• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:42

     

    Johannes Weinberger: Aus dem Beinahe-Nichts

    15.10.2007

    Trost und Schlaf

    Der 32-jährige, mit Preisen und Auszeichnungen bedachte Wiener Autor und Sänger Johannes Weinberger wagt sich in seinem fünften, im Luftschacht Verlag erschienenen Buch an das diffizile Erwachsenenmärchen-Genre und gewinnt ihm ein vielschichtiges, multisinnliches, dabei höchst amüsantes wie luzides Kleinod ab, dessen reicher Inhalt zeitlos schimmert.

     

    In wohl nicht zufällig zweiunddreißig, lose verwobenen Kapiteln erzählt ein werdender Vater (das Buchcover zeigt das Ultraschallbild eines Kindes im Mutterleib) von eigenen Ängsten, Träumen und pränatalen Unternehmungen in der Zeit nach dem „Klima-Urknall“: dem „Beinahe-Nichts“, aus dem des Helden Zukunft entspringe, wie ihm ein silbergrauer Wolf prophezeit. Dieser wird ihm zum philosophierenden Freund, den er zu begehren beginnt, und „Hausarzt“, der ihm Tabletten schenkt, die ihn in eine Krähe verwandeln. Er ist es auch, der ihm aufträgt, seine Eltern und Ahnen zu hassen, alles anders zu machen und anders zu sein – ein Ratschlag, den der Erzähler wortgetreu an seinen Sohn gerichtet wiederholen wird. Alsdann taucht ein senfgelber, abgewrackter Löwe in seinem Wohnzimmer auf und erzählt mit blauzüngiger Kleinkinderstimme die Fabel von einem Mädchen, das ob ihrer Andersartigkeit eingesperrt und später zur Welterlöserin einer Regierungen stürzenden Sekte erkoren wird, deren Untertanen ihren Kot essen und ihre Behauptung wiederholen, dass der Himmel grün sei und das Gras blau. Ein violett glänzender Frosch mit goldverzierter Bischofsmütze wiederum sitzt auf dem Fensterbrett und hält angewidert hochmoralische Predigten.

    Gelassen gegenüber dem Absurden

    Der Erzähler – der sich als vom Autor (?) abhängige Figur reflektiert, die zwecks Lenkung der Geschichte gewisse Taten setzen müsse – nimmt diese absurden Begegnungen eher gelassen, wohl, weil ihm die neben dem werdenden Sohn einzige zartbittere Erinnerungen an seine eigene Kindheit sind. Er ist mit einem ihm „wenig bekannten weiblichen Gespenst“ verheiratet, das bei der Hochzeit bellte und sonst rülpst oder miaut, sofern sie sich überhaupt sehen („Wir sind ein glückliches Paar.“), und ergeht sich in Handschellen- und Haushaltsgerätefantasien. Eine junge Frau mit Zehenringen und einer Plakette an ihrem Katzenhalsband, in die „Hunger“ eingestanzt ist, kommt auf einen Tee vorbei und schenkt ihm einen bald sprechenden Marienkäfer. Bei einem weiteren Besuch läutet sie schwer verletzt, doch ist „Handschellentag“, er öffnet nicht, flüstert Trostfloskeln und ein Schlaflied. Und später wird ihn sein schlechtes Gewissen zu ihr treiben, die nunmehr seit Wochen in einem Nachthemd halb erfroren auf einer Parkbank sitzt (hatte sie ein Wolf angefallen, leidet sie unter Wahrnehmungsstörungen?), inmitten von neue Erdenbewohner modellierenden Kindern. Während seines Urlaubs, in dem der namenlose Held sich eine Pistole kauft (deretwegen seine unangenehmen Eigenschaften verschwinden?), kriecht eine schwanzlose Meerjungfrau am Strand auf ihn zu und beklagt sich über ihr ersehntes, nun schmerzendes aufrechtes Dasein an Land (erschießt er sie?). Und wieder zurück wird er ein nach vergilbtem Geld riechendes Geschäft betreten, in dem es alles gäbe, aber nichts gibt, so die ihn empfangene menschengroße Heuschrecke, deren Körper wie Papier raschelt...

    En-passant-Wahrheiten

    Aktuelle und schwelende gesellschaftliche Themen und Probleme (Religiosität und Wahn, Waffenstolz, Raubtierkapitalismus etc.) werden so en passant in den kurzen, mit Rückverweisen gespickten Kapiteln oft lyrischer, meist einzeln stehender Sätze angerissen, scheinen durch surreale, ins groteske Reale gebrochene Situationen durch, wie der Wahrheit Hälften: „Sich einen Gott suchen und ihm die Verantwortung für die Welt zu übergeben, ist die jämmerlichste Feigheit, zu der ein Mensch imstande ist.“ Wahrheitshälften aus Schneeflocken zu sammeln, wird auch des Vaters brieflicher Rat an seinen Sohn lauten, nachdem alle Tiere das Märchenfigurschlafzimmer bevölkern…

    © Roland Steiner


    Johannes Weinberger: Aus dem Beinahe-Nichts. Märchen. Luftschacht Verlag 2007. 116 Seiten. 15,90 Euro.

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter