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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 00:43

     

    Marlon Brando & Donald Cammell: Madame Lai

    02.07.2007


    Hochseeabenteuer gesetzter mittelalter Herren oder todgeweihte Piraten

    Das hat dem Vermächtnis von Marlon Brando gerade gefehlt: ein sexgeladener, liebevoll kitschiger Seemannsroman in asiatischen Gewässern und rund um einen Helden, der asiatischen Frauen, der See im Allgemeinen und der Piraterie im Besonderen verfallen ist.

     

    Der Roman ist in jeder Hinsicht eine Ansammlung von Unwahrscheinlichkeiten und erzählt dann auch noch eine feist-schmutzige Geschichte, die man ohne weiteres auch wieder zur Seite knallen würde, wenn der Rücken eben nicht diese Namen trüge: Marlon Brando und Donald Cammell, vereint in der Prosa eines Buches. Überschauspieler Brando und der notorisch erfolglose Regisseur Cammell hatten sich in den 1970ern kennen gelernt, zu einem Zeitpunkt als der Stern von Brando schon kräftig Patina angesetzt hatte, um diese gegen Ende des Jahrzehnts, 1979, mit Apocalypse Now noch einmal abzuschütteln – unvorbereitet, fetter werdend, aber mit einer Präsenz, die ihm half, auch einen rigorosen Kommando-Desperado wie Kurtz erfolgreich zu verkaufen. Donald Cammell wiederum hatte 1970 mit dem Untergrundstreifen Performance Aufsehen erregt, in dem eigentlich auch eine Rolle für Brando vorgesehen war. Aus der Zusammenarbeit wurde nichts, Jahre später aber trafen sich Brando und Cammell, richteten sich auf dem polynesischen Atoll Tetiaroa ein, das Brando kraft eines 99-Jahre-Vertrags unterstand, und schrieben dann also den vorliegenden Roman, aus dem eigentlich auch ein Film werden sollte: zu schade, dass das Projekt scheiterte. Der mittelalte Brando wäre die ideale Besetzung gewesen, mehr noch: die einzig überhaupt mögliche Besetzung. Wer etwas wie diesen Roman schreibt, sollte dann auch die Hauptrolle spielen müssen. Brando und Cammell entzweiten und versöhnten sich im Laufe der Zeit über das gescheiterte Projekt. Nach einer bewegten Karriere – „bewegt“ im Sinne von „durchwachsen“ und „na ja, mäßig erfolgreich, aber interessant“ – erschoss sich der unter Depressionen leidende Cammell 1996.

    Brando auf den feister und älter werdenden Leib geschrieben

    Die Geschichte nun also ist Brando auf den Leib geschnitten, und zwar ganz spezifisch dem feister und älter werdenden Brando, der noch mal auf den Putz haut, bevor sich die Alterswehwehchen zu viel Raum verschaffen: keinesfalls ist die Geschichte aber einfaches Seemannsgarn und schon ganz und gar keine freilaufende Männerfantasie aus der Feder zweier Männer nahe an der Midlife-Crisis – auch wenn alles darauf hinzudeuten scheint, und fast unvermeidlich dazu. „Ein phantastisches Hochseeabenteuer“, meint die New York Times Review in ihrer Kritik des Buches, „der Art, die sich heute niemand mehr zu schreiben traut.“ Das liegt sicher daran, dass man einen derartigen Stoff schon seit ungefähr 200 Jahren nicht mehr verwenden kann, ohne dabei eine Schublade zu bedienen, deren Beschriftung irgendetwas zwischen „Romanze“ und „Klamotte“ aufweist. Der Plot passt gemütlich in einen mittellangen Satz oder zwei: der amerikanische Held Anatole „Annie“ Doultry, Schiffseigner im chinesischen Meer des Jahres 1927, sitzt wegen Waffenschmuggels im Gefängnis, von wo aus er über Mittelsleute in die Pirateriegeschäfte der Madame Lai einbezogen wird. Sie veranstalten einen spektakulären Raubzug, Annie schläft mit Madame Lai, schnappt sich anschließend die Beute und verschwindet – Ende des Romans. Wenn es eine Handlung gibt, wächst sie in ziemlich direkter Linie aus Annies Gestalt und seinen Körperwölbungen – „Er muss bestimmt zweihundertzwanzig Pfund gewogen haben, trotz der erheblichen Verluste, die dem widerwärtigen und unzureichenden Gefängnisfraß zuzuschreiben waren.“ – und wälzt sich von dort aus in Phrasen und Bilder aus, die auch die Teilnehmer eines Schreib-Workshops nicht wirklich noch breiter und höher schrauben könnten: „Die große Wolke – dies legte zumindest ihr fauliges, schwefelgelbes Nachtleuchten nahe – war ein Opfer ihrer eigenen Feuchtigkeit geworden und hatte zu schimmeln begonnen.“ – und so weiter. Immer über der Spitze, immer so überdreht, dass die enthaltene Selbstironie zur Geste wird, die die Erzählung trägt: wenn die beiden schon eine Piratengeschichte erzählen, und man merkt an jeder Seite, dass Brando und Cammell ein diebisches Vergnügen gehabt haben müssen, dann aber so richtig, und sie machen den Seemann und Piraten als trinkendes und rülpsendes Wesen erfahrbar, nicht als politisches Wesen. Kuomintang und Kommunisten werden bestenfalls in Fußnoten mal erwähnt: „Annie hatte sich noch nicht festgelegt. Er wusste mit diesen Lagern und Bezeichnungen nicht so recht etwas anzufangen.“ Und auch das ist nur begrenzt wahr: dieser Möchtegern-Pirat definiert seine Weltanschauung über den Bauch, trinkt vorzugsweise deutschen Schnaps, hat reihenweise asiatische Frauen und hat auf seinem eigenen Boot den Afroamerikaner Barney als ersten Offizier installiert – einen Genussmensch-Kosmopolit der letzten Dinge. „Ein Mensch“, so die seine Sicht der Dinge, „kann nur eine Rasse verraten, und das ist die Rasse der Zweibeiner. Ich mein jetzt nicht die Paviane. Wie ich es sehe, ist diese Rasse ziemlich verkommen, egal, in welchem Licht man sie betrachtet“ – und ein Friedensbote dazu. Madame Lais Hass-Arien gegen die weiße Rasse und ihrem Einfluss auf die chinesische Kultur begegnet Annie mit einer Ladung weltweisem Brummbär-Schmäh. Und bevor sie sich versieht, hatte er Sex mit ihr, hat sich an Bord ihres Schiffes durchgefressen und anschließend mit der Beute das Weite gesucht.

