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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 04:23

     

    Jagoda Marinic: Die Namenlose

    06.11.2007

    Comeback-Versuch ins eigene LebenIn vielen poetischen Gedanken thematisiert Jagoda Marinić die Problematik eines resignierten Individuums, sich wieder auf das eigene Leben einzulassen.

     

    Eine ganze Woche versucht die namenlose Ich-Erzählerin, sich wieder auf ihr eigenes Leben im Hier und Jetzt einzulassen. Sieben Tage kämpft sie dagegen an, den Alltag nur im Delirium an sich vorbeiziehen zu lassen, anstatt ihn zu leben. Ihr Job in einer Berliner Bibliothek, ihre beiden lebensbejahenden Mitbewohner sowie ihre ganze Umwelt können sich aber nicht durchsetzen gegen ihr Nacht-Ich. In Gestalt dieses stärkeren Teiles ihres gespaltenen Ichs arbeitet sie stetig ihre Vergangenheit auf. Selbst ihrem eindringlichen Verehrer Ivan gelingt es nicht, ihr abgesperrtes Ich, ihre Versteinerung gegenüber der Außenwelt abzufangen.
    Aufgewachsen auf dem Land als Tochter zweier alkoholkranker Eltern, von denen sie sich vor Jahren losgesagt hat, flieht sie nach Berlin. Die anonyme Großstadt bietet ihr die idealen Voraussetzungen, um sich vom Leben abzukapseln.

    Der neue Wille, wieder zu fühlen

    Obwohl sie bereits 33 Jahre alt ist, steckt sie im Körper einer Kindfrau, die gut zehn Jahre jünger wirkt; ihr eigenes Leben ist spurlos an ihr vorübergezogen, sie hat es bisher nicht gelebt. Doch dann brechen gleich zwei Ereignisse auf einmal auf sie herein: Sie wird benachrichtigt, dass ihre Mutter auf der Intensivstation liegt. Gleichzeitig fängt sie langsam an, sich in ihren penetranten Verehrer zu verlieben.
    Ein Wille keimt in ihr, wieder Gefühle zuzulassen. Sie beginnt einen inneren Kampf, die harte, über viele Jahre gewachsene Schale aufzubrechen.

    Jagoda Marinićs Roman bietet keine große äußere Handlung, die Autorin ist keine Geschichtenerzählerin. In vielen poetischen Gedanken thematisiert sie die Probleme eines resignierten Individuums, sich wieder auf das eigene Leben einzulassen.

    Plädoyer für die Plotfreiheit

    Sie schreibt in einem ungewöhnlichen sprachlichen Stil. Dabei arbeitet sie mit Fußnoten, schiebt Gedanken in Gedichtform und Dialoge ein; verwendet Bilder und Vergleiche, thematisiert die Literatur und die Kunst. Das literarische Werk selbst thematisiert sich als solches, wenn Marinić zu Beginn schreibt: „Ich plädiere für ein plotfreies Leben! Eins wie meins.“ Am Ende muss die Autorin einsehen, dass dennoch alle Stilmittel nicht ausgereicht haben, um stellvertretend für die Namenlose deren Geschichte zu schreiben. Der Protagonistin muss es aus eigener Kraft gelingen, ihre Geschichte zu leben. Keiner kann ihr dabei helfen, nur sie selbst: „Wir wollten ihr Ich mit poetischen Mitteln öffnen, ich habe eine Geschichte nach der anderen gesucht, doch ich bin gescheitert.“ Die literarische Geschichte und die historische Lebensgeschichte einer Person wirken unauflöslich ineinander verwoben, wobei die Sprache nicht die Kraft besitzt, sich über das Leben zu stellen.

    Enttäuscht sein wird, wer in Marinićs Roman nach einer spannenden Handlung sucht, die ihn über 155 Seiten hinweg zum Weiterlesen animiert. Wer sich aber auf die Seite der Namenlosen stellt, für die die moderne Literatur nicht von einem Plot lebt und stattdessen offen für vielfältige sprachliche Experimente ist, dessen Bedürfnisse könnten im ersten Roman der jungen Autorin befriedigt werden.

    Eva-Maria Vogel


    Jagoda Marinić: Die Namenlose. Roman. 155 Seiten. Nagel & Kimche. 16,90 Euro.

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