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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 11:02

     

    Roberto Bolano: Chilenisches Nachtstück

    15.07.2007

    Literarische Soiree überm Folterkeller
    Roberto Bolanos abgründiger Roman Chilenisches Nachtstück


    Unter den jüngeren lateinamerikanischen Autoren war der 2003 mit nur 50 Jahren gestorbene Roberto Bolano wohl das einzige Genie. Sein Roman
    Chilenisches Nachtstück ist eine phantastische Erzählung und eine Meditation über die (Chilenische) Literatur. Von Wolfram Schütte.

     

    Der 2003 in Barcelona im Alter von nur 50 Jahren gestorbene chilenische Autor Roberto Bolano war wahrscheinlich der einzige unter den jüngeren Autoren Lateinamerikas, der den Großen Alten zwischen Borges & Garcia Marquez, Cortázar & Vargas Llosa literarisch das (Feuer-) Wasser hätte reichen können. Das haben auch deutsche Kritiker bemerkt, die seinen monumentalen Roman Die wilden Detektive, der kurz vor Bolanos Tod 2002 in der brillanten Übersetzung Heinrich von Berenbergs bei C. Hanser erschienen ist, ein „grandioses und beunruhigendes Leseabenteuer“ genannt hatten, das „mit Fug und Recht den Meisterwerken des Magischen Realismus zur Seite“ gestellt werden könnte.
    Aber das deutsche Lesepublikum, von der Kritik lautstark auf deutsche Nachwuchsautoren hingewiesen, obwohl ein Rezensent zurecht bemerkte, dass es „noch immer keinen Roman wie Bolanos >Wilde Detektive< in der deutschsprachigen Literatur“ gebe, hat den außerordentlichen Rang des 1973 nach dem Militärputsch aus Chile geflohenen, zuerst nach Mexiko und seit 1976 nach Spanien emigrierten Schriftstellers noch nicht erkannt.

    Jetzt hat der Hanser-Verlag Bolanos 2000 erschienenes Chilenisches Nachtstück, wieder in Berenbergs Übersetzung, publiziert – einen vergleichsweise schmalen Roman, mit dem der Schriftsteller seiner Heimat(-Literatur) ein brillant vergiftetes Memorial gewidmet hat, von dem Susan Sontag – eine verlässliche Pfadfinderin zu literarischen Qualitäten – bemerkte, der abgründige Roman gehöre „zu den ganz seltenen zeitgenössischen Büchern, die dazu bestimmt sind, einen festen Platz innerhalb der Weltliteratur einzunehmen“.
    Wie manche seiner älteren lateinamerikanischen Vorgänger, besonders aber wie der argentinische Homme-de-lettres Jorge Luis Borges, war Roberto Bolano ein „Bücherfresser“ – ein bewundernswerter Kenner der Welt der Literatur (und der Literaten!). Das war sein lebenslang immens angefuttertes Kapital, mit dem er als Autor wucherte. Auf den Schultern von Riesen stehend, wurde der nachgewachsene Zwerg selber zu einem literarischen Riesen, der das weit ausgebreitete historische Feld der Literatur überblickte und beackerte.
         
    Wer so viel weiß & kennt wie Bolano, ohne doch damit einschüchternd aufzutrumpfen, kann davon als Erzähler aber nicht mehr absehen, was ihn zu einem notwendigerweise von Grund auf ironischen, nicht selten parodistischen, satirischen Schriftsteller machte, der sowohl über eine breite Palette humoristischer Schreibweisen verfügte, als auch über eine ebenso blühende wie sarkastische Phantasie, die seine Bücher zu in der Tat „beunruhigenden Leseabenteuern“ werden ließ, wie man so schnell keine zweiten findet, weil er zudem auch noch ein eminenter literarischer Artist war.

    Ein Priester, Lyriker und Literaturkritiker als Erzähler

    „Beunruhigend“ ist Bolanos Literatur für einen europäischen Leser auch, weil man nicht den vollen Resonanzboden kennt, auf den er sich bezieht, und weil er seine Prosa bewusst vieldeutig codiert hat, sodass sie einem nicht selten bodenlos erscheint. Erst recht, wie in den Wilden Detektiven und dem Chilenischen Nachtstück, wo er sein bevorzugt selbstreferentielles Spiel mit der Literatur und den Literaten betreibt.

    Denn Glanz & Elend, politische Ignoranz, opportunistische Ruhmsucht und persönliche Eitelkeit der Schriftsteller hat er – ein ebenso glühender Liebhaber der Literatur wie ein clownesker Verächter des egomanischen Literatentums in Gesellschaften mit einer schmalen & dünnen Schicht bürgerlicher Intellektueller – zum Sujet des Chilenischen Nachstücks gemacht, das er aus Fakten & Fiktionen zu seinem literarischen Notturno engführt: zur Beichte, zur Rechtfertigung & zum Selbstgespräch eines Sterbenden.

