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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 22:04

     

    Robert Schneider: Die Offenbarung

    10.12.2007


    Vom Vorarlberg nach Naumburg

    Nach surrealistischen Fabelwesen und historischen Figuren widmet sich der 46-jährige österreichische Erfolgsautor Robert Schneider in seinem neuen Roman einem zeitgenössischen Protagonisten.

     

    Jener Jakob Kemper empfindet sein Leben als eine „einzige Kränkung“. Der Mittvierziger hat – inspiriert von seinen musikalischen Vorbildern Arnold Schönberg und Paul Dessau (welch skurrile Mischung!) – eine „Sinfonie der Arbeitermütter“ geschrieben, die mehr oder weniger höflich abgelehnt wurde. Sein Versuch, als Dirigent Fuß zu fassen, erwies sich ebenfalls als Reinfall. Als Organist in der Naumburger Gemeinde St. Wenzel und als Hobbyforscher hat er sich dennoch eine Nische an der Peripherie der großen Musikwelt einrichten können.

    „Mich haben Außenseiter immer beschäftigt, und damit meine ich das innere Außenseitertum. Menschen, die sich wesensmäßig als nicht kompatibel zur Gesellschaft verhalten oder verhalten haben“, erklärte Robert Schneider jüngst in einem Interview. Seine Hauptfigur Kemper ist ein Musterbeispiel für diese Spezies. Ein lebensuntüchtiger, zur Selbstüberschätzung neigender, stark introvertierter Eigenbrötler, dem alles im Leben daneben geht. Sein Vater – ein Ex-Nazi – spannte ihm die Jugendliebe aus und präsentierte ihm einen 35 Jahre jüngeren Halbbruder. Zahlreiche Niederlagen gehören für Kemper zur Tagesordnung.

    Mit gezogener Formulierungsbremse

    Robert Schneider, der 1992 mit seinem Erstling Schlafes Bruder einen sensationellen (auch kommerziellen) Erfolg landete und in seinen Folgewerken eine unausgegorene Mischung aus Pathos und Kitsch präsentierte, hat ganz offensichtlich die Formulierungsbremse gezogen und sich in seinem neuen Roman auf die elementaren Strukturen einer gut gebauten Geschichte beschränkt.
    Der Außenseiter Kemper ist ihm offensichtlich ans Herz gewachsen. Schneider, der selbst in seiner 80-Seelen-Heimatgemeinde in Vorarlberg häufig in der Kirche an der Orgel sitzt, gibt die Marotten und Spleens seiner Figur nie der Lächerlichkeit preis und gönnt ihr am Ende sogar einen Erfolg. Am Weihnachtsfest 1992 entdeckt Kemper in der Orgel der Naumburger Kirche eine Originalhandschrift von Bach. Dieser Fund am „Fest der Besinnung“ wirkt für Kemper wie ein „Erweckungserlebnis“. Einen renommierten Bach-Forscher konfrontiert er – mit deutlich gewachsenem Selbstbewusstsein – mit den Vorwürfen, dass er „historisch fragwürdig, selbstverliebt und schwülstig“ arbeite. Nicht nur Kemper hat sich verändert, auch sein Schöpfer Robert Schneider, der hier mit einer gehörigen Portion Selbstironie all jene Vorbehalte paraphrasiert, die gegen seine jüngsten Romane geäußert wurden.

    Ein neuer Anfang für Robert Schneider, der in einem Interview auch einige grassierende Legenden um seine Person aus der Welt schaffte: „Ich habe gut verdient, keine Frage. Aber der Palast, in dem ich angeblich wohne, ist das renovierte Bauernhaus meiner Eltern, und die Luxuslimousine ist ein alter Audi A3.“
    So wie seine Hauptfigur Jakob Kemper hat auch Robert Schneider offensichtlich über kleine Umwege zu sich selbst zurückgefunden – zum unprätentiösen, spannenden Geschichtenerzähler.

    Peter Mohr


    Robert Schneider: Die Offenbarung. Roman. Aufbau Verlag 2007. 288 Seiten. 19,95 Euro

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