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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:42

    Nagel: Wo die wilden Maden graben

    10.06.2007

    Sinnierender Punkrocker

    Ein uncooler Tourroman über das Leben zwischen Konzertbühnen, Backstagesofas und der eigenen Wohnküche, die ein echtes zu Hause nicht ersetzen kann. Von JAN SEDELIES

     

    Wenn Tourberichte alternder Musiker in Büchern verarbeitet werden, trifft man oft auf eine Vielzahl von klischeebesetzten Mucker-Platitüden: Groupies, kaputte Hotelzimmer und die tiefenpsychologische Erkenntnis, dass der einzig echte Spirit der des Rock 'n' Roll ist. Auch der Sänger der erfolgreichen deutschen Punkband Muff Potter namens Nagel illustriert in seinem Debütroman einige solcher Ausfallschritt-Passagen: „Gleich beim ersten Bassdrumschlag stehe ich total unter Strom. Es geht durch die Beine in den Arsch in den Bauch, es umnebelt Herz und Hirn. Ich trete auf meinen Verzerrer und halte meine Gitarre an die Box. Die Rückkopplung sagt mir alles, was ich wissen muss. Die reine Wahrheit. Die pure Energie.“

    Aber damit endet zum Glück die Gefühlsduselei für ein paar gut gesetzte Akkorde. Denn der Tourroman Wo die wilden Maden graben ist keine reine Punkrockprosa-Sammlung, sondern eher ein beklemmender Roman über den Alltag von Musikern, und zwar in einer klaren, geradezu uncoolen Sprache. Es geht darum, sich nicht mehr im eigenen Supermarkt zurechtzufinden, den Sinn des Lebens auf einer Rückbank in einem winzigen Tourbus in irgendeiner Musikzeitschrift zu vermuten, um die Schattenseiten eines Daseins, das nur unterwegs stattfindet. Nagel beschreibt das Leben eines deutschen Punkmusikers auf einer vierwöchigen Tournee: Er erzählt von der Angst, alles falsch zu machen, von dem Gefühl, etwas zu verpassen, und dem Eindruck, so weit am Rand der Gesellschaft zu stehen, dass eine Rückkehr unmöglich scheint.

    Nagel beschreibt zum Beispiel eine Szene, in der die tourende Band mitten auf dem Weg von einem Konzert zum nächsten Halt macht, um auf einem ihrer Banner einen Schnee bedeckten Berg hinunterzurodeln. Eine kindliche Freude und Naivität lassen die Musiker aus ihrem Trott ausbrechen – ein Hauch von echtem Leben. Man hat das Gefühl, hinter all den Mythen eines ausgelassenen Rockstarlebens voller Intensität steckt doch nur der Wunsch, nach einem zu Hause. Ausgerechnet im lauten Tourbetrieb zwischen Punkkonzerten, Backstagepöbeleien und nervigen Fans sucht Nagels Protagonist nach Ruhe. Er spürt eine Sehnsucht nach Normalität, lehnt sie aber zugleich ab. Und dieser scheinbar unlösbare Widerspruch wirft ausgerechnet Fragen nach Glück und Zufriedenheit auf – und verleiht diesem wunderbaren Roman Tiefe.

     

     

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