    Es ist der lebenslange chilenische Literaturkritiker, Priester und Lyriker Sebastián Urrutia Lacroix, dessen Name so vieldeutig ist wie seine dreifache Existenz. In dieser Figur, die den jungen Pablo Neruda kannte und als Opus-Dei-Mitglied Pinochet und seinen Putschisten nächtlich Privatvorlesungen über den historischen & dialektischen Materialismus gab, hat Bolano die Geschichte der chilenischen Literatur im 20.Jahrhundert inkarniert, unterm Schatten von Dekadenz, Klerikalismus und Chauvinismus.

    „Là-bas“ (wie der Huysmanssche Dekadenzroman) hieß das Landgut seines schwulen literarischen Förderers Farewell, wo der junge Priester, Lyriker und Literaturkritiker Urrutia Lacroix in einer Mondnacht zum erstenmal Pablo Neruda begegnete. Als Etablierten hat das chilenische Episkopat den Priester später auf eine Europareise geschickt, um zu erkunden, wie dort die Kirchen vorm ätzenden Verfall durch die Taubenplage bewahrt werden. Indem die Priester Falken zur Taubenjagd abrichten, kann er nachhause berichten – eine prekäre Methode, weil die Taube ja Symbol des Heiligen Geistes ist, ganz zu schweigen von Picassos (kommunistischer) „Friedenstaube“.

    Möglicherweise war diese absurde Europareise, von der er als Opus-Dei-Mitglied zurückkehrt (weil man den Lyriker in Spanien gedruckt hat), aber nur eine Camouflage für andere Aktivitäten, von denen er keine Ahnung hatte, wenngleich die beiden zwielichtigen chilenischen Import-Exportgeschäftsleute Oido & Odeim (!), die ihm seine europäische Reise ebenso organisierten wie ihn später der Putschisten-Junta als Sachverständigen für Marxismus zuführten, ihm selbst unheimlich waren.

    Immer dabei und nie etwas begriffen


    Aber immer war Sebastián Urrutia Lacroix im Laufe seines langen Lebens bei allen Wendungen der chilenischen (Literatur-) Geschichte „dabei“; jedoch in seiner weltfremden, patriotischen Feingeisterei und literarischen „Fachidiotie“ hat er nie etwas begriffen oder verstanden von dem, was jenseits der Literatur in Politik und Gesellschaft vorging. So gehörte der Asket auch während der Pinochet-Diktatur zu den Intellektuellen Santiagos, die sich zu den nächtlichen Soireen der unbegabten Schriftstellerin Maria Canales in deren feudaler Vorstadt-Villa einfanden. Die meisten, die dort feinlippig über Kunst parlierten, ließen sich reichlich mit Whisky vollaufen, bis sie am Morgen nach der Ausgangssperre das gastliche Haus torkelnd verlassen konnten, in dessen Keller der amerikanische Ehemann der Schriftstellerin – ein Spitzenagent des chilenischen Geheimdienstes – „Verschwundene“ zuvor mit Elektroden zutode gefoltert hatte.

    Diese Episode des Chilenischen Nachtstücks ist ebenso authentisch wie die Unterhaltungen des chilenischen Diplomaten und Schriftstellers Salvador Reyes mit Ernst Jünger „in jenem, dem germanischen Willen unterworfenen“ Paris der deutschen Okkupation – „einem der reinsten Männer, deren Bekanntschaft er in Europa gemacht hatte“, wie Don Salvador Reyes in seinen Erinnerungen berichtet. „Es sollte uns mit Stolz erfüllen“, kommentiert Urritia Lacroix diese Episode der chilenischen Literaturgeschichte, dass „von keinem anderen Chilenen, außer Salvador Reyes, in Jüngers Erinnerungen die Rede ist“, womit es Bolano blitzhaft gelingt, den provinziellen Patriotismus des chilenischen Großkritikers aufscheinen zu lassen.

