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Michael Ondaatje: Dividasero

23.09.2007

Gewalt und Leiden(schaft) oder: Warum wir lesen
Michael O­ndaatjes lyrisches Kaleidoskop “Divisadero”

Der 1943 auf Ceylon geborene und seit 1962 in Kanada lebende Michael o­ndaatje ist durch die Verfilmung seines Romans “Der Englische Patient” weltberühmt geworden. Mit “Divisadero” legt er nun einen außergewöhnlichen Roman vor, der auf zwei Kontinenten und in verschiedenen Zeiten spielt. Von Wolfram Schütte

 

Michael o­ndaatjes neuer Roman “Divisadero”, der in der tadellosen Übersetzung von Melanie Walz auf deutsch vorliegt, gehört zu jenen raren Büchern, mit deren Lektüre man sowohl nicht aufhören möchte, als auch seine Leselust zügelt, um nicht so schnell zu ihrem Ende zu kommen. Und wenn man “Divisadero” zu Ende gelesen hat, möchte man doch gleich wieder mit seiner Lektüre anfangen, weil die Rätselhaftigkeit, die das Buch in einem hinterlassen hat, ebenso nachhaltig ist wie der Lese-Genuss, den es einem geschenkt hatte.

Das war schon bei den früheren Romanen des auf Sri Lanka 1943 geborenen, in Kanada lebenden Autors der Fall, seit er 1990 mit “In der Haut eines Löwen“ bei uns debütierte, mit seinem “Englischen Patienten“ (1993) & durch dessen Verfilmung Anthony Minghellas weltberühmt wurde, wenngleich sein darauf folgender Roman “Anils Geist” (2000), mit dem er sich seiner durch einen brutalen und undurchsichtigen Bürgerkrieg geschundenen Geburtsinsel vor dem indischen Subkontinent zuwandte, weniger freudig begrüßt & gelesen wurde. War der aktuelle Sri-Lanka-Roman unter forensischen Pathologen & Archäologen zu grauenhaft, zu befremdlich - oder das Buch zu rätsellos?

Jetzt also, sieben Jahre nach “Anils Geist“: “Divisadero”, genannt nach einer Straße in San Francisco, in der Anna, die Erzählerin, lebt. Das spanische Wort ist doppeldeutig (wie Vieles in dem Buch & o­ndaatjes Poetik), es kann sowohl “Teilung, Trennung” bedeuten, als auch “etwas aus der Ferne betrachten”, wie uns Anna mitteilt, und trifft auf sie wie auch auf den Roman in beider - & vielerlei Hinsicht zu.

Das Buch wechselt zwischen zwei Orts- & Zeitkomplexen: es spielt in Kalifornien & in der französischen Vorpyrenäen-Landschaft der Gascogne; in den USA der Siebziger Jahre des Vietnam-Kriegs und den Neunziger Jahren zwischen den beiden Golfkriegen; und im Frankreich der Gegenwart, die es über den 1. Weltkrieg bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurückbuchstabiert, um aus dieser doppelten Ferne die amerikanische Gegenwart zu betrachten. Denn es fordert die Leser auf, in der Lebens- & Liebesgeschichte des fiktiven französischen Lyrikers & Erzählers Lucien Segura, die Anna aus seinem Nachlass in der geografischen und zeitlichen Ferne erforscht und beschreibt, die existentiellen Spiegelungen ihrer eigenen Lebensgeschichte und die ihrer Adoptiv-Geschwister Claire und Cooper, auszuspähen und wiederzufinden. Und nicht nur darin, sondern auch im dritten Teil dieses Tripelromans, nämlich der abenteuerlichen Geschichte der Zigeuner Aria & Astolphe und ihres Sohns Rafael, der den alten Segura noch kannte und Annas Geliebter wird, als die amerikanische Literaturwissenschaftlerin in Dému, dem Haus des lange verstorbenen Schriftstellers, an ihren Recherchen arbeitet.

“Wir haben die Kunst”, zitiert Anna auf ihrem “Weg von einem gelebten Leben in ein vorgestelltes Leben” zu Beginn und am Ende des Buchs eine Bemerkung Friedrich Nietzsches, ”damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen”. Die nackte Wahrheit, aus der sie kommt, ist ein Gewaltexzess, in dem ihr kalifornisches Paradies einer ländlichen Patchwork-Familie explodiert ist. Anna, ihre gleichaltrige Adoptivschwester Claire und ihr vier Jahre älterer Adoptivbruder Cooper wurden dadurch irreparabel auseinander gesprengt. Ihr weitgehend sprachloser, in sich vergrabener Vater, der seine Frau durch Annas Geburt verloren hatte, hatte die zur gleichen Zeit geborene Claire, deren Mutter auch mit ihrer Geburt gestorben war, adoptiert - wie er einige Jahre zuvor Cooper an Vaterstatt angenommen hatte, weil der Junge als einziger das kriminelle Massaker an seinen Eltern durch Zufall überlebt hatte. Zwei Waisenkinder - und eine, die dazu wird.

Eine Waisenfamilie fliegt auseinander

Denn sechzehn Jahre später erlebt Anna mit Cooper, der oberhalb des im Tal liegenden Farmhauses eine Hütte bewohnt, ihre erste geheime Liebe - und als der Vater, um sie wegen eines angekündigten Eis- & Wirbelsturms zu warnen, die Liebenden als Nackte überrascht, schlägt er in mörderischem Zorn auf Cooper ein, den Anna nur dadurch rettet, dass sie dem Vater eine Glasscherbe in die Schulter rammt und er sich ihr zuwendet und die Schreiende ins Tal schleppt. Kurze Zeit darauf flieht sie auf Nimmerwiedersehen ihre verlorene Heimstatt - wie auch Cooper, ohne dass die beiden sich jemals wieder treffen werden: er wird ein heimatloser Profi-Poker-Spieler, der den Zufall “korrigiert”, sie eine amerikaflüchtige Literaturwissenschaftlerin, welche die Geschichte durchforstet - mobile Migranten, wie fast alle Figuren in o­ndaatjes fiktiver Welt.

Nur Claire, die den fast erfrorenen Cooper gefunden und gerettet hatte, bleibt in der Nähe ihres vereinsamten Adoptiv-Vaters, den sie an den Wochenenden auf seiner Farm besucht, während sie unter der Woche als Hilfskraft eines Armenanwalts in San Francisco nach der Wahrheit sucht. Durch Zufall trifft sie bei ihren Recherche-Reisen eines Tages, zu Beginn des 1. Golfkriegs, Cooper wieder - und kann ihn noch einmal vor dem Tode retten und das menschliche Wrack, dem eine Bande von Kriminellen der Spieler- & Drogen-Szene das Gedächtnis aus dem Leib geprügelt hatte, dem einsamen Vater auf der Ranch zuführen.

Anna aber, die sich schon auf der Farm lesend “ins Italien des >Leoparden<, ins Frankreich der Musketiere” versetzte, hat ihren Namen geändert, um vollständig mit ihrer Vergangenheit zu brechen, wenngleich sie immer wieder an ihre Schwester Claire und ihren ersten Geliebten Cooper denkt. Sie “exhumiert” als Archivarin und Historikerin “unbekannte Winkel der europäischen Kultur (...) Mein Gebiet ist der Bereich, wo Leben und Kunst sich im verborgenen begegnen”. So hat sie sich, auch von einem frühen Tondokument der Stimme Lucien Seguras affiziert, auf die Suche nach dem Leben & Werk des völlig vergessenen einstigen “Académie Francaise”-Mitglieds Lucien Seguras aus der Gascogne gemacht.

Die gemeinsame Liebe zur Literatur als Fluchtmöglichkeit

War der erste (“kalifornische”) Teil schon durchschossen von Splittern aus Claires, Coopers und Annas Lebensgeschichten nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, so wendet sich der zweite und dritte (“französische”) nun fast ausschließlich Lucien Seguras zu. Auch er ist ein Halbwaise, der seinen Erzeuger nicht kennt, seinen geliebten Stiefvater bald verliert und allein mit seiner Mutter auf dem abgelegenen Land aufwächst - in Sichtweite eines in die Nähe verschlagenen ebenso merkwürdigen wie armseligen Paars: der ihm gleichaltrigen Marie-Neige und ihres wesentlich älteren Mannes Roman, eines analphabetischen Dachdeckers.

Lucien und Marie-Neige verbindet die gemeinsame Liebe zur Literatur. Erst liest er ihr Romane Alexandre Dumas´ vor, dessen Musketier D´Artagnan aus der Gascogne stammt; dann übernimmt Marie-Neige die gemeinsamen Ausflüge der Phantasie, nachdem Lucien durch einen Glassplitter ein Auge verloren hat. Von Liebe zwischen den beiden jugendlichen Literaturliebhabern ist nicht die Rede; Lucien wird Dichter, berühmt, heiratet, hat zwei Töchter; Marie-Neige führt das kleine Gehöft, Roman arbeitet als Dachdecker in der Gegend, sie leben immer am Existenzminimum entlang, bis Roman, der aus blindwütiger Eifersucht einen Mann fast totgeschlagen hatte, ins Gefängnis kommt.

Wie Lucien und Marie-Neige einmal zueinander finden; wie Lucien als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg fast an Diphtherie gestorben wäre und wie er als Heimkehrer eine Marie-Neige pflegt, die nur noch in seiner Phantasie existiert; wie er, um nicht verbittert und vereinsamt an der Wahrheit seines Lebens zugrunde zu gehen, den literarischen Weg von seinem gelebten Leben in ein vorgestelltes Leben einschlägt und in einer Folge von “Trivial”-Romanen (im Stil Dumas´) das Missglückte seines Lebens ins Glücken umschreibt ; und dass er schließlich, wie der alte Tolstoi, Frau und Familie verlässt, sich auf die Wanderschaft begibt und in Begleitung von drei Zigeuner sein letztes Domizil in Démus aufschlägt und als die Zigeuner weitergezogen sind, in einem See ertrinkt: - das alles erzählt, imaginiert, phantasiert: ja wer?

Anna?

Oder doch der, der als diskreter Regisseur und brillanter Cutter diesen “Film” aus anekdotischen Fragmenten, pointierten Sequenzen, Groß- & Naheinstellungen, Standbildern & Panoramaschwenks in einem gleitenden Travelling quer durch viele Zeit- & Ortswechsel zur poetischen Gleichzeitigkeit eines Patchworkromans erzählerisch verbindet: Michael o­ndaatje?

Nur das Wiederlesen zählt, sagt Nabokov

Die fesselnde Eigenart und traumwandlerische Schönheit von “Divisadero” und seine geradezu süchtig machende Spannung sind schwer zu beschreiben und zu fassen, weil nicht zu trennen von der Form, die o­ndaatje - riskanter und luftiger als je zuvor - für ihn gewählt und seinem Erzählkorpus als dessen Haut angeschmiegt hat. “Schon immer bin ich gerne nachts (im Auto) gefahren, in Begleitung eines Freundes, so dass wir beide das altbekannte Verhalten des anderen debattieren und erleben konnten”, überlegt Anne, nächtlich auf dem Weg nach Dému im Auto mit einer Freundin. “Diese Vorliebe, Ereignisse unserer Vergangenheit aufzusuchen, ist wie eine Villanelle, deren Form sich nicht linear vorwärts bewegt, sondern vertraute emotionale Stellen umkreist. Nur das Wiederlesen zähle, hat Nabokov gesagt. (...) Denn wir leben mit dem, was wir aus der Kindheit wieder zusammenfügen und was unser Leben lang miteinander verschmilzt und widerhall t, wie die Glasstückchen in einem Kaleidoskop immer neue Formen bilden, deren Refrains und Rhythmen musikalisch sind, sich zu einem Monolog fügen. Wir erleben unablässig unsere Geschichte wieder, einerlei, welche Geschichte wir erzählen”. Hier wird, wie an anderen Stellen auch, momentweise das musikalisch inspirierte erzählerische Phantasieren von o­ndaatjes kaleidoskopischer Vergegenwärtigungskunst ausgeplaudert. Man bemerkt es vielleicht nicht, wenn man sich als naiver Leser durch das ungewöhnliche Buch schmökert, das einen durch eine Fülle von Personen und Geschichten gefangen nimmt. o­ndaatjes Prosa hat einen eigenen Charme und große sinnliche Beschwörungskraft und die gleiche Zärtlichkeit und menschliche Wärme, wie die seines engsten Freundes John Berger, dem “Divisadero“ gewidmet ist.

