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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 03:31

     

    Ford Maddox Ford: Zapfenstreich

    17.09.2007


    "Die Leute dürften nicht so schrecklich viel reden“.

    Ford Madox Fords misslungener Abschluss seines großen Romanzyklus Ende der Parade.

     

    Ford Madox Ford kann hierzulande fast als eine Neuentdeckung gelten. Der britische Autor, der allein 30 Romane schrieb, mit Joseph Conrad zusammenarbeitete und mit vielen der herausragendsten Schriftsteller seiner Zeit befreundet war, wurde im deutschsprachigen Raum bis vor kurzem entweder kaum oder gar nicht rezipiert. Dies änderte sich ein wenig, als vor wenigen Jahren Die allertraurigste Geschichte, Fords wahrscheinlich bester Roman, der 1915 unter dem Verlagstitel The Good Soldier erstmals erschienen war, von Hans Magnus Enzensberger in seine aufgenommen wurde. Kurz darauf nahm sich nämlich der Eichborn Verlag der verdienstvollen Aufgabe an, das nach The Saddest Story wichtigste Werk Fords, die große Romantetralogie Ende der Parade ins Deutsche zu übertragen.

    Mit Zapfenstreich liegt nun also fast 80 Jahre nach dem Abschluss von Parade’s End eine vollständige Übersetzung des Werkes vor. Allerdings stellt The Last Post (so der Titel der englischen Originalausgabe von 1928) nicht nur den letzten, sondern eindeutig auch den schwächsten Teil von Fords vierbändigem Zyklus dar. Dieser Meinung war zumindest Graham Greene, der Ende der Parade 1963 für die Ford-Ausgabe bei Bodley Head herausgab. Er nahm Zapfenstreich nicht in seine Edition auf und verkürzte so das Romanquartett zur Trilogie. Dabei konnte er sich freilich auf den Autor selbst berufen: Ford Madox Ford distanzierte sich schon kurze Zeit nach der Fertigstellung von seinem Werk und verwahrte sich vehement gegen den Vorschlag, einen Omnibus mit allen vier Romanen herauszubringen. So schrieb er in einem Brief von 1930: „Ich wünsche mir sehr, dass Zapfenstreich für eine derartige Ausgabe nicht berücksichtigt wird. Ich mag das Buch nicht, habe es nie gemocht und hatte immer vor, den Zyklus mit Der Mann, der aufrecht blieb enden zu lassen“ (dass übrigens der Übersetzer in seinem Nachwort diese Äußerung Fords unterschlägt oder zumindest unwissentlich übergeht und Greenes wohlbegründete Entscheidung ungeprüft einen Verrat am Autor nennt, ist bei aller Pflicht zum Selbstmarketing doch ein wenig unredlich).

    Graham Greene pflichtete dieser Einschätzung Fords postum bei. Er nannte Zapfenstreich im Vorwort zu seiner Edition eine ästhetische Katastrophe und hat damit leider nur allzu Recht. Denn der Roman wirkt arg geschwätzig, verliert sich bisweilen ins Belanglose und schreckt stellenweise auch vor so manchem Klischee nicht zurück.

    Gewiss: Ford handhabt die erzählerischen Mittel der klassischen Moderne auch in Zapfenstreich virtuos: die ständig wechselnden Perspektiven, die Leitmotivtechnik, den Bewusstseinsstrom, die kunstvollen Zeitsprünge. Als misslungen muss aber bereits der Versuch Fords gewertet werden, die erlebte Rede seiner Figuren mit einer ganzen Wagenladung von Bildungszitaten anzureichern und dadurch das Romangeschehen mythisch zu überhöhen. Denn allzu oft erfüllen diese breit gestreuten Anspielungen und Bezüge – mögen sie nun der griechischen Sagenwelt, der Geschichte des revolutionären Frankreich oder den Kunstwerken der italienischen Renaissance gelten – keine Funktion im Text. Sie wirken aufgesetzt, wie Selbstzweck. Während es Joyce ins seinem Ulysses durch die universale Referenz auf Homers Odyssee und den Rest der abendländischen Kunst gelingt, den Alltag zu mythisieren und den Mythos alltäglich zu machen, bleiben Fords Allusionen bloße Lesefrüchte – staubiges Zierobst, das im Roman seitenweise herumsteht und von nichts weiter kündet als der immensen, zugegebenermaßen ehrfurchtgebietenden Gelehrsamkeit des Autors.