    Man muss aber höllisch aufpassen, um auf dem Laufenden dieses mit verstellter Stimme erzählten Romans zu bleiben. Denn das Chilenische Nachtstück ist voller Fallen, Widersprüche und Unwägbarkeiten. Kein allwissender, auch kein besserwissender Erzähler führt den Leser durch das Labyrinth dieser mäandrierenden Suada des monologisierenden Sebastián Urrutia Lacroixs. Absatzlos erstreckt sie sich über 157 Seiten: eine trübe Melange von Bekenntnissen, Ausflüchten und Geständnissen, durch die das jahrzehntelang Verdrängte sich langsam aufstaut und drängend der wiederholten Frage zutreibt: „Gibt es für all das eine Lösung?“ Die Suada gleicht einer Darmverstopfung: „Und dann bricht er los“, beginnt der letzte Satz des Romans, der zugleich der erste & einzige seines zweiten Absatzes ist: „Und dann bricht er los, der Orkan aus Scheiße“.

    Sein ganzes Leben lang war der Literaturkritiker, Lyriker und Priester „mit sich im reinen“. Aber weil ihn jetzt „ein vergreister Grünschnabel“ als „schwules Opus-Dei-Mitglied“ in Verruf gebracht hat, kramt er auf dem Totenbett aus seiner Erinnerung „alle Dinge hervor, die ich getan habe“ und „die zu meiner Rechtfertigung taugen“. Denn immer habe er „Verantwortungsbewusstsein gepredigt. Jeder Mensch hat die moralische Verpflichtung“, behauptet er zu Beginn seiner salvatorischen Selbstbetrachtung, „sich für seine Handlungen verantwortlich zu erklären, und für seine Worte ebenso, ja, sogar für das Schweigen, denn schließlich fährt auch das Schweigen zum Himmel empor, Gott hört es, Gott allein versteht es und richtet darüber. Vorsicht also beim Schweigen. Meines ist ohne Makel. Damit das klar ist. Vor allem Gott sollte das wissen. Alles andere ist unwichtig. Gott nicht“.

    Der „Fall“ eines unschuldig Schuldigen


    Nun ja, bußfertig kann man dieses Gott empfohlene existenzialistische Credo nicht gerade nennen; borniert und selbstgerecht schon eher – und „klar“ ist da gar nichts. Denn ob er bei seiner „Selbstrechtfertigung“ an seinem Lebensende wirklich die Wahrheit sagt, vor allem die ganze, also auch die verschwiegene: das sei dahin-, besser: es ist dem aufmerksamen, involvierten, beunruhigten, durch Wechselbäder der Ironie und der Phantasmen gegangenen Leser anheimgestellt.

    Roberto Bolano hat für seine „Abrechung“ mit der chilenischen Literatur und deren Protagonisten keine Bauchredner-Puppe erfunden, durch die er spricht; aber auch keinen satirisch leichthin durchschaubaren Pappkameraden, um ex negativo sich selbst und seine Kritik ins richtige Licht zu setzen. So leicht hat er es sich und den Lesern nicht gemacht. Denn sein Selberlebensbeschreiber Sebastián Urrutia Lacroix, der zuletzt erkennt, dass der ihn provozierende „vergreiste Grünschnabel“ doch einzig und allein er selbst, nämlich sein verdrängtes Gewissen ist, dem im ultimo momento „mit rasender Geschwindigkeit“ vor seinem geistigen Auge „die Gesichter (vorüberrauschen), die ich bewunderte, die ich liebte, hasste, beneidete, verachtete (...), die ich beschützte, die ich attackierte, gegen die ich mich verteidigte, nach denen ich vergeblich auf der Suche war“ -: dieser in seinen Grundfesten erschütterte Erzähler ist nichts anderes als das Alter ego: - des Lesers.

    Ein chilenischer Essayist hat in der kindlichen Ignoranz und naiven Weltfremdheit von Bolanos Erzähler eine raffinierte Parodie des Chestertonschen „Pater Brown“ erkennen wollen. Immerhin hat Bolano seinem Chilenischen Nachstück den Chesterton-Satz: „Nehmen Sie die Perücke ab“ als Motto vorangestellt. Ich vermute aber eher – sowohl wegen des existenzialistischen Credos als auch aufgrund des Chestertonschen Appells, ungeschminkt die Wahrheit zu sagen – dass dem Alleskenner Bolano Albert Camus literarisches Lamento „Der Fall“ zur verschwiegenen Vorlage für sein tiefgründiges, in jedem Augenblick ebenso spannendes wie unterhaltendes „Chilenisches Nachtstück“ diente. Eine erzählerisch lange nachhallende Meditation über die Schuld der Unschuld: „So entsteht die Literatur in Chile. So entsteht sie, die große westliche Literatur“ – nämlich während im Keller der Gesellschaft gefoltert wird (und keiner es bemerkt haben will).

    Wolfram Schütte


    Roberto Bolano: Chilenisches Nachtstück. Roman. Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg. C. Hanser Verlag, München 2007, 157 Seiten, 17.90 Euro.

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