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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 22:49

     

    Harriet Köhler: Ostersonntag

    24.06.2007


    Erbarmungsloses Familienquartett

    Harriet Köhlers sezierender Blick hinter die Fassade einer so genannten gut bürgerlichen Familie ist nie bösartig oder verletzend. Sie beschreibt – und das mit großem Furor – den alltäglichen Wahnsinn, der gleich hinter der nächsten Ecke lauern kann.

     

    „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, schrieb Leo Tolstoi einst in Anna Karenina. Die 30-jährige Harriet Köhler widmet sich in ihrem Romanerstling vier zutiefst unglücklichen Figuren, deren Familienband an einem seidenen Faden hängt.
    Am Ostersonntag wollen sich die Zeitungskolumnistin Linda und ihr jüngerer Bruder Ferdinand bei ihren Eltern einfinden – zum beinahe rituellen Osteressen. Es brodelt an allen Ecken und Kanten, und wie ein gespenstischer Schleier hüllt der Tod des ältesten Kindes die gesamte Familie ein.
    Harriet Köhler erzählt mit unbarmherziger Schärfe, und sie bedient sich dabei eines geschickten Kunstgriffs. Sie schickt die vier Familienmitglieder durch selbst zerfleischende Monologe. Aber damit noch nicht genug der Seelenqualen: Das Quartett wird einzeln wie vor einen Spiegel gezerrt und ein imaginäres Gegenüber taucht wie ein verstärkendes Echo auf.

    Der alltägliche Wahnsinn

    Vater Heiner war ein renommierter Insektenforscher, leidet nun an Alzheimer, versteckt sich hinter den Buchstaben der Zeitung, die er nicht mehr entschlüsseln kann und verdöst die meiste Zeit vor dem „Discovery Channel“. „Du hast Insekten studiert, ein Bienchen geheiratet, das dir Kinder geboren hat. Du hast sie aufwachsen sehen und fandest sie manchmal entzückend, aber meistens nur interessant.“
    Seine Ehefrau Ulla, die sich vor ihrem eigenen Spiegelbild ekelt, schwitzt gleichermaßen viel in Fitnessstudios wie in Hotelbetten, wo sie mit erheblich jüngeren Männern ein kurzes Vergnügen sucht.
    Auch die Kinder sind – um noch einmal Tolstoi zu zitieren – „auf ihre eigene Weise unglücklich“. Linda, die Kolumnistin, weiß oft nicht, was sie schreiben soll, freut sich aber umso mehr über den Zuspruch ihrer Kollegen, wenn ihr „schöne Formulierungen“ geglückt sind. Privat hat sie nie ihr Glück gefunden und taumelt als Mittdreißigerin regelmäßig durch die Nächte – berauscht von Rotwein und Kokain.

    Ihr Bruder Ferdinand führt ein Dasein wie ein Liebesnomade. Mal schlägt er hier, mal dort für einige Tage seine Zelte auf; das Studium hat er, nach Ausflügen in die Germanistik, Musik, Mathematik und Philosophie, längst geschmissen. „Wie eine Gleichung voller Unbekannten“ kommt ihm sein Leben vor. Ferdinand setzt alles daran, das vermeintliche Familiengeheimnis zu lüften, nachdem ihm ein Abschiedsbrief der toten Schwester in die Hände gefallen ist. Die von den Eltern verbreitete Legende vom Unfalltod ist zerstört.
    Die Familie als Hort des sozialen Austauschs, der vertrauensvollen Kommunikation und des gegenseitigen Respekts hat bei diesen vier Figuren nie funktioniert. Harriet Köhlers sezierender Blick hinter die Fassade einer so genannten gut bürgerlichen Familie ist nie bösartig oder verletzend. Sie beschreibt – und das mit großem Furor – den alltäglichen Wahnsinn, der gleich hinter der nächsten Ecke lauern kann. Ein gleichermaßen beeindruckendes wie beklemmendes Debüt.

    Peter Mohr


    Harriet Köhler: Ostersonntag. Roman. Kiepenheuer und Witsch 2007. 210 Seiten. 17,90 Euro.

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