste der Antisemitismus ist. Ihm sieht sich der nichtjüdische Erzähler von “Die Ohrfeige” zunehmend bedrohlicher ausgesetzt, seit er in einer seiner wöchentlichen Zeitungskolumnen darauf zu sprechen gekommen war.

    Der serbische “Meister und” seine “Margarethe”

    Nun ist “Die Ohrfeige” nichts weniger als eine autobiografische Chronik oder ein realistischer Roman der Tatsachen: eher gleicht, was der namenlose Erzähler sowohl mit einer Vielzahl lokaler Details rekonstruiert als auch (& noch viel mehr!) beschwört, einem absurden Alptraum, einer bedrohlichen Halluzination oder einer paranoiden Phantasmagorie, in die er uns, mit allen seinen Zweifeln, Mutmaßungen und Reflexionen (sowohl als betroffene Figur wie auch als nacherzählender Autor) in einen unentrinnbaren Strudel hineinzieht - einen E.A. Poeschen “Mahlstrom” oder ein Hitchcocksches “Vertigo”.

    Man wird aber (ohne hier näher darauf eingehen zu wollen) bei David Albaharis “Die Ohrfeige” am nachhaltigsten an Michael Bulgakows “Der Meister und Margarita” erinnert - nicht nur, weil die geohrfeigte junge Frau Margarete heißt, sondern weil beide realistisch-phantastischen Romane sowohl metaphysisch-ethische Fragen nach Gut & Böse stellen, als auch Metropolen im düsteren Zwielicht von Angst, Zynismus, Repression und Terror imaginieren. Zugleich aber ist der Roman, wie im Oeuvre Danilo Kis´ und J. L. Borges, auch als vieldeutiges Labyrinth & essayistisches Puzzlespiel angelegt, bei dem - je weiter man lesend in es eindringt - jeder Moment & Gedanke voraus- & zurückweist und das Ganze sich zu einem großen tragischen Weltentwurf verdichtet.

    Die Ohrfeige erregte die Aufmerksamkeit des Erzählers, weil es “in den Bewegungen” der beiden Beteiligten “etwas gab, was sie völlig von der Umgebung abhob, als gehörten sie zu einer anderen Welt, von der die Leute, die auf dem Kai spazierten, nichts wussten”. Und die Ohrfeige hat ihn, “obwohl sie mich nichts angehen sollte”, jedoch deshalb “aufgebracht”, weil es zwar “ bestimmt unzählige Anlässe” in der Beziehung der beiden gegeben haben könnte, “die zu dieser Ohrfeige hatten führen können” er jedoch “der Meinung war, dass keine von ihnen den Schlag entschuldigen konnte”.

    Das folgenreiche Ereignis ohne Vorwarnung

    Mit diesen Bemerkungen des Erzählers ist der epiphanischer Moment seiner Wahrnehmung exakt und vieldeutig beschrieben: als Symbol einer ihn empörenden alltäglichen Gewalt, die das Signum der Gesellschaft ist und seine ebenso moralische wie erkenntnisstiftende Motivation, hinter das verborgene Geheimnis der Tätlichkeit zu gelangen, die “ohne Vorwarnung” sich ereignet hat.

    Aber der Erzähler ist kein Günter Wallraff; und David Albahari kein Egon Erwin Kisch, sondern ein hochsensibler und spekulativer Romancier, der seinen irritierten Erzähler auf eine ebenso ernsthaft mystisches wie komisch mysteriöses Abenteuer schickt. Erst entdeckt er ein rätselhaftes, wiederkehrendes Zeichen, wo immer er sich in den Gassen Belgrads bewegt, dann sieht und hört er das verschwundene Mädchen wie eine ungreifbares Gespenst, schließlich liest er eine Kleinanzeige mit dem offenbar nur ihm zugedachten Text: “Ein Ohrfeige verändert manchmal den ganzen Kosmos”, und als er sich daraufhin unter der Chiffre meldet, wird ihm ein Manuskript voller fragmentarischer Erzählungen und metaphysischer Spekulationen zugespielt.
    Was als Paranoia zu beginnen schien, ist spätestens in diesem Augenblick zu einer Verschwörung geworden, deren Rätsel ihn umstellen und zugleich ihn zum Teil einer anderen Wirklichkeit werden lassen - einem mathematisch-kabbalistischen Gespinst.

