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Walter Kappacher: Der lange Brief

24.06.2007


Dem Traum folgen oder ihm abschwören?


Der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher (
Selina oder „Das andere Leben“) hat seinen 1982 ersterschienen Roman Der lange Brief in überarbeiteter Fassung nun neu vorgelegt. Statt in die Toskana entführt er die Leser nach Detroit und die australische Wüste nach Alice Springs. Von Wolfram Schütte.

 

Der 1938 in Salzburg geborene Walter Kappacher hat mit seinem 2005 erschienenen Roman Selina bei Kritik und Publikum viel Erfolg gehabt. Das mag auch daran gelegen haben, dass er seinen Ich-Erzähler für eine Auszeit in die Toskana geschickt hatte. Wer hätte da nicht mitreisen wollen?
Aber der sich nie auffällig machende Autor, auf dessen Arbeiten Peter Handke jedoch immer wieder hingewiesen hatte, veröffentlichte seit 1967 Prosa, und seit 1978 war er freiberuflicher Schriftsteller. Der Literaturbetrieb ist aber an seinen schmalen Romanen und Erzählungen ohne viel Aufhebens vorbeigegangen. Nun hat sein neuer Verlag Kappachers 1982 bei Klett-Cotta erschienenen Roman Der lange Brief in einer vom Autor überarbeiteten Form wieder vorgelegt. Auch dieser, schon dieser Roman wird bewegt von der Sehnsucht, „auszusteigen“, das kleinbürgerlich absehbare Leben eines Angestellten der PVA, der „Pensionsversicherungsanstalt“ (arbeitete nicht Franz K. in einer ähnlichen?) hinter sich zu lassen und dem Traum von einem „Anderen Leben“ zu folgen. Das Novalis-Motto gibt weniger das Ziel, als das literarische Programm von Kappachers Der lange Brief an: „Das Leben soll uns kein Gegebener, sondern ein von uns Gemachter Roman sein“.

Der von Kappacher „gemachte“ Roman Der lange Brief besteht aus zwei alternierenden, in einander geschobenen fragmentarischen Aufzeichnungen: dem Tagebuch des PVA-Angestellten Rofner einerseits; und andererseits dem „Roman“, den sein beruflicher & amouröser Vorgänger S. - der vor drei Jahren von heute auf morgen „ausgestiegen“ und seither verschwunden ist - der Chefsekretärin Eva nach seinem Verschwinden geschickt hatte. Rofner – ein „abgebrochener“ Student, der neu in die „Pensionsversicherungsanstalt“ gekommen ist und immer noch bei seinen Eltern lebt - ist fasziniert von dem „Aussteiger“, einem offenbar gebildeten Doderer-Leser, von dem immer noch in der PVA die Rede ist. Zielstrebig macht er sich an die Chefsekretärin heran und beginnt eine halbherzige Liebesaffäre mit Eva, weil sie als ehemalige Geliebte des S. jenen „Langen Brief“ erhalten hat, von dem der zögerliche Rofner Aufschluss über das mutige Verschwinden von S. aus dem Einerlei des absehbaren Angestellten-Lebens erhofft.
Während Evas Abwesenheit findet & liest er, was S. der verlassenen Geliebten geschrieben hatte, um sie zur Nachfolge aufzufordern, das „Fließband“ zu verlassen und mit ihm aus dem „wirklichen“ in das „andere Leben“ überzuwechseln. Vergeblich – weil Eva offenbar noch nicht einmal der Leseeinladung gefolgt ist; und sie wird auch nicht Rofners Zen-Buddhistischer Nachfolgeimitation entsprechen und seine werbenden Aufzeichnungen ebenso wenig lesen, gar dem „Spinner“ ins Ungewisse folgen.

Eine Reise ans Ende der Welt

Schrittweise garnt Kappacher die Leser in ein Spiel von Fiktionen ein, die einen wunderlicherweise vom behäbig-kleinkarierten Salzburg in einen apokalyptischen Aufstand gegen die „amerikanischen“ Lebensverhältnisse nach Detroit und von dort in die archaische Unwirtlichkeit der inneraustralischen Wüste um Alice Springs entführt, wo S. – dessen „Langer Brief“ den Hauptteil des Romans ausmacht - auf der Suche nach der „anderen Welt“ von „Moville“, die er nicht findet, dem traurigen Gesang einer unsichtbaren, unbekannten Gruppe von Aborigines lauscht, die mit der modernen Welt noch nie in Berührung gekommen sind. Er war dorthin in Begleitung der alten „Doctora“ gelangt, die rätselhafte prähistorische Felszeichnungen kopiert; und er wird nach dem Tod der Doctora - und der Flucht ihrer gerade erst eingetroffenen Tochter Helen mit dem einzigen verfügbaren Auto - zu einem riskanten, mehrtägigen Fußmarsch in die Zivilisation aufbrechen müssen.
Zweifellos liegt die poetische Stärke des Romans in der tagträumerischen Halluzination, mit der ein Detroiter Aufstand der Massen gegen den „american way of life“ ebenso imaginiert wie die ihm ganz entgegen gesetzte archaische Einöde der australischen Wüste und die Lebenswelten der Aborigines sinnlich & visuell evoziert wird. Dabei erreicht der Österreicher Walter Kappacher das dichteste Beschwörungsfeld seiner literarischen Vorstellungskraft, die einem diese Robinsonade am Ende der Welt und das mähliche Eintauchen seines Erzählers in die „Traumpfade“ magisch vor Augen stellt.
Aber der „andere Zustand“ signalisiert nicht die Ankunft in einem „anderen Leben“, das eine Fata morgana bleibt. Selbst die Nachkommen der australischen Ureinwohner im Reservat können die Zeichen der tiefen Vergangenheit auf den Felsen nicht mehr lesen oder deuten; wie viel weniger erst der Fremde, der sie sammelt und bewahrt – bewahrt und sich sammelt, um als Schriftsteller von seiner Sehnsucht nach einem Anderen zu erzählen?

