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Thomas Glavinic: das bin doch ich

22.10.2007


Anleitung zur Selbstironie

Thomas Glavinic' Inszenierung einer selbstironischen Grundhaltung schaffte es dieses Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

 

Nach Wolf Haas, der in Das Wetter vor 15 Jahren (2006) eine Interviewsituation zwischen einer Kulturjournalistin und einer Figur namens Wolf Haas fingierte, hat nun binnen kurzer Zeit mit Thomas Glavinic ein weiterer österreicherischer Autor eine literarische Figur entworfen, die den eigenen Namen trägt und zumindest so weit er selbst zu sein scheint, wie man ein Selbst satirisch literarisieren kann.

Das bin doch ich ist – wie in so vielen anderen Fällen ist die Bezeichnung „Roman“ eigentlich fehl am Platz – ein Arrangement von Episoden. In 24 kurzen Kapiteln erzählt ein Schriftsteller – er heißt Thomas Glavinic und ist Mitte dreißig – aus seiner jüngeren Vergangenheit. Die erzählten Episoden sind als zusammen hängende Sketches komponiert. Zu den prominenten und auffälligen wiederkehrenden Sketch-Motiven gehören die Trinksucht des Ich-Erzählers, sein Ringen um Erfolg, seine Irrtümer, Ängste und Aporien (Hypochondrie, Flugangst, Geldsorgen, untaugliche Methoden der Aufmerksamkeitsgewinnung, verhängnisvoll falsch versandte SMS-Botschaften) sowie die literarischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Erfolgsnachrichten seines plötzlich berühmteren Freundes Daniel (dessen Verkaufszahlen steigen stetig, er trifft sich mit der deutschen Bundeskanzlerin, er bereist mit einer deutschen Delegation Südamerika).

Es gibt kaum eine Sequenz, die nicht auf eine Pointe zuliefe. Einer der größten Fehler, die der reale Autor hätte begehen können, hätte im Auswalzen dieser Pointen bestanden. Glavinic begeht ihn nicht. An kaum einer Stelle bordet das Wortmaterial über, so gut wie nie versandet eine Pointe. Die Maxime Peter Handkes, dass Kunst gerade im Nicht-Tun bestehe (im Wissen darum, was man wegzulassen habe), hat Glavinic mustergültig umgesetzt. Hier wäre denn auch die Arbeit des Lektorats zu würdigen. Die Kraft der Pointen wird durch die Syntax unterstützt, diese ist weitgehend unbeschädigt. Es dominieren Hauptsatz und Parataxe. Gewiss ist auch die Zahl der Gliedsätze nicht eben gering, komplizierte Verschachtelungen gibt es aber insofern kaum, als Gliedsätze brav voran- oder nachgestellt sind und so gut wie nie einen Hauptsatz sprengen. Nicht zuletzt ist es die Simplizität dieser hochfunktionellen Syntax, die das komplexe Episodenarrangement so manchem Rezensenten zu Unrecht bloß als leichtverdauliche Unterhaltungsliteratur erscheinen lässt.

Ein Akt der Selbstentblößung

Gewiss wird, wenn Leserinnen und Lesern Vergnügen an der Lektüre finden, Voyeurismus dabei keine geringe Rolle spielen. Das bin doch ich ist mitunter der Akt einer Selbstentblößung. Dieser wird so konkret-körperlich durchgeführt, wie es ein Text aus schwarzen Tintenhügeln zulässt: Ist es in Maxim Billers Esra die Freundin des Ich-Erzählers, die entblößt wird, so ist es bei Glavinic der Ich-Erzähler selbst, in dessen Intimsphäre der Leser Einblick gewinnt. Wiederkehrend unterzieht der Erzähler in quälender Angst vor Hodenkrebs seine Hoden einer Inspektion oder zumindest einer Befühlung, häufig aber, u.a. in der Dusche, sucht er die Auseinandersetzung mit seinen Hoden auch gezielt zu vermeiden.

Der Erzähler macht sich über seine eigenen Ängste und Schwächen lustig. Diese Grundhaltung könnte man als groß angelegte captatio benevolentiae auffassen. Sie bringt den Erzähler in eine Position, von der aus er auch die Schwächen und Unzulänglichkeiten anderer offen legen kann.

Bekannte Namen wecken zahlreiche Assoziationen

Es gibt in dem Text kaum eine Figur, die nicht den Namen einer real existierenden Person trüge. Den Namen begegnet man zum Großteil im (insbesondere österreichischen, insbesondere Wiener) Kulturbetrieb. Wer diesen Kulturbetrieb kennt, wird bei der Lektüre unweigerlich an die realen Namensvetter der Figuren denken (Autoren, Feuilletonisten, Politiker). Lesern, denen die Namen nicht vertraut sind, bleiben die Assoziationen vorenthalten. In diesem Zusammenhang stellen sich in besonderer Weise die Fragen: Wäre das Vergnügen eines Lesers, das nicht zuletzt aus der realen Bekanntheit einiger Figurennamen resultierte, ein ähnliches gewesen, wenn ihm die Personen, die außertextuell die gleichen Namen tragen wie einige Figuren, weitgehend unbekannt gewesen wären? Empfände jeder Leser, dem für die Figurennamen die entsprechenden Assoziationen fehlen, das Buch zwingend als unterhaltsamer, wenn man ihn vor der Lektüre einen Identifikationsschlüssel an die Hand gäbe? Man wird auch für sich selber nie genau sagen können, wie man unter der Voraussetzung anderer Kenntnisse die Lektüre bestimmter Passagen empfunden hätte (witziger? anstößiger?). Diese Fragen können nie zweifelsfrei beantwortet werden, weder in Hinblick auf Das bin doch ich noch in anderen Fällen.

Meine Einschätzung geht allerdings dahin, dass Glavinic’ Pointen nicht auf die Bekanntheit von Namen angewiesen sind und für sich bestehen können. Der konzise Stil, die lapidare Wortverwendung und die kraftvolle Selbstironie machen Das bin doch ich sehr lesenswert. Weil Selbstironie hier so ausgiebig inszeniert und zelebriert wird, kann Das bin doch ich auch als Handbüchlein für selbstironische Exerzitien empfohlen werden.

Andreas Freinschlag


Thomas Glavinic: das bin doch ich. Carl Hanser Verlag 2007. 240 Seiten. 19,90 Euro.

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