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Buchmesse Spezial 2007: Katalonien

12.10.2007

Von "Dinero B" bis zum Besuch bei Robert Walser

Zur Frankfurter Buchmesse 2007: Ein Streifzug durch die katalanischen Neuerscheinungen von PETER MOHR

 

Neben Carlos Ruiz Zafón ("Im Schatten des Windes", 2003) ist Albert Sánchez Piñol der wichtigste katalanische Schriftsteller der jüngeren Generation. Hierzulande stieß der ausgebildete Ethnologe vor zwei Jahren mit seinem Romandebüt "Im Rausch der Stille" auf ein beachtliches Echo.
Wie schon in seinem Erstling mischt der 1965 in Barcelona geborene Autor wieder seine profunden ethnologischen Kenntnisse mit einer abenteuerlichen, ein wenig an Joseph Conrad erinnernden "Story". Allerdings hat sich Sánchez Piñol literarisch weiterentwickelt, denn in seinem neuen Werk präsentiert er uns ein äußerst reizvolles Spiel mit einer Doppelfiktion.

Der junge Ich-Erzähler Thomas Thomson schlägt sich im Jahr 1914 als Ghostwriter eines erfolgreichen Groschenroman-Produzenten mehr schlecht als recht durchs Leben, als er per Zufall einen lukrativen Auftrag erhält. "Ich möchte, dass sie für mich eine Geschichte schreiben, eine afrikanische Geschichte. Der Mann, der ihnen das Ganze erzählen wird, heißt Marcus Garvey und befindet sich im Gefängnis", erklärt ihm der Rechtsanwalt Norton, der die Verteidigung des mutmaßlichen Doppelmörders übernommen hat und der offenkundig den von Thomson als Ghostwriter verfassten Roman "Pandora im Kongo" gelesen hat.
Garvey wird beschuldigt, während einer Expedition in den Kongo die beiden Söhne des einflussreichen Herzogs von Craver ermordet zu haben. Der Protagonist lässt sich bei seinen diversen Gefängnisbesuchen die Lebensgeschichte des Häftlings erzählen.

So werden Garveys Gedächtnisprotokoll und die von Thomson vor seiner Niederschrift angestellten Reflexionen Gegenstand von Sánchez Piñols Roman, der dadurch nicht nur auf diversen Zeitebenen alterniert, sondern auch parallel mehrere Fiktions"bühnen" bemüht. Was ist wahr? Was ist von wem erfunden worden? Diese Kardinalfragen begleiten den Leser während der gesamten Lektüre. Aus der Perspektive des Häftlings Garvey nehmen wir an der zwei Jahre zurückliegenden Expedition in den Kongo teil, erleben das menschenverachtende Verhalten der Craver-Brüder gegenüber den Eingeborenen, begegnen einem mysteriösen, unterirdischen Volk und einem feenähnlichen, weißen Mädchen.

Albert Sánchez Piñol, der einst im Ostkongo über das Volk der Mbuti geforscht hat, beschreibt die Szenerie im Urwald in schillernden Farben, spart aber auch nicht die Qualen der Expeditionsteilnehmer aus: "Es war, als würde man heißes Gas einatmen." Eine gehörige Portion (fragwürdiger) Abenteuerlust, eine Prise mythischer Exotik und die literarisch-philosophisch untermalte Suche nach der Wahrheit sind die Grundbausteine dieses bis zur letzten Seite fesselnden Romans.

Am Ende hat Thomson sein Buch fertig gestellt und damit (zumindest unterschwellig) zu Garveys Freispruch beigetragen. Hat damit die Gerechtigkeit oder die wohlformulierte Fiktion vor Gericht gesiegt? Albert Sánchez Piñol entlässt seine Hauptfigur mit äußerst zwiespältigen Gefühlen aus der Handlung: "Gibt es etwas Einsameres als einen traurigen Mann in einer Menschenmenge, die einen Sieg feiert?"

 

Das Puppenkabinett des Senyor Bearn

In einer zurückliegenden Epoche ist auch Llorenc Villalongas Roman "Das Puppenkabinett des Senyor Bearn" angesiedelt, den der mallorquinische Arzt zunächst 1956 auf Spanisch veröffentlicht hatte und der fünf Jahre später – vom Autor überarbeitet – auf Katalanisch erschienen ist. Es geht darin um den schrittweisen Verfall der mallorquinischen Aristokratie am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Kaplan Mayol wendet sich hilfesuchend in einem Brief an den Erzbischof von Spanien und berichtet ihm vom mysteriösen Tod der Bearns in der Karnevalsnacht. Villalonga (1897–1980) zeichnet nicht nur ein eindrucksvolles Bild des urtümlichen Mallorca, sondern spinnt überdies ein feines erzählerisches Netz aus Intrigen, Erbstreitereien und unheilvollen Verflechtungen von Kirche und Aristokratie. Ein überaus lesenswertes historisches Panorama mit Thriller-Elementen.