    Im Gespräch mit seinem einzigen Freund, dem zynisch-pragmatischen Marko, mit dem er Joints rauchend Miles-Davis-Platten hört, spricht er von seiner wachsenden Unruhe und dass er “begreifen möchte, was geschieht”, was “die Wirklichkeit oder Unwirklichkeit dieser Ohrfeige”, das kryptische Zeichen an den Wänden oder der Gesang des Mädchens bedeuten.

    “Nichts existiert für sich allein”, erklärt er sich spinozistisch die Welt, “alles ist miteinander verbunden, alles ist Teil eines großen oder kleinen Netzes, das seinerseits Teil eines noch größeren ist (...) bis zu dem die ganze Welt umfassenden Netz. Nur wer das letzte Netz knüpft, kennt die Struktur aller anderen, diejenigen jedoch, die die kleineren Netze machen, wissen nichts von den anderen und verstricken sich unweigerlich darin, sie begreifen nicht, was die Netze bedeuten und ihnen antun. In ihrem eigenen Netz, bemerkte Marko, ist die Spinne eine Spinne, aber im fremden ist sie auch nur eine Fliege. Ja, sagte ich, aber ich möchte weder die Fliege noch die Spinne sein. Das klebrige Netz unserer Wirklichkeit, aus dem sich niemand befreien kann, reicht mir vollkommen”.

    Erzählen & Erinnern in den Zeiten des Argwohns

    In diesem früh im Roman lokalisierten Dialog wird die ebenso bodenlos-abgründige wie spekulativ-metaphysische Ästhetik Albaharis angesprochen; begrifflich präludierte er damit, was der Erzähler als unerhörtes, undurchschaubares Erlebnis (das nur ihm zugedacht ist) vor uns entstehen lässt und als ein Netzwerk abenteuerlicher Halluzinationen, Ängste und Euphorien vor uns ausbreitet, in dem nicht nur der Erzähler sowohl Spinne wie Fliege zu sein scheint und dabei im immer klebriger, bedrohlicher und verrückter werdenden Netz der Belgrader Wirklichkeit zappelt, sondern - von hypnotischer Spannung gebannt - werden auch wir, die Leser, davon gefangen genommen.

    Denn die suggestive literarische Meisterschaft David Albaharis, der alle erzählerische Register ziehen kann, um seine Belgrader Phantasmagorie zu einem mythischen Inbild der Unheimlichkeit der Zeit und des Argwohns zu verdichten, versetzt auch die Leser in das dämmrige Licht des umfassenden Zweifels und der epischen Ironie, weil beides vor der Beichte des Erzählers nicht Halt machen. Ist ihm, der in einer seiner Kolumnen von einer Zeit sprach, “in der das Absurde und das Irrationale ein bislang unbekanntes Ausmaß erreicht haben”, noch zu trauen, wenn er selbst sich als deren Opfer und Täter beschreibt oder imaginiert, dass “die Ohrfeige (...) zu meinem Fallstrick geworden ist”? Oder trifft nicht doch auf den Erzähler wie auf seinen Autor zu, was jener diesem in den zuletzt ausgeschriebenen, erlöschenden Kugelschreiber diktiert: dass der aus der Belgrader Hölle geflohene Exilant gegen das einheimische Verdrängen und Vergessen “aus den Schichten der Erinnerung mühsam und vergeblich Worte und Sätze herausschneidet”, wenn auch “dort, wo das ganze sich abgespielt hat, sich ohnehin niemand dafür interessiert”.

    Jedenfalls ist David Albahari in seinem ebenso bewundernswerten wie tiefsinnigen, ebenso realistischen wie phantastischen Roman “Die Ohrfeige” das epische Meisterwerk über den Untergang Jugoslawiens gelungen. Es dürfte in der gesamten Weltliteratur der letzten Jahrzehnte (seit Milan Kunderas 1967 erschienenem Roman “Der Scherz”) keinen zweiten Roman mehr gegeben haben, der vielschichtiger, konziser & brillanter aus einer gestischen Metapher (wie der unentschuldbaren Ohrfeige ohne Vorwarnung) ein triftigeres Symbol für eine Epoche herausgesponnen hat. Keiner: - außer David Albaharis literarische Geisterbeschwörung Belgrads am Ende des letzten Jahrtausends.

    Wolfram Schütte


    David Albahari: Die Ohrfeige. Roman. Aus dem Serbischen übertragen von Mirjana und Klaus Wittmann. Eichborn Verlag 2007. 367 Seiten. 22.95 Euro.

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