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Donnerstag, 30. März 2017 | 16:35

 

Michael Köhlmeier: Abendland

11.11.2007


Lebensbeichte eines Seniors

Abendland – in die Schlussauswahl zum Deutschen Bücherpreis gekommen – ist ein urwüchsiges literarisches Monstrum, das von jedem Leser mit einem großen Kraftakt individuell gebändigt werden muss.

 

Der 58-jährige österreichische Autor Michael Köhlmeier, der 1988 mit seinem Abenteuerroman Spielplatz der Helden den Durchbruch schaffte und in jüngerer Vergangenheit mit seinen Homer-Nacherzählungen Kalypso und Telemach das Lager der Kritiker spaltete, legt nun mit Abendland sein Opus magnum vor.
Auf knapp 800 Seiten werden anhand der Biografien zweier Familien wichtige politische Etappen des 20. Jahrhunderts „nachgefahren“. Im Handlungsmittelpunkt steht Carl-Jakob Candoris, ein 95-jähriger Lebemann, der – den nahen Tod vor Augen – seinem Patenkind Sebastian Lukasser seine Lebenserinnerungen diktiert. Eine Konstellation, der wir auch im letzten Jahr in Helmut Kraussers Roman Eros begegnet sind.

Hier wie da ist der Protokollant ein Schriftsteller, dessen Vita augenfällige Parallelen mit der seines Schöpfers aufweist. Bei Köhlmeier ist der „Zuhörer“ Lukasser Mitte 50, hat (wie er selbst) mehr als zwanzig Bücher geschrieben und eine Prostataoperation leidlich überstanden. Durch diesen (nicht ganz neuen) Kunstgriff erfahren wir nicht nur allerlei Anekdoten aus dem Leben des alten Candoris, sondern nehmen parallel dazu auch an deren literarischen Verarbeitung teil.

Historische Weltreise, ausufernder Erzählstrom

Mit Candoris geht der Leser auf eine historische Weltreise – von Wien, über Frankfurt, Lissabon, Moskau und New York bis nach Tirol, wohin er sich zum Sterben zurückgezogen hat. Der Mann ist umfassend gebildet, hat (wie Köhlmeier) Mathematik studiert und später das ererbte Vermögen seiner Eltern mit einiger Finesse vervielfacht. Er arbeitete konspirativ gegen die Nazis und nahm an Oppenheimers Atombombenversuchen teil.
In seinem tiefsten Innern ist der Protagonist aber ein unglücklicher Mensch, weil er seinen Lebenstraum, Künstler zu werden, nie verwirklichen konnte. Stattdessen unterstützte er Sebastians Vater, einen hochbegabten Wiener Gitarristen.

Candoris ist vom Alter stark gezeichnet, steht das Diktat nur unter starkem Morphiumeinfluss durch. Ihm gegenüber sitzt das ebenfalls leidende Patenkind. Sebastian hat nach seiner Operation mit Inkontinenz zu kämpfen und hat panische Angst vor Impotenz. Der körperliche Verfall fungiert hier als generationsübergreifendes Bindeglied.

Michael Köhlmeiers ausufernder Erzählstrom besticht zwar durch eine Fülle amüsanter Anekdoten, doch die Figuren bleiben bei der Lektüre seltsam fremd, und der verbindende rote Handlungsfaden lässt sich nur schwerlich knüpfen. Abendland – in die Schlussauswahl zum Deutschen Bücherpreis gekommen – ist ein urwüchsiges literarisches Monstrum, das von jedem Leser mit einem großen Kraftakt individuell gebändigt werden muss.

Peter Mohr


Michael Köhlmeier: Abendland. Roman. Carl Hanser Verlag 2007. 776 Seiten. 24,90 Euro.

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