Der englische Sommer

Spannend und gleichzeitig beklemmend geht es auch in dem Roman "Der englische Sommer" aus der Feder der in Barcelona lebenden Mallorquinerin Carme Riera (Jahrgang 1948) zu. Ihre Protagonistin Laura arbeitet als Immobilienmaklerin in Barcelona und will ihre Englischkenntnisse verbessern. Via Internet meldet sie sich zu einem Crashkurs auf einem Landsitz in England an. Doch mit der ersten Begegnung mit ihrer Lehrerin Annie beginnen gleich die Schwierigkeiten. Die beiden Frauen tragen einen unsichtbaren Machtkampf aus, der für Laura zum Albtraum wird. Das Sprachtraining rückt mehr und mehr in den Hintergrund, stattdessen begegnen wir den tiefen seelischen Problemen der Hauptfiguren. Ein hinreißend spannend erzählter Roman, der sich in einem Zug weglesen lässt.

Mord auf Katalanisch

Einen echten Kriminalroman mit reichlich Lokalkolorit aus Barcelona hat Teresa Solana (Jahrgang 1962) vorgelegt. In "Mord auf Katalanisch" wandelt sie auf den Spuren des 2003 verstorbenen Manuel Vázquez Montalbán, der der katalanischen Hauptstadt mit seinen grandiosen Pepe-Carvalho-Krimis ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt hat. So wie beim Gourmet Vázquez Montalbán spielen auch bei Teresa Solana die regionalen Leckereien eine wichtige Rolle. Das Mordopfer, die Frau eines bekannten Politikers, stirbt nämlich an vergifteten Maronen. Die beiden Detektive Pep und Eduard sind reichlich zwielichtige Gestalten, die nicht nur ihre wahre Identität als Zwillingsbrüder verschleiern. Lluis Font, ambitionierter Präsidentschaftskandidat, engagiert das Duo nicht nur, um den Tod seiner Gattin aufzuklären, sondern auch, um deren extravagante Lebensweise zu recherchieren. Pep und Eduard geraten dabei in einen tiefen Sumpf aus Intrigen und Korruption, allenthalben geht es um "Dinero B" (Schwarzgeld). Die Beschreibung der Verstrickungen der katalanischen "Upper Tens" in windige Geschäfte ist Teresa Solana mindestens ebenso wichtig wie die Aufklärung des Mordes an der Politikergattin Lidia. Eine spannende und bisweilen herzerfrischend komische Mischung aus Krimi und Soziostudie.

 

Doktor Pasavento

Enrique Vila-Matas (Jahrgang 1948) ist der große literarische Kosmopolit der katalanischen Literatur und überdies einer der eigenwilligsten Stilisten. Seine Romane lesen sich zumeist wie bunte Streifzüge durch die Weltliteratur. Auch im neuen Werk "Doktor Pasavento" wimmelt es von essayistischen Einschüben über Hölderlin, Kafka, Salinger, Thomas Pynchon und an vorderster Front Robert Walser. "Ich kenne keine größere Wahrheit als die, unsere eigene Identität zu ironisieren", bekannte der in Frankreich schon mit dem "Prix Medicis" für den besten ausländischen Roman ausgezeichnete Autor. Und so befindet sich sein Protagonist Pasavento auch auf der Flucht vor sich selbst. Zur Erschaffung einer neuen Identität bereist er diverse Schauplätze der Weltliteratur und verweilt schließlich am längsten in Herisau, wo Robert Walser in einer Heilanstalt seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Eine anstrengende, aber auch überaus anregende Odyssee, auf die Vila-Matas seine Leser schickt.

Erhöhte Temperatur

Jordi Punti (Jahrgang 1967) beschäftigt sich in den sechs Erzählungen des Bandes "Erhöhte Temperatur" hingegen mit vergleichsweise profanen Themen. Auf höchst ironische Weise setzt sich der auch als Übersetzer von Paul Auster in seiner Heimat bekannt gewordene Autor mit den unterschiedlichsten Varianten des Beziehungsstress' auseinander. Seine Figuren sind durchweg Verlierer am Roulettetisch der Liebe, haben auf die falsche "Farbe" gesetzt und stehen vor einem emotionalen Scherbenhaufen. "Der Anblick ist bitter und verbunden mit einem vagen Gefühl von Verlust, während sich nach und nach der ganze aufgestaute Kummer löst", heißt es durchaus charakteristisch für den gesamten Band am Ende der Erzählung "Wir sind nicht allein".

Im Garten der sieben Dämmerungen

Das umfangreichste Werk der zeitgenössischen Autoren hat der 1953 in Barcelona geborene Miquel de Palol vorgelegt. In seinem Roman "Im Garten der sieben Dämmerungen" tauchen hunderte von Figuren auf diversen Erzählebenen auf. Sie selbst sind wieder Gegenstand von Erzählungen, die eine Gruppe Überlebender eines Atomkriegs auf einem festungsartigen Landsitz in den Pyrenäen austauscht. Die Erinnerung an Krieg und Zerstörung wollen sie durch das Erzählen von Geschichten verdrängen. Dieses 1989 erstmals erschienene und mit vielen spanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Epos erinnert in seinem erzählerischen Facettenreichtum und in den philosophischen Passagen an die besten Werke von Umberto Eco.

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