Überambitionierte Roman-Konstruktion

Der poetische Höhenflug, zu dem sich Kappachers „Langer Brief“ in seinem Zentrum erhebt, lässt eine verschachtelte Romankonstruktion hinter & unter sich, die ebenso überambitioniert wie verwirrend bleibt. Rahmen- & Binnenhandlung werden vielfach miteinander verschränkt, ihr Schnittpunkt ist die schemenhaft bleibende, launische Eva, wobei das wechselseitige erotische Interesse von S. und Rofner an ihr so rätselhaft bleibt, wie ihres an den beiden „Träumern“, mit denen sie ja „eigentlich nichts anfangen“ kann, schon gar nicht mit deren offenbar während ihrer Beziehung unartikulierten Fluchtgedanken.
Denn der „lange Brief“ von S. ist dessen nachgereichte Begründung für sein Verschwinden; und gleiches erhofft sich auch Rofner, dessen letzte Worte lauten: „Hab Geduld mit mir... Lies die Aufzeichnungen“.
Aber die „Aufzeichnungen“ der beiden sensiblen jungen Männer, die an ihrem stumpfen Angestelltendasein und der Brutalität und Gewalt der modernen Gesellschaft leiden, protokollieren ja eher das Scheitern ihrer Träume vom „anderen Leben“, als dass sie ein viel versprechender Prospekt entwürfen, um Eva damit für sich zu gewinnen. Hat sie denn nicht viel eher recht, mit dem „langen Brief“ von S. kurzen Prozess zu machen und Rofner, der „blau gemacht“ hat, für einen „Spinner“ zu halten, dem sie ungehalten zuruft, der „Rückweg in die PVA stünde“ ihm „noch offen“?

Vollends überfrachtet aber hat Kappacher den frühen Roman, indem er sowohl S. als auch Rogner „literarische Ambitionen“ zuspricht. Der Leser sieht sich nämlich kurz vor Schluss mit einem in einem bayrischen Dorf lokalisierten und datierten Brief des S. konfrontiert, in dem dieser Eva mitteilt, dass er nach seinem Salzburger Verschwinden im Hause eines deutschen Freundes Zuflucht gefunden und dort „unter dem Eindruck eines Traums“ seine „schriftstellerischen Versuche“ wieder aufgenommen habe: „Ich hab in diese Geschichte auch alles hineingelegt, was ich Dir je sagen wollte und nicht sagen konnte, weil Du nicht zugehört hast“. Was aber wollte S. seiner Eva sagen, wenn sie diese Reise ins revoltierende Detroit, wo der Erzähler auf eine Eve trifft, mit der zusammen er nach Australien flieht, wo sie ihn bald darauf spurlos verlässt, zuende gelesen hätte? Was sollte ihr hier durch die „Blume“ eines Romanentwurfs gesagt sein oder werden - dass er von seinen Träumen geheilt sei, weil er ganz am Ende des Briefs gesteht: „Ich bin nicht mehr derselbe wie der vor einem Jahr“? Soll sie gar den zu seiner „wahren“ Profession als Schriftsteller aufgebrochenen S.: - bewundern (& daraufhin lieben)?

Zumindest wir aber dürfen es tun. Denn S. teilt seiner Nicht-Leserin detailliert mit, dass er weder in Detroit noch in Australien war und dass seine halluzinatorische Vorstellungskraft von zwei traumatischen Erfahrungen im Hochgebirge und Zürich provoziert und von zwei Büchern über Australien ausgefüttert wurde. Der Leser tut also recht daran, in diesem Geständnis einer Romanfigur aber vornehmlich den berechtigten Stolz Walter Kappachers auf seine literarische Imaginationsfähigkeit zu erkennen.

Wolfram Schütte


Walter Kappacher: Der lange Brief. Roman. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag. Wien 2007. 191 Seiten, 18.40 ¤

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