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Juliane Beer: Eines Nachts habe ich einen Ausflug gemacht

10.09.2007

Arbeit macht das Leben süß

Ein glücklicheres Leben ohne Arbeit? Eines Nachts habe ich einen Ausflug gemacht, Juliane Beers zweiter im Verlag zeter&mordio erschienener Roman, nimmt sich dieser Fragestellung an. Von STEFAN HEUER

 

Arbeiten um zu leben – nicht leben, um zu arbeiten! Ein geflügeltes Wort, kursierend und besonders häufig von Personen in den Raum geworfen, die sich aufgrund der nahenden Rente oder des mit großen Schritten herantrabenden Vorruhestandes selbst zu versichern versuchen, dass sie nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben nicht in ein tiefes Loch der Untätigkeit fallen werden. Was wollte man nicht immer machen – einen Verlag für peruanische Lyrik gründen, den Bootsführerschein machen und den Rhein bereisen, einen Spanischkurs an der Volkshochschule... Ein Leben ohne Arbeit! Ein großer Schritt für die Menschheit, ein noch größerer für jeden einzelnen – die Macht der Gewohnheit stärker als stark.

Ein glücklicheres Leben ohne Arbeit? Juliane Beers zweiter Roman nimmt sich dieser Fragestellung an. Hauptprotagonist und gleichzeitiger Ich-Erzähler ist der deutschstämmige Russe Alexeij Kusnezow, wohnhaft seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland, in Berlin – „Im Haus wohnen ausschließlich Deutsche. Der Verwaltung ist es nicht möglich, an Schwarze, Osteuropäer oder Moslems zu vermieten – die Wohnungen seien dafür nicht konstruiert. Der übrige Bezirk wurde zur viertgrößten türkischen Stadt erklärt.“

Gleich zum Einstieg erklärt Kusnezow, dass er seit einiger Zeit Millionär sei und nicht mehr arbeiten müsse, so dass sich das Buch als zeitlicher Rückgriff auf die Zeit erweist, als er finanziell noch nicht so gut gebettet war. Gute fünf Monate zuvor: Kusnezow, gelernter Maler und Lackierer, ist ohne Job und auf dem Sprung zum Langzeitarbeitslosen. Um der Nachbarschaft keine Zutat für die allgemeine Klatsch-und-Tratsch-Gerüchteküche zu liefern, spielt er den berufstätigen Mitbewohner, verlässt pünktlich das Haus und kehrt nachmittags mit verkrustetem Overall zurück – bis er "enttarnt" wird und von diesem Vorgehen ablässt.

 

George Orwell in Berlin, ein modernes 1984, nur dass es die Sozialhilfe- und Hartz-IV-Empfänger und die psychisch Kranken sind, die sich gegenseitig überwachen, kontrollieren, mit Blicken voller Ungunst und Skepsis bedenken. Sein Wohnhaus, eine Zusammenrottung seltsamer Gestalten, an denen der alte Zille bei seinen Milljöh-Studien seine helle Freude gehabt hätte: Da ist ein dicker Junge, der gegenüber seinen Eltern, die ihn monatlich besuchen kommen, vorgibt, der verantwortliche Hausmeister zu sein. Da ist Wessel, der ständig auffallend neutral verpackte Sendungen erhält und den Tag damit verbringt, für Expressboten die kürzesten Wege zu ermitteln. Da ist Frau Kr., ein "reiferes Mädchen", das sich auf Kunden mit besonderen Vorlieben spezialisiert zu haben scheint und ihn als Folgeerscheinung der Anschläge vom 11. September bittet, in der Apotheke einen gewaltigen Hamsterkauf an Vitaminbonbons zu tätigen.


Mit ihnen und (wenn möglich) an ihnen vorbei verbringt Kusnezow seine Tage als Sisyphos des 21. Jahrhunderts, zufrieden mit der Erledigung sogenannter Unarbeiten. Obwohl nicht wirklich arbeitsscheu, hat er doch Angst davor, mit einer festen Arbeit ein Ziel zu erreichen, welches ihn in die Sackgasse des Alltags führen könnte. Nebenbei müht er sich, die eigenen und fremden Dämonen mittels Malerei in Schach zu halten. Er möchte nicht ankommen, sein Weg ist sein Ziel – eben der Grund, warum er sämtliche Bilder, die er in seiner Wohnung malt, nach Vollendung seinem Mülleimer überantwortet. Dass er sich trotzdem von Zeit zu Zeit den Anstrengungen von Vorstellungsgesprächen und einigen Praktika aussetzt, verdankt er alleine seiner Betreuerin beim Arbeitsamt.


Dermaßen geprickt laviert er sich durch den Alltag, flankiert von einer Liebschaft, die (natürlich) endet, bevor sie beginnt. Das letzte Kapitel lüftet schließlich den Schleier und verkündet, wie Alexeij Kusnezow recht überraschend zum wohlhabenden Mann wird.

Parallel zur ärmlichen Vergangenheit wird auch das finanziell gesicherte Leben des Jetzt erzählt - und hier setzt nun auch die Fragestellung ein, wie bedeutsam der monetäre Aspekt in die Existenz zu dringen vermag, wie sehr er einen Menschen verändert (und vor allem: in welche Richtung!?). Kusnezow jedenfalls ist ein anderer geworden. Seit er zu Geld gekommen ist, lebt er ohne besondere Verpflichtungen in den Tag hinein. Ehemalige "Freunde" kennen ihn nicht mehr, wollen ihn auch nicht mehr kennen. Mit seiner Mittellosigkeit hat er auch das verloren, was sein bisheriges Leben geprägt und ausgemacht hat. Der Malerei ist er treu geblieben – wenn er auch ins künstlerische Fach gewechselt ist. Chronisch schlaflos, reduziert sich sein Leben auf das Leben der anderen. Nicht mal der Feierabend-Joint mag ohne Feierabend noch schmecken, so dass sich der Staub der Zeit auch auf dieses Ritual legt – ebenso wie auf seinen Arbeits-Overall, den er an den buchstäblichen Nagel gehängt hat. Der Reichtum als Sackgasse, aus der er eine Zeit zurücksehnt, als noch "alles drin" war, noch viele Wege zu gehen und alle Türen offen ...


Eines Nachts habe ich einen Ausflug gemacht - dieser Roman dient als klares Bekenntnis zur Nachdenklichkeit und enttarnt die Perversionen des Zwischenmenschlichen, die unausgesprochenen und die (leider viel zu oft) ausgesprochenen Grundzüge des menschlichen Verhaltens. Eine philosophische Grundsatzdebatte, die problemlos auch als unterhaltsamer Essay hätte geschrieben werden können. Aber hallo, was wäre da an Wortwitz verloren gegangen, an Situationskomik und astreinen Dialogen.

 

 

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