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Samstag, 19. April 2014 | 01:30

 

B. S. Johnson: Albert Angelo

20.02.2004

 
Ein leerer Lehrer

Die kurze Geschichte eines Aushilfslehrers, der Architekt werden möchte, es aus unbekannten Gründen aber nie versucht – B. S. Johnsons zweiter nun auf Deutsch vorliegender Roman Albert Angelo bleibt den Depressionen der lower middle class treu.


 

Die kurze Geschichte eines Aushilfslehrers, der Architekt werden möchte, es aus unbekannten Gründen aber nie versucht – B. S. Johnsons zweiter nun auf Deutsch vorliegender Roman Albert Angelo bleibt den Depressionen der lower middle class treu.

Dies war 1964, dem Erscheinungsjahr des Originals, zunächst alles andere als ungewöhnlich. Sozialer Realismus hieß das literarische Gebot der Stunde; mit John Osbornes Look Back in Anger hatte ein paar Jahre zuvor der zentrale Mittelklassetext der englischen Nachkriegsliteratur seinen Skandalerfolg gefeiert.

Was Johnson dagegen dem damaligen Zeitgeist unmöglich machte, war sein ganz und gar nicht angesagter Formalismus. Man hatte sich verabschiedet von den vermeintlich bildungshubernden Experimenten der Avantgarde; sich seine Vorbilder in den Reihen Joyces und Eliots zu suchen, war schon in materieller Hinsicht denkbar ungeschickt.

Johnson hat es trotzdem getan – und die Literaturgeschichten vergelten es ihm mit Ignoranz. Wenn er überhaupt Erwähnung findet, dann in Fußnoten zu anderen Autoren. Dabei sind seine Anleihen beim Modernismus weder epigonal noch mit den kryptischen Verwerfungen klassisch avantgardistischer Texte zu vergleichen. Johnsons Prosa, so selbstreflexiv sie auch ist, bleibt an jeder Stelle zugänglich. Und darüber hinaus vor allem: sehr, sehr komisch.

In immer wieder neuen Formen wird uns das triste Leben von Albert „Angelo“ Albert vorgeführt. Vom Kapitel „Prolog“ bis zur „Koda“ – Überschriften, die dem Roman explizit einen rein formalen Rahmen geben – lesen wir in so unterschiedlichen Texten wie fehlerhaften Schüleraufsätzen, dramatischen Dialogen, architekturtheoretischen Artikeln, einem inneren Monolog, der zur tatsächlich geäußerten wörtlichen Rede typographisch parallel gesetzt ist, etc., außerdem – grandios! – in einem so genannten „Zukunftsloch“, das mithilfe mehrerer durchstanzter Seiten auf ein späteres Ereignis durchblicken lässt und sich somit sogar über die materielle, d. h. durch das Papier vorgegebene, Linearität der Erzählung hinwegsetzt.
Alberts Geschichte selbst ist vom zeittypischen Existenzialismus geprägt. Zu Beginn wird Beckett zitiert, der Übervater aller Angestellten, und entsprechend sinnentleert dreht sich die Welt dann weiter. Die Schule erscheint als der geist- und trostlose Ort, für den wir sie heute noch halten, die Ersatzreligion Architektur erleichtert nichts, zwischenmenschliche Beziehungen bedeuten: „reden, reden, reden, reden, reden. Als ob sich dadurch irgendetwas ändern ließe.“

Einzig Alberts Erinnerung an seine Liebe zu Jenny, die ihn „wegen eines Krüppels“ verlassen hat, bringt Schlaglichter der Hoffnung in das öde Land um den Londoner Percy Circus. An einem mythischen Gegenpol in Irland, einem Ort, dem sie den Namen „Balgy“ gegeben haben – auch das ohne wirklichen Grund –, waren Jenny und Albert sich nahe. Vielleicht ist Nähe der einzige Sinn, den es gibt.

So amüsant B. S. Johnsons Formenspiel auch sein mag, die Verzweiflung ist daraus noch nicht gewichen. Bei aller Komik lässt einen Albert Angelo verloren zurück. Hierin unterscheidet Johnson sich von der fröhlichen Patchwork-Ästhetik seiner postmodernen Nachfolger, denen er mitunter sogar zugerechnet wird: Er spielte, so scheint es, weil ihm nichts anderes übrig blieb.


Mathias Tretter



B. S. Johnson: Albert Angelo. Roman. Aus dem Englischen von Regina Rawlinson. Argon 2003. Gebunden. 232 Seiten. 18 Euro. ISBN 3-87024-562-X

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