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Donnerstag, 30. März 2017 | 16:39

 

Simon Borowiak: Wer Wem Wen. Eine Sommerbeichte

17.09.2007


Kurioses Kammerspiel

Simon Borowiak erzählt in seiner Sommerbeichte Wer Wem Wen von einer Skihütte, einer Dorfdisko, fünf unreifen Erwachsenen und einem Paartherapeuten.

 

Es ist heiß, während der Ich-Erzähler beichtet, "ein besonders heftiger Stadtsommer". Glücklicherweise jedoch spielt sich der Inhalt der Beichte im Winter ab – sonst wäre das kleine Büchlein Wer Wem Wen von Simon Borowiak zur falschen Jahreszeit erschienen. So aber ist es jetzt, im Herbst, bestens dazu geeignet, sich beim Lesen auf einen kalten, mörderischen Winter mit Schneemassen, Skifahrten und geheimnisvollen Momenten einzustellen.

Das Ich in Wer Wem Wen fährt gemeinsam mit seinem besten Freund Cromwell, dessen Freundin Alexandra, deren Cousine Susanne und deren Mann Wido, einem Paartherapeuten, in eine Skihütte. Ungefähr in der Mitte des Buches stößt Heike dazu, die sich gerade von Widos bestem Freund Gregor getrennt hat. Genauso lange wie man braucht, um sich in diesem Wirrwarr aus Namen und Beziehungen zu orientieren, genauso lange braucht Borowiak, um seine Geschichte in Fahrt zu bringen. Das ist aber auch schon der einzige Vorwurf, dem man Borowiaks "Sommerbeichte" – so der Untertitel – machen kann.

Während Borowiak die erste Hälfte des Buches dazu nutzt, seine sechs Protagonisten vorzustellen – der Ich-Erzähler etwa ist ein "autistischer Single" und der Meinung, dass die Berge "die Fortsetzung der Geschlossenen mit geologischen Mitteln" seien –, entfaltet er in der zweiten Hälfte dramaturgisch und psychologisch perfekt ein bitterböses, kammerspielartiges Szenario aus albernen Streitereien und kindischen Eifersüchteleien mit schließlich tödlichem Ausgang. Spätestens als sich herausstellt, dass die Freundschaft zwischen Cromwell und dem Ich-Erzähler in der Psychiatrie begonnen hat, ist klar, dass es Probleme geben wird.

Trotz Anwesenheit eines Paartherapeuten zerstreiten sich die beiden Pärchen: Susanne verbrüdert sich mit Cromwell, Wido verschanzt sich hinter seiner Arbeit, Alexandra schnappt sich zum Ausgleich einen Jugendlichen in der Dorfdisko. Nur der Ich-Erzähler und die frisch getrennte Heike sind von den Problemen nicht betroffen, und aus Bosheit und Hilflosigkeit forcieren sie sie sogar. Borowiak schildert sein Kammerspiel aus der Perspektive des "autistischen Singles", dem gelegentlich "ganz warm vor Voyeurismus" wird oder der sich fragt: "Renkte man eine drastische Überreaktion wieder ein durch drastisches Überbrezeln?" Diese distanzierte Perspektive erlaubt es Borowiak, alle Entwicklungen mindestens zu ironisieren, meist aber bis in den bitter-witzigsten Sarkasmus zu treiben.

Doch all die schnoddrigen Kommentare des Ich-Erzählers überdecken nicht, wer der eigentlich Leidende in diesem Urlaub ist. Denn immerhin hat auch der psychiatriegeschädigte Ich-Erzähler eine Ahnung vom Glück: "Das ist Glück: Mit dem Menschen, den du liebst, in der Freiheit herumzusitzen; den gestirnten Abzug ins Nichts über dir, die moralische Verkommenheit in dir, und dann auf eigene Kosten lachen. Und natürlich auf Kosten anderer." Im Winterurlaub aber hat ihn das nicht besonders glücklich gemacht.

Katharina Bendixen


Simon Borowiak: Wer Wem Wen. Eine Sommerbeichte. Eichborn, 2007.Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag. 184 Seiten. 14,95 Euro.

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