    Lustvolle Vergeistigung

    Ohne Reue kommt diese Geschichte aber nicht aus. Tatsächlich versucht das Buch über den Text hinauszugehen und einen Kontext zu bauen, der mehr Erklärungen abfedert, als dass er sie fördert. In einem ausladenden Vorwort, übersetzt von Markus Ingendaay, stellt Truman Capote Brando vor, wie er ihn in Tokio kennen lernte, wo Brando 1957 Sayonara drehte, einen Film, der den späteren Roman natürlich in gewisser Weise vorwegnimmt, wenn er von amerikanischen Offizieren erzählt, die während der Besatzungszeit japanische Frauen heiraten. Brando wird unter Capotes Feder zum Philosophen, der bei aller Reflektion den Schalter problemlos umlegen kann von Rationalität auf Sensualität. Damit der Roman nicht nur ein Sinnbild von Brandos auch lustvoller Vergeistigung bleibt, werden außerdem noch ein Vorwort von China Kong beigefügt – Kong, Tochter einer früheren Geliebten von Brando, die Welt ist klein, war mit Cammell verheiratet. Ihr Vorwort nimmt dem Buch ein wenig Charme ab, macht es zum Dumme-Jungen-Streich, für den sich die Familienmitglieder notgedrungen entschuldigen müssen, weil die dummen Jungen ja auch tot sind. Wenn dann zusätzlich noch Filmkritiker und Herausgeber des Buches David Thomson mit einem Nachwort einspringt und die Entstehungsgeschichte des Buches ausführlichst referiert, entsteht endgültig der Eindruck, dem Leser müsse mit großem Nachdruck verdeutlicht werden, dass man eine solche Geschichte unmöglich einfach so lesen kann, ohne bündelweise Hinweise darauf, man solle sie nur nicht zu ernst nehmen. Das funktioniert aber erstaunlich gut. Man hört das Meer schmatzen, und Annie mit ihm. Ein Hoch! Auch mittelalte gesetzte Herren können also todgeweihte Piraten werden:

    „Annie, wer’n wir gejagt?“, fragte Barney.
    „Gejagt?“, wiederholte der phlegmatische Spieler, der auf das Leben und auf den Wind zu setzen gewohnt war.
    „Keine Sorge, Captain“, sagte Barney. „Wir hauen ab.”
    „Barney“, erklärte Annie Doultry, „wir sind so gut wie tot. Der Rest des Lebens hat längst begonnen.“
    „Tot? Wie meinste das?“
    „So endet das Spiel. Anders ist es noch nie gewesen. Also kommt! Machen wir uns einen Spaß daraus.“

    Daniel J. Gall


    Marlon Brando & Donald Cammell: Madame Lai. Deutsch von Gregor Hens. marebuchverlag 2007. 430 Seiten. 19,95 Euro.

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