Aber erst beim Wiederlesen wird man gewahr, wie das Weberschiffchen von o­ndaatjes Poetik der emotionalen Assoziation den gesamten Text mit einem dicht gewirkten Muster von thematischen, motivischen & pointillistischen Wiederholungen, Entsprechungen, Umkehrungen und Echos zu einem dichten, geradezu leuchtenden Erzählteppich und Mythos verwebt. Sie reichen von Farben, Landschaften, Dingen, den Elementen von WasserFeuerErdeWind, Tieren und Namen bis zu existenziellen Gegebenheiten, Situationen und Konfliktfeldern: Kindheit und Erwachsenwerden, Familie und Individualität, Mann und Frau, Väter und Kinder, Literatur und Leben, Zufall und Notwendigkeit, Liebe und Hass, Sesshaftigkeit und Unbehaustheit, Eigentum und Diebstahl, Gewalt & Leiden(schaft), Vertreibung aus dem Paradies und Suche nach einer prekären Identität.

Dieser Roman ist eine lyrische Epopoe über die Einsamkeit, Verletzlichkeit, Unstetheit des menschlichen Lebens - ein großes, weit ausgreifendes Gedicht in einer Prosa, deren romantische Sehnsucht auf die Heilung aller Wunden zielt, welche nach der gewaltsamen Vertreibung aus dem unschuldigen Paradies der Kindheit die Schuldhaftigkeit allen erwachsenen Lebens einem geschlagen hatte. Oder mit den letzten Gedanken Lucien Seguros gesprochen, der sich an seinem Lebensende die Wiederkehr des verschwundenen Vaters erhofft: “Oh, dieses alte Bedürfnis nach einem Wiegenlied und nicht nach einem Sturm”.

So formuliert der zitierte Nietzsche-Aphorismus auch die ethische Rechtfertigung von Michael o­ndaatjes Ästhetik der poetischen Rettung im Mythos der Ewigen Wiederkehr: wir haben die literarische Erzählung, damit sie uns tröstet über das Puzzle des unheimlichen Lebens. Deshalb: lesen wir.

P.S. An einer unauffälligen Stelle von “Divisadero”, so ganz und gar nebenbei, dass es mancher überliest, der doch die Vielzahl von literarischen Allusionen des Buchs bemerkt hat, wird ein Junge “Finnegan” gerufen. Es ist ein winziger ironischer, ja ein verschmitzter Wink des übermütigen kanadischen Autors mit einem der größten Totempfähle der modernen Literatur. Natürlich soll damit nicht gesagt werden, dass “Divisadero” an die Seite des solitären Alterswerks von James Joyce gestellt werden könnte. Aber was das Sprachengenie des Iren mit dem “vielfachen Schriftsinn” (Klaus Reichert) seiner eigenwilligen Prosa intendierte, berührt auch die zeichenhafte literarische Poesie o­ndaatjes, die beim Wiederlesen dazu einlädt und verführt, immer andere, neue Aspekte in ihren vieldeutigen Sequenzen & Montagen zu entdecken.
Was für ein Vergnügen: für Leser!

Wolfram Schütte


Michael o­ndaatje: Dividasero: Übersetzt von Melanie Walz. Hanser Verlag August 2007. Gebunden. 280 Seiten.21,50 Euro.

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