    In Ende der Parade gestaltet Ford anhand des wechselvollen Lebenslaufes seines Gentleman-Helden Christopher Tietjen, des „letzten Tory“, den unaufhaltsamen Verfall der edwardianischen upper class in den Zeiten des ersten Weltkrieges. Im letzten Teil der Tetralogie, die, respektiert man den Willen des Autors, eigentlich gar keine ist, rückt nun das Schicksal von Mark Tietjen, Christophers Bruder, in den Fokus des Geschehens. Vom Schlag getroffen, als er am Tag des Waffenstillstandes von 1918 erfuhr, dass die Alliierten darauf verzichteten, in Deutschland einzumarschieren, um den Feind endgültig zu besiegen, sehen wir Mark Tietjen auf einer überdachten Krankenliege auf Groby Hall, dem Gutshaus der Familie liegen. Fast vollständig gelähmt, bewegungslos und seines Sprachvermögens beraubt, kann er mit der Außenwelt nur über das Bewegen seiner Augenlieder kommunizieren und bleibt während des gesamten Romans passiver Beobachter des turbulenten Geschehens um ihn herum.

    Eine grandiose Ausgangssituation, die für manche großartige Passage im Text sorgt. Doch aufs Ganze gesehen weisen die von leiser Melancholie, Weltekel und stoischer Resignation durchzogenen Reflexionen Marks einen leicht sentimentalen haut goût auf. Fords Abgesang auf die alte Welt des vorindustriellen englischen Landadels kippt in Zapfenstreich mitunter ins verklärend Nostalgische, dem an wenigen Stellen gar eine trivial-kitschige Patina anhaftet. Auch die bukolische, südenglische Idylle, in die sich Christopher mit seiner schwangeren Geliebten nach dem Krieg zurückgezogen hat, um einer „abstoßend unzulänglichen und sündigen Welt zu entfliehen“, einer Welt, die von ihm zunehmend als zusammenhanglos und unzulänglich empfunden wird, enthält manch falsche Note – denn sprichwörtlich jeder Konflikt der vorangegangenen, an Schicksalsschlägen reichen Romane wird in Zapfenstreich aufgelöst, der so in einen unglaubwürdigen Kontrast zu seinen drei Vorgängern gerät und die gesamte „Tetralogie“ damit auf den Kopf stellt.

    Wer den Romancier Ford Madox Ford in seiner ganzen handwerklichen Brillanz kennen lernen möchte, der lese seine Allertraurigste Geschichte, den „schönsten französischen Roman in englischer Sprache“, wie John Rodker, ein Freund des Autors, das Buch einmal nannte. Ohne Zweifel stellt dieses Werk ein labyrinthisches, abgründiges Meisterwerk der tragikomischen Ironie dar, das in seiner formalen Strenge kein Wort zuviel und keinen Satz zuwenig enthält. Angesichts der detailverliebten, redundanten Bewusstseinsströme der Figuren aus Zapfenstreich aber kommt einem nach der Lektüre unweigerlich ein Verdikt Mark Tietjens’ aus dem Roman selbst in den Sinn: „Die Leute dürften nicht so schrecklich viel reden. Es war ermüdend; man schaltete einfach ab.“

    Rainer Barbey


    Ford Maddox Ford: Zapfenstreich. Übersetzt von Joachim Utz. Eichborn Verlag. Gebunden. 276 Seiten. 22.95 Euro.

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